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Der Gang vor die Hunde: Deutsche Filme auf der Berlinale | BR24

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Bildrechte: dpa-Bildfunk Reiner Bajo

Kammerspiel in der Kneipe: In seinem Regie-Debüt "Nebenan" spielt Daniel Brühl auch die Hauptrolle

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    Der Gang vor die Hunde: Deutsche Filme auf der Berlinale

    Das deutsche Kino hat diesmal einen besonderen Auftritt bei der Berlinale. Unter den 15 Wettbewerbsfilmen sind vier aus Deutschland. Nur wie gut sind die neuen Werke von Maria Schrader, Dominik Graf oder das Regiedebüt von Schauspieler Daniel Brühl?

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    Von
    • Moritz Holfelder

    Dieter Bachmann ist Lehrer in Stadtallendorf, einer hessischen Kleinstadt in der Nähe von Marburg. 21.000 Einwohner. Ab 1938 bauten die Nazis zwei riesige Rüstungsfirmen. Außerdem gab es für die dort beschäftigten Zwangsarbeiter ein KZ-Außenlager von Buchenwald. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen viele Vertriebene aus den Ostgebieten in die Kommune. Neue Fabriken entstanden, Gastarbeiter siedelten sich an. Stadtallendorf wurde zu einem Melting Pot. Türken. Bulgaren. Russen. Marokkaner. Kasachen. Italiener. Deutsche. Rumänen. Vieles mischt sich in Stadtallendorf. Das ist die Ausgangslage für den Lehrer Bachmann, der eine Klasse mit rund 20 Schülerinnen und Schülern unterrichtet, alle zwischen zwölf und 14, aus verschiedenen Ländern und die meisten mit geringen Deutschkenntnissen.

    Klingt nach einem sozial engagierten Dokumentarfilm, aber was Regisseurin Maria Speth und ihr Kameramann Reinhold Vorschneider daraus machen, ist eine Sensation! Dank der klug komponierten und montierten Cinemascope-Bilder glaubt man als Zuschauer bald, in einem Spielfilm zu sein, mit bewundernswerten Protagonistinnen und Protagonisten. Bei einer Länge von immerhin 217 Minuten (etwas mehr als dreieinhalb Stunden) gibt es in "Herr Bachmann und seine Klasse" keinen Moment, in dem Langeweile aufkommt. Die Zeit vergeht wie im Flug.

    Unterricht als großes Kino: "Herr Bachmann und seine Klasse"

    Bald meint man, einem Wunder beizuwohnen: So neugierig auf das Leben der Jugendlichen in seiner Klasse und empathisch agiert Dieter Bachmann, dass sich dem Betrachter die Augen vor Glück und Rührung immer mal wieder mit Tränen füllen. Der Lehrer paukt nicht Stoff, er unterrichtet das Leben: Mal geht es um Heimat, mal um Solidarität, mal um das babylonische Gewirr der Sprachen, mal um Respekt, mal um Homosexualität, mal um Till Eulenspiegel und die Macht, bevor dann die ganze Klasse Musik macht und so auf eine ganz spezielle Art zusammenkommt. Der Gedanke liegt nahe: Hätten alle Kinder und Jugendlichen einen solchen Lehrer (gehabt), der sein Klassenzimmer gemeinsam mit den Schülern als eine Art Wohnzimmer begreift, wäre unsere Welt vermutlich eine bessere: Lernen ist das eine (wird schon auch gemacht), die Entwicklung einer emotionalen Intelligenz das andere. Bildung kann so umwerfend sein – hier als ganz großes Kino! Tragödie und Komödie. Einen Lehrer, der einen Schüler auch mal lobt, weil er so mitreißend lachen kann, wünschte man sich in jeder Klasse.

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    Bildrechte: dpa-Bildfunk Hanno Lentz

    Der Traum vom großen Schriftsteller: Tom Schilling überzeugt in Dominik Grafs Erich-Kästner-Verfilmung als Werbetexter Fabian

