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Die Band Kalush Orchestra aus der Ukraine hält die ukrainische Flagge und Plakate mit der Aufschrift "Brave enough to be ukraine" hoch, als sie während eines Flashmobs im Eurovision Village auf die ukrainische Gemeinde trifft.

Die ukrainischen ESC-Teilnehmer Kalush Orchestra während eines Flashmobs in Turin kurz vor dem Eurovision Song Contest.

Bildrechte: dpa-Bildfunk/Luca Bruno
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    Der ESC und der Krieg: Kein bisschen Frieden

    Im Schatten des Ukraine-Krieges zeigt sich, dass das Credo des Eurovision Song Contest – ein Wettbewerb ohne politische Zwischentöne zu sein – nur schwer einzuhalten ist.

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    Neutral und unpolitisch möchte der Eurovision Song Contest sein. Dies steht im Regelwerk des weltweit am meisten beachteten Musikwettbewerbs festgeschrieben. Angesichts des Kriegs in der Ukraine gibt es aber Zweifel, dass diese Haltung beim diesjährigen ESC vom 10. bis 14. Mai im italienischen Turin durchgehalten werden kann. Die Vergangenheit zeigt, dass sich das Musikereignis nie ganz von der allgemeinen Lage abkoppeln konnte.

    Russland wegen Angriff auf Ukraine vom ESC ausgeschlossen

    Russland sorgte in der ESC-Geschichte wiederholt für Auseinandersetzungen: Moskau war 2009 Gastgeber, ein Jahr nach dem Krieg mit Georgien. Georgien, das den damaligen Ministerpräsidenten Wladimir Putin für den Krieg verantwortlich machte, wollte mit dem Anti-Putin-Song "We Don't Wanna Put In" antreten. Die EBU untersagte das Lied, Georgien verzichtete auf eine Teilnahme.

    2014, nach der russischen Annexion der Krim, pfiff das Publikum beim ESC in Kopenhagen die russischen Tolmachevy Sisters bei jeder Gelegenheit aus. In diesem Jahr wurde Russland vom Wettbewerb wegen des Kriegs in der Ukraine ausgeschlossen.

    Ukraine gilt als Favorit auf den ESC-Sieg

    Dass in diesem Jahr ein anderes Land als die Ukraine gewinnen kann, glaubt zumindest in den Wettbüros wohl derzeit niemand. Trotz des russischen Einmarschs wird das Land aller Voraussicht nach am ESC teilnehmen. Es geht das Kalush Orchestra mit dem Rapsong "Stefania" ins Rennen.

    In der Ukraine wurde in der Vergangenheit der ESC eng mit der Demokratiebewegung im Land verbunden. 2004 gewann Ruslana mit ihren "Wild Dances" den Wettbewerb, was der spätere Präsident Wiktor Juschtschenko als Antrieb für den Umbruch bezeichnete. Es folgte die orange Revolution, in deren Folge Juschtschenko Präsident wurde. 2005 schickte die Ukraine den bei den Demonstrationen zum Hit gewordenen Protestsong "Zusammen sind wir viele" in den Wettbewerb. Der Text war der EBU zwar zu politisch und musste umgeschrieben werden, aber die Verbindung zur Revolution blieb.

    2016 schließlich bewegte sich die Ukraine erneut am Rande des Regelwerks: Das Siegerlied "1944" von Jamala behandelte die Deportation der Krimtataren durch den sowjetischen Diktator Josef Stalin – kurz nach der Annexion der Krim durch Russland ein natürlich eindeutig als politisch zu verstehendes Lied. Die EBU ließ "1944" aber trotz starker Proteste aus Russland zu.

    Auftritt mit Symbolwirkung

    Texte, Ansprachen und Gesten mit einer politischen Natur sind ebenso wie Werbung verboten. Dieses Politikverbot könnte in diesem Jahr spannend werden, weil sich die ukrainischen Starter Kalush Orchestra angeblich etwas für ihren Auftritt ausdachten. Ein Verstoß der Ukrainer könnte trotz der großen Solidarität mit dem von Russland angegriffenen Land geahndet werden. Oleh Psiuk, Mitglied bei Kalush Orchestra, will mit deren Auftritt am Samstag dennoch ein deutliches Zeichen setzen, wie er im Vorfeld verlauten ließ: "Es gibt den Versuch, dass man die ukrainische Kultur zerstören will. Wir sind hier, um zu zeigen, dass die ukrainische Kultur existiert und ukrainische Musik einzigartig ist. Sie hat ihre eigene Schönheit und eigene Handschrift."

    Über keinen Song wird bei ESC so viel gesprochen, wie über "Stefania". Der Song handelt von der Mutter des Sängers, doch wegen einer Textzeile wird er auch als Lied über den Krieg wahrgenommen: "Ich werde immer zu dir kommen, auch wenn alle Straßen zerstört sind", singt Oleh Psiuk. So sehr also die alten ESC-Regeln die Weltpolitik aus ihrem Wettbewerb halten wollen, wird sie im Fall von Kalush Orchestra nicht nur lyrisch ganz konkret: In Turin tritt die Band nicht komplett auf. Ein Tänzer verzichtete auf seinen Platz auf der Bühne und meldete sich für die Landesverteidigung der Ukraine. Auch seine anderen Bandkollegen wollen nach dem ESC so schnell wie möglich wieder in ihre Heimat – um dort ihre Landsleute zu unterstützen.

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