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Der Garten – eine Ortsbestimmung zwischen Paradies und Politik | BR24

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Die Kunsthistorikerin Judith Elisabeth Weiss forscht seit vielen Jahren zum Verhältnis von Pflanzen und Menschen. In Theo.Logik schildert sie, was Gärten über die Gefühle der Menschen erzählen und warum das Gärtnern oft als so heilsam empfunden wird.

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Der Garten – eine Ortsbestimmung zwischen Paradies und Politik

Dieser Tage weiß sich glücklich, wer einen Garten hat, wohin er seinen vier Wänden entflieht. Der Garten – ein Sehnsuchtsort seit jeher; paradiesisch im Ursprung und heute auch politisch, sagt die Ethnologin Judith Weiss vom Leibniz-Zentrum Berlin.

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"Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus", heißt es im Volkslied. Und in diesem Jahr tut die Corona-Pandemie ihr übrigens, damit es die Menschen hinaus ins Grüne treibt. Denn damit verknüpft der Mensch Ruhe und Frieden, sagt Judith Elisabeth Weiss, Kunsthistorikerin und Ethnologin am Leibniz-Zentrum für Literatur und Kulturforschung in Berlin.

Der Garten ist – derzeit mehr denn je – "eine Verheißung von Lebendigkeit und Glück". In angespannten Zeiten, geprägt von Nachrichten über Krankheit und Todesfällen, tue sich hier die ganz besondere Bedeutung der Gärten auf.

Harmonie aus Tieren, Pflanzen und dem Gärtner

"Wenn man sich nun auf einen Gang durch die Kunst und Kulturgeschichte des Gartens begibt, dann wird man feststellen, dass der Garten schon immer für glückhafte Momente gesorgt hat", sagt Weiss. Denn der Garten sei "ein Paradebeispiel des harmonischen Miteinanders" mit seiner Vielfalt von Pflanzen und Tieren. "Und natürlich gehört auch der Gärtner dazu. Und diese Symbiose, die eben alle Akteure eines Gartens miteinander eingehen müssen, stellt sich als eine Form des Guten und gelingenden Zusammenleben dar."

Und so gehört der Garten auch zur biblischen Paradiesvorstellung, im Buddhismus oder Hinduismus spielt der Paradiesgarten ebenfalls eine feste Rolle. "Die Lesart geht, dass jeder Garten ein Echo auf den Paradiesgarten ist", sagt Weiss. "Das heißt also, dass mit dem Garten Ansichten und Vorstellungen des Paradieses auf die Erde verlagert werden und sich an ihm dann natürlich auch kulturgeschichtlich ablesen lässt, was als paradiesisch fantasiert und imaginiert wird."

Ein umzäunter, niemals vollendeter Ort

Doch meint "Garten" auch immer einen "umzäunten Ort"; ein Stück Natur, das aus der übrigen Umgebung herausgelöst ist. Und so stand das Wort "Garten" – vom Indogermanischen her abgeleitet – ursprünglich tatsächlich auch für "Zaun". Das Wort "Paradies" hat hebräische, griechische und lateinische Wurzeln und bezeichnete ursprünglich eine Fläche, die von einem Wall umgeben ist. "Das heißt also: 'Garten' und 'Paradies' sind allein in ihrer ursprünglichen Wortbedeutung eng miteinander verwandt", sagt die Ethnologin.

Im heimischen Garten geht es derweil auch ums Anpacken, Hegen und Pflegen – zumal in Zeiten von Corona, wenn schon der große Kosmos in gewisser Weise entgleitet. Hier wird deutlich, was Judith Weiß meint, wenn sie den Garten eine "Schnittstelle zwischen Natur und Kultur" nennt: Das natürliche Refugium wird bebaut, umfriedet und angelegt. "Es geht darum, Ordnung zu schaffen", die aber durch das permanente Wachsen und Verändern niemals zu ihrem endgültigen Abschluss kommt. "Das Interessante am Gärtnern ist ja eigentlich auch, das Zusammenwirken sämtlicher Faktoren zu sehen; die verschiedenen zeitlichen und räumlichen Schichten, die Zyklen von Wachstum, Blüte und Vergehen."

Urban Gardening – auch in Städten lässt sich gärtnern

Glücklich, ja fast schon privilegiert also, wer einen Garten hat. In Großstädten bleiben oftmals nur die Parkanlagen. Die Ethnologin verweist aber auch auf so genannte Urban Gardening-Projekte, die bereits in den 1970er-Jahren als Graswurzelbewegung in New York etabliert worden sind. Ein "Symptom einer neuen Lebenskultur im 21. Jahrhundert" nennt es Weiß, denn beim Urban Gardening kann jeder mitmachen. Die "Grenze zwischen Biotop und Soziotop" werde aufgehoben, ebenso die zwischen privatem und öffentlichem Raum. "Hinzu kommt, dass die urbanen Gärten so eine Vision von einer grünen Stadt haben. Also da geht es natürlich auch um ökologische Faktoren und eben vor allem um die sozialen Aspekte des Zusammenlebens", sagt Weiß.

Gärten sind auch ein Politikum

Hier zeige sich auch die politische Dimension von Gärten, wie sie in vielen Ausstellungen schon thematisiert worden sei. "Das ist natürlich in einer Zeit der Ökokrise, der Fundamentalismen und auch der immer wieder beklagten Verrohung der Gesellschaft von großer Bedeutung", meint die Ethnologin. "Und ich denke mal, dass es vor allem auch die symbiotischen Kräfte sind, die die Garten-Metapher gegenwärtig attraktiv machen, weil der Garten natürlich auch so ein Ort ist, in dem Zusammenleben gelingt und gelingen kann."

In diesem Sinne habe auch der Pflanzenökologe und Landschaftsarchitekt Gilles Clément darauf aufmerksam gemacht, dass die Art und Weise, wie man die Welt versteht, natürlich auch zur unmittelbaren Konsequenz habe, wie man mit ihr umgeht. Wer also im kleinen Garten das Zusammenwirken sämtlicher Faktoren erkenne, werde auch im Großen einen Blick dafür haben, dass alles mit allem zusammenhängt. Der Garten ist also weit mehr als eine naiv-grüne Idylle. Er ist im Gegenteil ein gesellschaftliches Versuchslabor für eine Welt von morgen.

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