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Nacktes Grauen: Lois Hechenblaikners Fotoband über Ischgl | BR24

© Lois Hechenblaikner

Kein Fasching, sondern der alljährliche Exzess im Tirolerischen Ischgl. Fotograf Lois Hechenblaikner kennt den Wahnsinn seit seiner Kindheit und dokumentiert den Ausverkauf seiner Heimat.

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Nacktes Grauen: Lois Hechenblaikners Fotoband über Ischgl

Der Tiroler Fotograf Lois Hechenblaikner befasst sich seit Jahrzehnten mit dem Massentourismus in den Alpen. Seinen neuen Fotoband widmet er dem jährlichen Party-Exzess in Ischgl. Dokumente des Wahnsinns, die fassungslos machen.

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Der österreichische Fotograf Lois Hechenblaikner ist ein genialer Dokumentarist des nackten Grauens. Geboren im Tiroler Alpbachtal, fotografiert Hechenblaikner seit vielen Jahren schon den massentouristischen Exzess, der sich namentlich in Ischgl alljährlich winters wiederholt. Ischgl – seit diesem Frühjahr bekannt als "Corona-Hotspot", aber für Menschen, die den Ort so wie der 62-Jährige sehr gut kennen, seit langem bereits eine Art "Partnergemeinde von Sodom und Gomorrha". Tatsächlich kommt, wer Lois Hechenblaikners Fotografien betrachtet, aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Skipisten schnapsglas-, sekt- sowie bierflaschenübersät, Menschen, Männer in der Mehrzahl, die komasaufend Sexpuppen wie Voodoopuppen malträtieren und zum Après-Ski in der Schatzi-Bar oder im Kitzloch einkehren, um dort Donald Trumps Wahlspruch "Grab them by the pussy" an Frauen wahr werden zu lassen, die freizügig auf den Theken tanzen. All das ist zu sehen im Fotobuch "Ischgl". Knut Cordsen hat mit Lois Hechenblaikner gesprochen.

Knut Cordsen: Ich dachte, wer einmal gesehen hat, wie es zu Wiesn-Zeiten im Bierzelt zugeht, der sei gestählt und gewappnet, aber selbst ein Münchner Oktoberfest-Besucher dürfte relativ fassungslos vor dem stehen, was Sie auf Ihren Fotografien festhalten.

Lois Hechenblaikner: Für mich war es einfach interessant, in einer Langzeitbeobachtung zu schauen, wie weit die Touristiker dort bereit sind, die Spirale hochzuschrauben. Wo ist das Ende? Mein Buch ist eine Art visueller Geigerzähler des touristischen Wahnsinns. Ich wollte das festhalten in Form einer Langzeit-Dokumentation. Ich war doch immerhin 26 Jahre an diesem Thema dran und hatte deswegen eben diese dichte Sammlung an Bildern. Ich wollte schauen, was aus einem ehemaligen Bauerndorf geworden ist. Früher herrschten in Ischgl die ärmlichsten Verhältnisse, auf einmal kehrte dort der Wohlstand ein. Zweifelsohne hat Ischgl ein fantastisches Skigebiet und tolle Liftanlagen. Aber was dazugekommen ist, ist diese unglaubliche Dimension Alkohol und der Party-Tourismus.

Sie sprechen mit Blick auf Ischgl vom "Delirium Alpinum. Sie sind als Kind von Pensionswirten nicht weit entfernt vom Paznauntal aufgewachsen. Wann hat diese Mischung aus Alkoholabusus und Notgeilheit dort Einzug gehalten?

Ja, wann war das? Ich habe ein Bild im Buch, auf dem sieht man ein Plakat von 1996, mit dem Sado-Maso-Shows beworben werden. Ich glaube, ich habe das damals selbst gar nicht realisiert. Aber ich habe es fotografiert, und deswegen ist es so wichtig, eine Langzeit-Dokumentation zu machen. Der Alpenraum ist so etwas geworden wie ein Überdruckventil für die Leistungsgesellschaft: Druck ablassen gegen Bezahlung. Nehmen wir die Deutschen, die in Ischgl den Hauptmarkt bilden: Der Deutsche muss in seiner Firma wirklich sehr viel Leistung erbringen. Der kriegt sein Geld nicht umsonst. Deutschland ist Leistungsprinzip. Das nährt diese Sehnsucht, Druck abzulassen. Hans-Peter Dürr hat mal gesagt: Das Primitive ist mächtig. Das merkt man halt, dass die Gäste hier abdriften in eine vulgäre Welt. Das ist anscheinend im Menschen angelegt, selbst in den intellektuellen Kreisen. Wenn man sich mal das Milieu anschaut, so ist das doch eine interessante Mischung: Manager sind genauso in Ischgl wie einfache Arbeiter. Die Ski-Kleidung macht sie gleich.

