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Der Erfolg der "Holocaust"-Serie war das große Entsetzen | BR24

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Inga Helms-Weiss (Meryl Streep) muss hilflos mitansehen, wie ihr Mann abgeholt und in ein Konzentrationslager gebracht wird.

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    Der Erfolg der "Holocaust"-Serie war das große Entsetzen

    Im Januar 1979 löst die US-amerikanische Fernsehserie eine Schockwelle in Deutschland aus, der heftige gesellschaftliche Debatten folgen. Alice Agneskirchners Doku "Wie 'Holocaust' ins Fernsehen kam" zeigt die Entstehung und Wirkung von "Holocaust".

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    "Es sieht so aus, als würde es in Zukunft ein 'Vor-Holocaust‘' und ein 'Nach-Holocaust' geben, wenn sich jemand - gleich auf welcher Ebene - mit 'Endlösung' und Antisemitismus beschäftigen wird", sagte Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll 1979. Die Ausstrahlung der vierteiligen US-Serie über die Verfolgung und Vernichtung der Arztfamilie Weiss stellt eine Zäsur im Diskurs über den Nationalsozialismus dar: Was gut 30 Jahre verdrängt und im Zuge des Wirtschaftswunders erfolgreich "weg-gearbeitet" schien, schwappte hoch und bewegte die Gemüter und die öffentliche Diskussion wie kaum ein Thema sonst. "Holocaust", der Titel der Serie, wurde 1979 'Wort des Jahres' und war von da an der gängige Begriff für den millionenfachen Völkermord an den Juden, der Shoa.

    "Wie 'Holocaust' ins Fernsehen kam"

    Die Zäsur 'Holocaust' hätte es beinahe nicht gegeben: In Deutschland regte sich schon im Vorfeld der Ausstrahlung heftiger Widerstand gegen die Serie. Sollten uns die Amerikaner jetzt UNSERE Geschichte erzählen dürfen? Der NBC hatte "Holocaust" 1978 in den USA gesendet und die deutsche Presse hatte Wind davon bekommen, dass die ARD einen Ankauf plant. Das vernichtende Urteil von Sabina Lietzmann, FAZ-Korrespondentin in New York, die sich ihrerseits auf Elie Wiesel als Kronzeugen berief, lautete: Seifenoper! Dieses Urteil wurde maßgebend für eine ganze Front von einflussreichen Publizisten und Kulturmanagern in Deutschland, die gegen das sogenannte Doku-Drama, das melodramatisch Fakten und Fiktion vermische und so Massenmord und Leiden unzulässig trivialisiere und vermarkte, den Aufstand probten. Der damalige Fernsehspiel-Chef des WDR, Günter Rohrbach, machte sich stark für die Serie, konnte aber in den ARD-Anstalten nicht die nötige Mehrheit für eine Ausstrahlung im Ersten gewinnen. Statt dessen lief die Serie am 22. Januar 1979 um 21:00 Uhr gleichzeitig in den dritten Programmen der Anstalten an: mit gigantischen, von Folge zu Folge wachsenden Quoten von mehr als 35%. Allerdings nur in Westdeutschland: DDR-Bürger konnten - außer in den Grenzgebieten - meist nur das Erste und das ZDF empfangen.

    Die Hetzfront gegen die Serie aus Amerika bröckelte rasch. Hollywood meets Auschwitz, klar, aber so wurde wenigstens das Publikum erreicht - auch in Deutschland. Viele, inzwischen auch Sabina Lietzmann und selbst Joachim Fest (FAZ) und Hein Höhne (Spiegel), sahen in der Serie jetzt die Chance, das wachzuhalten und zu bewahren, was den Historikern bislang nicht gelungen war: die nötige Erinnerung an die Shoa. Die Filmemacherin Alice Agneskirchner zeichnet in ihrer Dokumentation "Wie 'Holocaust' ins Fernsehen kam" diesen Meinungsumschwung nach und erzählt mit Hilfe von Interviews mit den Filmemachern und Schauspielern von der Entstehungsgeschichte der Serie, deren berühmte Szenen - Schmuggeln im Warschauer Getto, Eintritt in die Gaskammer Auschwitz, Massenerschießung in Babi Jar 1941 - immer wieder eingeblendet werden.

    Wien statt Berlin, Mauthausen statt Auschwitz

    Schon die Suche nach Drehorten war ein Hindernislauf: In Polen und der Sowjetunion bekam Produzent Robert Berger keine Dreherlaubnis, Deutschland wollte von der Geschichte auch nichts wissen. Schließlich drehte das Team um Regisseur Marvin J. Chomsky in Österreich: Die (Berliner) Stadtszenen in dem noch gut erhaltenden Wien, die KZ-Szenen in Mauthausen.

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    Michael Moriarty in Alice Agneskirchners Doku. Er spielte in „HOLOCAUST“ den SS-Juristen Erik Dorf

    Beim Dreh sind einige Schauspieler an ihre Grenzen gekommen - insbesondere die, die die Nazis spielten: David Warner, der den Leiter des Reichssicherheitshauptamts Reinhard Heydrich darstellte, entwickelte am ganzen Körper ein Ekzem. Michael Moriarty, der den SS-Juristen Erik Dorf spielt, der als rechte Hand von Heydrich wesentlich an der Massenvernichtung im Osten beteiligt war, wurde von Schlaflosigkeit geplagt und brauchte psychiatrische Unterstützung. Hannah Lessing, die eine Jugendliche im Warschauer Getto spielte, weint noch beim Doku-Interview am Drehort Mauthausen in Erinnerung an den Dreh.

    "Holocaust": TV-Ereignis mit Folgen

    Neonazis versuchten noch durch Sprengstoffanschläge auf Sendemasten die Ausstrahlung in den dritten Programmen zu verhindern - und scheiterten. Ein paar Unverbesserliche von ihnen meldeten sich auch nach der Ausstrahlung noch zu Wort - in den von den Sendern geschalteten Diskussionsrunden und in Zuschriften. Insgesamt 44 Aktenordner bündeln allein die Reaktionen auf die erste Folge der Serie - die meisten erschüttert, aber angetan. In Briefen bestätigen etwa ehemalige Frontsoldaten das Gezeigte: Sie seien bei den Massenerschießungen dabei gewesen, das Unglaubliche habe sich genau so zugetragen. Viele fragen erschüttert, wie sie ihren Enkeln erklären können, dass sie nichts gegen die Judenverfolgung und Vernichtung unternommen haben. Kinder fangen an, ihre Eltern und Großeltern zu befragen - viele biografische Illusionen werden zerstört.

    Vor der Ausstrahlung der Serie war in West-Deutschland noch eine Mehrheit für eine Verjährungsfrist für Mord und Völkermord. Danach sah das anders aus: Im Juli 1979, fünf Monate nach der Erstausstrahlung von "Holocaust" beschloss der Bundestag die Verjährungsfrist aufzuheben.

    Auf Initiative des WDR Fernsehens strahlen WDR, NDR und SWR Fernsehen im Januar die vierteilige US-amerikanische TV-Serie "Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss" nochmals aus und stellen sie nach Sendung in die ARD Mediathek. Begleitet wird die Wiederholung der Serie durch die Dokumentation von Alice Agneskirchner "Wie 'Holocaust' ins Fernsehen kam".

    Sendetermine in SWR, NDR und WDR

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    kulturWelt

    Autor
    • Iris Buchheim
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