    Stadtallendorf wird man nach diesem Erlebnis auf der Landkarte des deutschen Films für immer eintragen müssen. Die Spitzenposition nimmt dort natürlich Berlin ein. Das erlebt man im Wettbewerb der Berlinale. Denn die drei weiteren deutschen Produktionen spielen alle in der Hauptstadt. Wobei Dominik Graf sich in seiner Erich-Kästner-Verfilmung "Fabian oder Der Gang vor die Hunde" dem Mythos des wilden Dreißiger-Jahre-Berlins nähert und es filmisch ungemein raffiniert anstellt, Zeitebenen zu verbinden: das Berlin nach dem Ersten Weltkrieg, dann gut zehn Jahre später gegen Ende der Weimarer Republik sowie das der Gegenwart. Die Stadt brodelt, das Leben oszilliert zwischen Vergnügungssucht und Resignation, in der Gesellschaft gärt es. Kriegstraumata, Arbeitslosigkeit, Agonie, Freundschaft und die Sehnsucht nach Liebe fangen Dominik Graf und sein Kameramann Hanno Lentz mit fiebrigen Bildern ein, die zwischen Stummfilmästhetik, Schnittgewittern, Handkameragewackel und klassischen Dialogszenen mäandern – so ungestüm wie meisterhaft.

    Dominik Graf stellt in "Fabian" auch Bezüge zur Gegenwart her

    Tom Schilling knüpft mit seinem leicht schlafwandlerischen Duktus an seine große Rolle in "Oh Boy" (2012) an – so gut hat man ihn schon lange nicht mehr gesehen wie hier als promovierten Germanisten, der sich 1931 in einer Zigarettenfabrik als Werbetexter durchschlägt und eigentlich ein großer Schriftsteller werden will. "Fabian oder Der Gang vor die Hunde" ist auf faszinierende Weise beides: ein Historienfilm und doch ganz auf unsere heutige unstete Zeit zielend auch ein Gegenwartsdrama, in dem das private Glück helfen soll, dem Chaos der Welt etwas entgegenzusetzen.

    © dpa-Bildfunk Britta Pedersen
    Bildrechte: dpa-Bildfunk Britta Pedersen

    Im Clinch mit dem Glücksroboter: Maria Schraders Berlinale-Film "Ich bin dein Mensch"

    "Ich bin dein Mensch": Zäher Kampf mit dem Liebesroboter

    Im Vergleich mit diesen bisher herausragenden Filmen des Berlinale-Wettbewerbs, mit "Herr Bachmann und seine Klasse" sowie "Fabian oder Der Gang vor die Hunde", fallen die beiden anderen deutschen Filme deutlich ab. Maria Schrader schickt in ihrer Beziehungskomödie "Ich bin dein Mensch" die wunderbare Schauspielerin Maren Eggert in einen Clinch mit einem roboterhaften Gegenüber, das nach einem persönlichen Algorithmus des Glücks programmiert wurde. Der Kampf zwischen Mensch und Liebesmaschine entfaltet sich zäh und vorhersehbar, nie gelingt es Schrader, einen originellen oder überraschend witzigen Blick auf das Parshipping der Zukunft zu werfen. Berlin besteht vor allem aus Postkartenansichten, ein wirkliches Gefühl für die Stadt kommt nicht auf.

    "Nebenan": Bemüht konstruiertes Superstar-Schicksal

    Das gilt auch für "Nebenan", das Regie-Debüt des Schauspielers Daniel Brühl, der in der Tragikomödie zudem die Hauptrolle spielt. Schriftsteller Daniel Kehlmann hat das Drehbuch verfasst – die bemüht konstruierte Geschichte eines Kino-Superstars (eben Brühl), der zu einem Casting für einen Superheldenfilm nach London fliegen will. So verlässt er seine Penthouse-Wohnung über den Dächern von Berlin (Gentrifizierung!) und macht vor dem Abflug noch einen kleinen Umweg über eine Berliner Eckkneipe, um sich dort zu erden (Selbstzweifel!). Was er dort wirklich sucht, bleibt offen. Das nun anhebende Kammerspiel konfrontiert ihn mit einem bisher nicht wahrgenommenen Nachbarn (Peter Kurth!), der ihn leidenschaftlich stalkt und mit Stasi-Methoden (Ossi!) das Leben des Stars als große Lüge kenntlich macht. Am Ende sitzen die beiden kumpelhaft in der Kneipe, werden melancholisch und hören alte Schlager.

    Bären für Speth und Graf!

    Was Brühl/Kehlmann damit erzählen wollen, wird nicht klar. Der Gang vor die Hunde besitzt bei Dominik Graf stilistisch wie inhaltlich eine ganz andere Wucht und Unbedingtheit. Und "Herr Bachmann und seine Klasse" von Maria Speth vergisst man sowieso nicht so schnell. Im Wettbewerb der Berlinale werden beide Filme hoffentlich ausgezeichnet. Sowohl "Nebenan" als auch "Ich bin dein Mensch" haben dort nichts verloren.

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