© Lois Hechenblaikner

Die Bilder in Hechenblaikners Fotobänden sind meist nur mit einer Ortsangabe und einer Jahreszahl betitelt – sie sprechen für sich.

Ein Hotelier und Bar-Betreiber aus Ischgl wird im Nachwort Ihres Buches mit den Worten zitiert, man müsse "mehr mit dem Penis denken", um neue Gäste zu erreichen. Eine Table-Dance-Bar wirbt mit dem mehrdeutigen Wort "Abwedeln" um Après-Ski-Gäste. Man sieht auf Ihren Bildern Männerhorden, die mit Motto-Shirts wie "Muschifreunde Karlsruhe" oder "Geile Sau" herumlaufen und Dildos auf dem Kopf tragen – ein Ort totaler Enthemmung. Ist das eine Art Karneval?

Ich habe ja versucht, sozusagen den genetischen Code von Ischgl zu knacken, weil ich mich immer gefragt habe: Warum brauchen die Leute das? Gleichzeitig ist es nicht mein Recht, als Moralapostel aufzutreten und die zurechtzuweisen, sondern ganz im Gegenteil: Als Fotograf versuche ich, mich möglichst neutral zu verhalten und die Leute in ihrer Freude zu lassen. Ja, das ist ganz wichtig, damit ich auch die Bilder machen kann. Nicht wertend hineingehen, sondern einfach als begleitender Beobachter. Also was ist hier passiert? Der Deutsche ist ein sehr, sehr kontrollierter Mensch. Deutschen nimmt man das Geld nicht so einfach ab. Den Deutschen muss man eben einstellen, zwischen 0,5 und einem Promille, da, wo die Wurschtigkeit beginnt – und dann kannst du ihn abmelken. Das haben diese Bergbauern-Buben kapiert. Das ist genial. Sie haben einen nahezu animalischen Instinkt entwickelt, um diesen eingesperrten Menschen abzuholen, so dass er loslässt. Wir sind ja nicht immer kontrollierte Menschen. Was dazukommt, ist die Gruppendynamik. Wenn zu viele Männer beisammen sind, dann werden's deppert natürlich, Frauen ebenso. Keine Frage, es sind ja auch ganz wilde Frauen-Horden, die da durchziehen. Deswegen war es für mich auch wichtig, Bilder weiblicher Enthemmung zu zeigen. Bei dieser ganzen MeToo-Debatte sind eindeutig Männer die Schweine. Aber in Ischgl sieht man, wo auch Frauen hin driften, wenn es ins Dumpfe geht. Dieses Wegdriften in eine dunkle Welt ist schon sehr fragwürdig.

Es gibt in Ischgl auch die sogenannte "Champagnerhütte". Eine Ihrer Fotografien zeigt Rechnungsbeträge aus dieser Champagnerhütte für mehrere Flaschen Montrachet – die Flasche zu je 2.900 Euro. Es ist also auch der reiche Pöbel, der dorthin fährt, um mal die Sau rauszulassen, der geldige Prolet.

Absolut. Wobei ich da ja noch eine kleine Rechnung gezeigt habe. Ich hätte noch eine Preisliste gehabt mit einer Sechs-Liter-Flasche Dom Perignon Rosé. Die Flasche ist vergoldet und kostet 55.000 Euro. Ja, warum denn nicht beim Après-Ski mal eben einen Audi Quattro wegsaufen? Schauen Sie: Der Bankomat an der Talstation von Ischgl hat die zweithöchste Entnahme-Frequenz von ganz Österreich. Der ganze Ort wirkt wie in Hirn-Nebel. Der Gast ist aus der Ratio herausgehoben, und wenn er heimkommt, hat er großes Kopfweh, weil das Konto leergeräumt ist. Aber Hauptsache, es ist in Tirol geblieben.

© Lois Hechenblaikner

Vom Party-Hotspot zum sogenannten "Corona-Hotspot": das Schicksal von Ischgl.

© Lois Hechenblaikner

Berghütten-Romantik neben Red-Bull-Werbung und Party-Abfällen: Lois Hechenblaikner zeigt in seinen Fotografien die Widersprüche seiner Heimat.

© Lois Hechenblaikner

Die Alpen als "Fun Park": Hechenblaikner dokumentiert, wie die Natur Tirols durch Massentourismus missverstanden und zerstört wird.

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Statt Naturerfahrung und Sport lautet das Versprechen: Alkohol und Sex – auf Flatrate-Basis.

