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Der Geschlechterkampf in Ibsens "Nora" wird zum ironischen Spiel | BR24

© Bayern 2

Premierenkritik: Andreas Kriegenburg inszeniert Ibsens "Nora" in Nürnberg

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Der Geschlechterkampf in Ibsens "Nora" wird zum ironischen Spiel

Vergiftete Beziehungen und Geschlechterklischees – diese Themen machen Ibsens "Nora" auch heute noch aktuell. Andreas Kriegenburg macht in seiner Inszenierung am Staatstheater Nürnberg aus dem Geschlechterkampf ein Kinderspiel.

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Es kann einem schon etwas unbehaglich werden im Angesicht dieser Urmutter aller sich dramatisch emanzipierenden Frauen, dieser Ibsenschen Nora, dieser Direktorengattin und Kindsmutti, die am Schluss des Dramas auf eigene Faust ihrem patriarchalischen Puppenheim entflattert. Denn letztlich ist auch sie – vor 140 Jahren – wieder nur einer Männerphantasie voller Klischees entsprungen.

Klassisch, geht nicht: Schluss mit der Männerphantasie

Dass sie dieses Unbehagen teilen, daran lassen in Nürnberg Regisseur Andreas Kriegenburg und sein Ensemble gleich von Beginn an keinen Zweifel. Und so macht Pauline Kästner in einer Art vorgestelltem Prolog mehr als deutlich, dass sie – als Frau von heute – dieser Nora überhaupt nichts abgewinnen kann, dass sie für sie als Schauspielerin aber ein gefundenes Fressen ist: "Die gebildete Schauspielerin, die annimmt, was sie als Feministin ablehnt, und es ablehnt, in einer Vorstellung eine Frau vorzustellen, die sich ein Mann vor über 100 Jahren vorstellte, als er sich dachte: Boah, hey ich schreib mal was über so eine Frau, so eine Eingesperrte, in der Beziehung und im ganzen System eingesperrte. … Geil ... ."

Die klassische Nora also geht nicht mehr. Trotzdem wird Pauline Kästner langsam in diese Rolle und damit in Ibsens Stück einsteigen. Und wird dabei im Laufe der Zeit alle Register ziehen: von der Entertainerin bis zur Verängstigten und von der erotischen Frau bis zu derjenigen, die das Spiel selbstentblößend durchschaut. Und: sie wird sich so beeindruckend ins Zentrum dieser Inszenierung spielen.

Statt Geschlechterkampf: Spiel, Spaß und Ironie

Dabei wird sie sich dann doch mehr und mehr ganz in ihre Nora verwandeln und damit durch jene Geschichte gehen, die von einer in Rollenklischees eingefahrenen Ehe handelt, die irgendwann von ihrer eigenen Vergangenheit eingeholt - so aus der Bahn geworfen wird, dass sie am Schluss vor ihren eigenen Trümmern steht. Dass diese neue Nürnberger Nora zugleich eine Frau von heute ist, auch daran lässt die Inszenierung von Andreas Kriegenburg von Beginn an keinen Zweifel, und so ist ihre Ehe mit Torwald nicht mehr von jenem offensichtlichen Gefälle geprägt, mit dem noch Henrik Ibsen die Geschlechter aufeinanderprallen ließ. Jetzt ist zunächst einmal alles Spiel, Spaß und Ironie und das immer mit einem leicht erotischen Unterton, der beiden Partnern die Sicherheit gibt, dass sie sich nichts vergeben. Dass sich unter dem spielerischen Firnis Abgründe von Angst und Aggression auftun, das wird erst im Verlauf des Abends deutlich.

© Konrad Fersterer

Nackt und hingestreckt - Frauen- und Bühnenbild in Kriegenburgs Inszenierung

Rollenklischees und Gendercross

Bühnenbreit ist das Bild des nackt hingestreckten Frauenleibes, den Regisseur Andreas Kriegenburg als sein eigener Bühnenbildner als eindrucksvolles Zeichen in den Hintergrund seines Raumes projiziert hat, der sich vom schmalen Bilderstreifen bis zum großen Saal öffnen lässt. Was zunächst einmal fast wie eine billige Reminiszenz an längst vergangene Klischees wirkt, wird in seiner Inszenierung zum Symbol der noch immer funktionierenden Rollenspiele der Geschlechter. Denn während Nora, die Frau, dieses Bild ihres eigenen Körpers selbstbewusst für sich einzusetzen weiß, muss Torwald, der Mann, noch immer mit Leistung dafür kämpfen, dass er dieses Bild gleichsam besitzen darf.

Und genau darauf wollen Andreas Kriegenburg und sein Ensemble mit ihrer in Text und Ästhetik mehrmals herrlich durch den Fleischwolf der Gegenwart gedrehten Nora hinaus: dass es heutzutage längst beide Geschlechter sind, die sich - gefangen in den Käfigen ihrer gesellschaftlich verhärteten Rollen – nach Freiheit sehnen, ohne allerdings zu wissen, wie diese Freiheit aussehen könnte, noch dazu gemeinsam: als Frau und Mann; dass moderne Ehen gespielt werden wie Kinderspiele, wo eigentlich eine erwachsene Auseinandersetzung auf Augenhöhe notwendig wäre; dass sie beide also erst reifen müssten für ein wahrhaftes Miteinander. Und so enden diese Nora und ihr Torwald in Nürnberg in einer fulminanten Schlussrunde im Gendercross als traurige Clowns, die zueinander wollen, aber nicht zueinander können. Großartig.

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