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Er hoppelt bis Tokio: "Der Hase mit den Bernsteinaugen" in Linz | BR24

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Kritik "Der Hase mit den Bernsteinaugen" Linz

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Er hoppelt bis Tokio: "Der Hase mit den Bernsteinaugen" in Linz

Edmund de Waal erzählte in seinem Bestseller 2010 die Geschichte seiner einstmals wohlhabenden Familie anhand einer Sammlung von Netsuke, japanischen Schnitzereien, die Weltkriege und Judenverfolgung überdauert haben. Auch als Musical überzeugend.

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So runde 200 Jahre ist dieser Hase mit den Bernstein-Augen schon unterwegs, und mangelnde Kondition ist ihm dabei nicht vorzuwerfen. Er hoppelte immerhin von Japan nach Europa und wieder zurück, also quer durch die Weltgeschichte. Dass er dabei nicht zu Schaden kam, das ist ein Wunder, das auf jeden Fall für ein Buch und ein Musical taugt. Was es mit dem Hasen auf sich hat, das erzählte der britische Keramik-Künstler Edmund de Waal 2010 in seiner etwas unübersichtlichen, aber sehr erfolgreichen Familiensaga. Über mehrere Generationen wird darin das Schicksal der jüdischen Bankiersfamilie Ephrussi beschrieben, die in Odessa im Getreidehandel zu Reichtum kam, nach Wien und Paris auswanderte, im Ersten Weltkrieg viel Geld verlor und schließlich von den Nationalsozialisten ruiniert wurde.

In der Vitrine an der Ringstraße

Das einzige, was vom Wohlstand übrig blieb, war eine Sammlung von 264 japanischen Elfenbein- und Porzellanfiguren, sogenannten Netsuken (Aussprache Netsken), dekorativen Knöpfen oder auch Broschen zur Befestigung von Kordeln an traditioneller japanischer Kleidung. Der Hase mit den Bernstein-Augen, einer dieser Netsuken, steht also zunächst für fernöstliche Mode und Tradition, dann für die gebildeten europäischen Sammler, also die Familie Ephrussi, deren Vorfahre Charles an den Figuren Gefallen fand und sich diese Laune leisten konnte. Der Hase mit den Bernstein-Augen landete wie alle anderen Netsuken in einer Vitrine im repräsentativen Familiensitz der Ephrussis an der Wiener Ringstraße und überstand dort Krieg und Verfolgung.

© Reinhard Winkler/Landestheater Linz

Was ist im Koffer?

Erzwungene Heimatlosigkeit der Familie

Ein homosexueller Nachfahre namens Iggie, der als GI nach Europa kam, nahm die Sammlung erst mit nach Kalifornien, dann nach Tokio, also dorthin, wo die Netsuken ursprünglich her stammten. Von dort aus kam der Hase dann testamentarisch abermals zurück nach Europa, in die Hände von Edmund de Waal, der als Professor für Töpferei in London arbeitet und mit Leidenschaft und Akribie die Lebensstationen des Hasen und seiner Besitzer nachzeichnete. Ja, das überzeugt, nicht nur im Buch, sondern auch in der Musical-Fassung von Henry Mason und Thomas Zaufke am Landestheater in Linz. Über gut drei Stunden ist der Hase hier ein Sinnbild für die erzwungene Heimatlosigkeit der Familie Ephrussi im Besonderen und der Juden im Allgemeinen. So sehr sie sich auch anstrengen, so sehr sie sich anpassen, patriotisch zeigen, Kriegsanleihen kaufen und Kaiser Franz-Joseph huldigen, der Antisemitismus ist immer stärker als sie.

© Reinhard Winkler/Landestheater Linz

Auf dem Weg ins Exil in die Slowakei

Untypisch dokumentarisch für das Genre Musical

Wiens Oberbürgermeister Karl Lueger hetzt gegen sie, die Nazis machten aus dem Familien-Palais in Wien eine Außenstelle des berüchtigten "Amts Rosenberg", das für ideologische Reinheit zuständig war. Henry Mason, der den Text geschrieben hat, inszenierte das alles weder düster-anklagend, noch rührselig, sondern mit dokumentarischer Nüchternheit, wie sie für das Genre Musical völlig untypisch ist. Die von Jan Meier entworfene Bühne sieht aus, als ob ein Stück von Peter Weiss oder Bert Brecht auf dem Spielplan steht: Das Orchester thront auf einem Podest, davor ein Bildschirm, auf dem wichtige Archivalien eingeblendet werden - Gemälde, Reisedokumente, Familienfotos. Auf der sterilen, weißen Spielfläche davor steht blutrot die Vitrine mit den Netsuken, um die sich hier alles dreht.

© Reinhard Winkler/Landestheater Linz

Elegante Gesellschaft in Paris

Musikalisch arbeitet Komponist Thomas Zaufke neben zeittypischen Tanzrhythmen wie Charleston und Swing viel mit Hymnen, Chorälen und Oden, also eher pathetischen Formen, die gerade deshalb einen scharfen und wohltuenden Kontrast zur nüchternen Ausstattung bilden, auch wegen der teils entlarvend treffenden Choreographien von Francesc Abós. Eigenartig die Wirkung, die dabei herauskommt, fast schon verblüffend der Sarkasmus, ja Galgenhumor. So ist zu hören, dass Juden in jedem Land der Erde immer den "Ausgang" im Auge behalten müssen, sich also niemals sicher fühlen können: Die Anwältin Elisabeth, eine geborene Ephrussi, lebt Jahre in England, gibt ihren holländischen Pass aber aus "Sicherheitsgründen" niemals ab. Und noch eine bittere Botschaft hält ein Nachfahre bereit: Nicht erben zu müssen sei ein Segen, denn unter der Last der Vergangenheit, der Verantwortung, des Reichtums, bricht diese Familie in viele Teile auseinander. Zum Bankgeschäft fühlen sich die wenigsten berufen.

Auch in Linzer Werbebroschüren ist NS-Zeit Thema

Edmund de Waal war von der Linzer Musical-Dramatisierung seines Buchs zu Tränen gerührt. Christof Messner spielt ihn recht glaubwürdig als gestressten Familienvater zwischen Smartphone-Klingeln, Kinder-Fragen und Archiv-Recherchen. Gut, dass das Landestheater Linz diese Auseinandersetzung mit der Geschichte nicht scheute - und löblich, das selbst das dortige Tourismus-Amt inzwischen sogar in Werbebroschüren ganz offen über die unrühmliche Rolle der Stadt im Nationalsozialismus aufklärt. So wird keineswegs mehr verschwiegen, dass in Hitlers erklärter Lieblingsmetropole die berüchtigten NS-Schergen Ernst Kaltenbrunner und Adolf Eichmann geboren wurden.

Wieder am 4., 17., 24., 27. und 30. Mai, weitere Termine.

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