© Lois Hechenblaikner

Die Gastronomie ist auf hohen und schnellen Alkoholverbrauch ausgerichtet: die perfekte Maschinerie für den Massen-Exzess.

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"Corona": Der Covid19-Virus hat im sexualisierten Partygewerbe beste Ausbreitungsbedingungen.

© Lois Hechenblaikner

Feiern bis der Arzt kommt: Der Skiort als Ort, um in eine andere Rolle zu schlüpfen und die niedersten Bedürfnisse auszuleben.

© Lois Hechenblaikner

Auf Speed: Auch ein Porsche darf auf der Piste nicht fehlen

© Lois Hechenblaikner

Sommers wie Winter: Wellness in den Bergen gehört einfach dazu und treibt seltsame Blüten.

Das "Handelsblatt" hat Sie mal einen "fotografischen Thomas Bernhard" genannt. Sehen Sie sich als einen solchen?

Es gibt Parallelen, keine Frage. Ich will einfach an den Schmerzkörper kommen, an das Destillat. Deswegen bin ich auch drangeblieben. Jedes Land hat sein eigenes Selbstverständnis, seine eigene Wirklichkeit. Bei mir ist vielleicht das Verrückte, das ich Tiroler bin und einen wahnsinnigen Abstand habe zu diesem ganzen Treiben. Ich will schauen, was die Wirklichkeit ist. Paul Watzlawick hat das in seinem Buch "Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Wahn, Täuschung, Verstehen" so wunderbar beschrieben. Ich frage mich: In welcher Wahnwelt, in welcher Täuschung leben die Tiroler? Wie beschreiben sie sich selber? Was ist die Eigenwahrnehmung und was Fremdwahrnehmung? Deshalb diese Langzeit-Dokumentation. Und jetzt ist mit Corona der richtige Zeitpunkt, Bilanz zu ziehen. Das Buch ist ein visueller Echoraum, ein Spiegel in Form eines Gewissens mit den Mitteln der Fotografie, wo die Tiroler nun mal reinschauen müssen.

Wird man da nicht irgendwann zum Misanthropen, wenn man sich das täglich anschaut?

Durchaus möglich. Gut, es ist ja nur eine meiner Werkserien. Aber es macht ja sonst keiner etwas in der Beziehung. Warum ist keiner da? Auch von den ganzen Medienleuten? Die Lokalmedien schweigen.

© Lois Hechenblaikner

Mit dem Ferienort Ischgl setzt sich der Tiroler Lois Hechenblaikner schon seit Jahrzehnten auseinander.

Wie nimmt man Sie in Tirol wahr? Als Nestbeschmutzer?

Ich habe kein lustiges Leben. Ich lebe auch sehr, sehr isoliert. Im Dorf ist man ganz klar der vollkommene Außenseiter. Und es gibt massivsten Liebesentzug. Unser älterer Sohn geht auch deswegen im Ausland in die Schule. Das ist schon eine harte Nummer. Das muss man auch aushalten können. Aber ich habe immer an meine Arbeit geglaubt. Das Thema muss wahrhaftig sein. Man muss eben dranbleiben und auch an die Arbeit glauben.

Glauben Sie, dass Ihre Bilder einen Wandel im Denken anstoßen können?

Meine Bilder alleine glaube ich nicht. Es ist eine Kombination aus vielem, zu dem jetzt diese Wirtschaftstragödie kommt. Das wirft diese Leute jetzt wahrscheinlich zurück in eine tiefe Nachdenkpause, die sie sonst wahrscheinlich nie gemacht hätten. Sie hätten sonst nie innegehalten. Man darf ja nicht vergessen: Das war bitterste Armut da in Ischgl. Die Leute konnten kaum überleben. Steilstes Bergbauern-Gebiet. Niemals hätten die Leute da drinnen eine Chance gehabt zu überleben. Und auch in Zukunft wird es ohne Tourismus nicht gehen. Hier ist die Frage, ob es ihnen gelingt, den Wandel zu vollziehen. Sie haben es ja selber gesehen, dass sie damit an die Wand fahren. Was ist da los, wenn ein Kind in Ischgl aufwächst, was hat das für einen Eindruck von den Gästen? Sind das Monster, Wahnsinnige, völlig Entgrenzte? Wenn ich als Einheimischer Angst haben müsste, wenn meine Kinder durch den Ort gehen, dann ist schon mal etwas krank.

Der Fotoband "Ischgl" von Lois Hechenblaikner ist im Steidl Verlag erschienen.

© Steidl Verlag

Der Fotoband "Ischgl"

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