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"Die Getriebenen": Die Politik und die "Flüchtlingskrise" 2015 | BR24

© Bild: Volker Roloff /dpa Bildfunk / Audio: BR

Gespräch mit Regisseur Stephan Wagner über seinen Film "Die Getriebenen"

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"Die Getriebenen": Die Politik und die "Flüchtlingskrise" 2015

Was ging vor hinter den Kulissen 2015 in der sogenannten "Flüchtlingskrise"? Stephan Wagners Film "Die Getriebenen" versucht einen Blick hinter die geschlossenen Türen zu geben. Und er zeigt auch: Das Zentrum der Macht ist heute sehr in Bewegung.

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Sommer 2015. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat gerade ihren berühmten Satz "Wir schaffen das!" gesagt. Horst Seehofer, damals noch bayerischer Ministerpräsident, wird eine Obergrenze für Flüchtlinge fordern. Regisseur Stephan Wagner hat die sogenannte Flüchtlingskrise filmisch aufbereitet, basierend auf einem Sachbuch von Robin Alexander. Heute (15.4., 20.15 Uhr und ab sofort in der ARD Mediathek) läuft "Die Getriebenen" im Ersten. Christoph Leibold hat mit Stephan Wagner über den Polit-Thriller gesprochen.

Christoph Leibold: Das filmische Pendant zu einem Sachbuch wäre ein Dokumentarfilm gewesen. Sie haben auch mit dokumentarischem Material gearbeitet, das aber organisch hineingeschnitten in eine Spielhandlung. Und gleich am Anfang heißt es in einer Einblendung in Ihrem Film, es gehe nur um eine "Annäherung" an das politische Geschehen. Klar, denn für einen Spielfilm mussten Sie sich auch Szenen ausdenken, die zwar so ähnlich stattgefunden haben könnten, von denen aber die Öffentlichkeit nicht genau wissen kann, wie sie wirklich abgelaufen sind. Wovon haben Sie sich leiten lassen, um bei dieser Annäherung möglichst nah ans Geschehen zu kommen?

Stephan Wagner: Sie haben völlig Recht, man hätte auch einen Dokumentarfilm machen können, und es gibt auch hervorragende Dokumentarfilme zu diesem Zeitabschnitt. Aber man schaut sich Dokumentarfilme nicht so an, wie man sich Spielfilme anschaut, weil da das Gesetz der Unterhaltung deutlich populärer ist beim Zuschauer als die reine Information. Wir haben uns ganz bewusst für einen Spielfilm entschieden, um eben auch Dinge, die nicht eins zu eins verbrieft sind, aber so gewesen sein könnten, erzählen zu können, um damit die Bindeglieder zwischen den Fakten zu schaffen. Keiner hält den Zuschauer für nicht schlau genug, nicht differenzieren zu können, wann er im Film ein Vieraugengespräch sieht, dass in der Wirklichkeit niemand so eins zu eins belegen kann, außer den Personen, die dabei tatsächlich anwesend sind. Und dann kann man diesen Figuren eben auch Dialoge gegeben, die die Verbindung schaffen zwischen den bekannten Fakten. Da ist der Spielfilm das probate Mittel.

Sich auszumalen, wie es gewesen sein könnte, heißt ja auch, den handelnden Figuren, also den Politikern, mögliche Motivation für ihr Handeln zu geben. Was ich mir bei Angela Merkel gar nicht so leicht vorstelle, ihr Handeln zu verstehen und zu interpretieren, weil sie damals, 2015, ja lange Zeit erstmal – zumindest nach außen hin sichtbar – wenig getan hat, oder?

Richtig, und das ist auch etwas, was wir in unserem Film erzählen: die Frage nach den Motivationen und nach dem Verständnis, warum sich die Situation schlussendlich so entwickelt hat, wie sie sich entwickelt hat. Unser Anspruch war es, jede beteiligte Figur im Grundsatz ihres Handelns nachvollziehbar zu machen.

…wobei der Film den Eindruck vermittelt, dass Frau Merkel aus echter Empathie gehandelt hat, auch wenn sie es vielleicht nicht gleich gezeigt hat, während es zum Beispiel beim damaligen SPD-Vizekanzler Sigmar Gabriel fast umgekehrt ist, zumindest im Film: Der zeigt zwar Mitgefühl, aber eher aus machtpolitischem Kalkül, um gegenüber Merkel zu punkten.

Dann ist das eine Analyse, die Sie machen aufgrund der Fakten, die wir filmisch aufgearbeitet haben. Ich will dem gar nicht widersprechen, dass dieser Eindruck entstehen kann. Aber es ist kein Eindruck, der inszeniert ist um der Inszenierung willen, sondern der eben aus den Fakten und den entsprechenden Bildinformationen, die uns auch vorgelegen haben, hervorgegangen ist. Natürlich gehe ich davon aus, dass unsere Kanzlerin ein Mensch ist und dass sie als Mensch auch nach den Gesetzmäßigkeiten eines emotionalen Menschen handelt. Natürlich wissen wir alle, dass unsere Kanzlerin eine wissenschaftliche Herangehensweise bevorzugt, weil sie eben auch aus der Wissenschaft kommt und folglich das Abwägen von Situationen vor der Impulshandlung bei ihr deutlich den Vorzug hat. Das ist etwas, was man ihr lange auch angekreidet hat. Das ist aber auch etwas, was wir im Zusammenhang mit der Corona-Krise, wie wir sie jetzt erleben, doch auch als wohltuend empfinden. Im Sommer 2015 haben wir das eher nicht als wohltuend empfunden und dementsprechend auch erlebt, wie die Meinung der Öffentlichkeit über der Kanzlerin ja fast schon den Stab gebrochen hat und die Umfragewerte für sie entsprechend in den Keller gerauscht sind. Das sind alles entsprechend dynamische Prozesse, die wir versuchen, im Film nachvollziehbar zu machen.

Sie zeigen auch Machtspiele, also Gabriel versus Merkel, aber auch Markus Söder, der an Horst Seehofers Stuhl sägt. Die Politiker treiben einander vor sich her, sind aber auch Getriebene der Ereignisse. Ihr Film vermittelt das, indem er von Anfang an ein hohes Energielevel an den Tag legt: nervöse Streichertöne, schnelles Switchen zwischen Schauplätzen – Berlin, Brüssel, Budapest. Meetings, Briefings, Telefonate, SMS-Verkehr. Ständig ändert sich die Lage, ständig besteht Handlungsbedarf. Mir ging es beim Zusehen so, dass ich dachte: In der Haut dieser Politiker möchte ich nicht stecken. Darf man auch – trotz ihrer unschönen Machtspiele – Empathie für die Politiker empfinden?

Natürlich darf man das. Wenn ich eins aus dieser Auseinandersetzung mit dem Sommer 2015 gelernt habe, dann ist es das ungeheure Arbeitspensum, das Politiker tagtäglich an den Tag legen. Der Ausdruck von Macht ist eigentlich auch die Tatsache, dass man ständig unterwegs ist. Die einzige Chance, sich Informationsvorteile zu erringen – im Ringen mit anderen, die man dann für Entscheidungen trifft – ist eben, sich unterwegs beraten zu lassen. Und das ist auch ein Sinnbild für diesen Film geworden, wo ständig alle in Bewegung sind und die Entscheidungen fast auf Fluren getroffen werden, um dann eben in Sitzungen exekutiert zu werden. Das Zentrum der Macht heute ist völlig mobil.

© BR/ Erika Hauri

Regisseur Stephan Wagner

Imogen Kogge, die Angela Merkel spielt, sieht der Kanzlerin durchaus ähnlich, auch die anderen Schauspieler wurden nach optischer Ähnlichkeit gecastet. Den Rest erledigte die Maske. Den Sprachduktus ihrer Vorbilder imitieren die Schauspieler aber oft nicht. Imogen Kogge zum Beispiel spricht ganz anders als Merkel. Warum? Um nicht bei der Parodie zu landen?

Das war immer ein großes Abwägen von Figur zu Figur. Die Parodie hätte sich da natürlich sofort draufgesetzt. Wir alle kennen den leichten Sigmatismus in der Aussprache unserer Kanzlerin. Sie hier komisch wirken zu lassen, hätte uns der inneren Wahrheit der Figur keinen Deut näher gebracht. Wir haben uns dafür entschieden, das von Figur zu Figur entsprechend abzuwägen und es dort, wo es möglich war, entsprechend zu bedienen. Ich kann mir beispielsweise Markus Söder ohne seinen fränkischen Zungenschlag nur schwer vorstellen. Und Matthias Kupfer hat in der Rolle des Markus Söder hier einen hervorragenden Job gemacht. Das galt für sämtliche der Figuren: die richtige Balance zu finden zwischen den Äußerlichkeiten, die die Vorbilder der Figuren mitbringen, und den inneren Wahrheiten, um sie dann eben entsprechend zu vermitteln und dem Zuschauer begreifbar zu machen.

Die geschilderten Ereignisse liegen jetzt fünf Jahre zurück, aber das Thema ist ja nach wie vor virulent. Der türkische Staatspräsident Erdogan schickt gerade wieder Tausende Flüchtlinge in Richtung EU, was Griechenland besonders besorgt, weil die Türkei stark von Corona betroffen ist. Gleichzeitig sind wir in Deutschland gerade wegen Corona sehr mit uns selbst beschäftigt. Da fehlt angesichts eines gewissen Maßes an Selbstmitleid vielleicht gerade die Fähigkeit Empathie zu zeigen für Geflüchtete. Kommt der Film zur falschen oder gerade deshalb zur richtigen Zeit ins Fernsehen?

Zu dem Zeitpunkt, als wir den Film gemacht haben, waren die Ereignisse auch schon Vergangenheit. Aber dass sie nie wirklich aus der Aktualität herausgefallen sind, liegt daran, dass die Ereignisse von 2015 immer noch wahlbestimmend sind. Die politische Landschaft hat sich seitdem sehr verändert. Der Syrienkrieg tobt noch immer und fordert Tausende von Opfern. Menschen verlieren immer noch ihre Heimat. Diese Situation hat sich nicht verändert, und die Tatsache, dass die Geflüchteten-Krise unsere Schlagzeilen heute nicht dominiert, heißt nicht, dass es morgen nicht schon wieder ganz anders sein kann. Ich gehe davon aus, dass wir in dem Moment, wo Corona und Vertreibung sich übereinanderlegen und die Flüchtlingslager entsprechend in Mitleidenschaft gezogen werden, eine explosive Mischung beider Themen erleben werden.

"Die Getriebenen" ist am 15.4. um 20.15 Uhr in der ARD zu sehen und ab sofort in der ARD Mediathek.

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