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Der Comic "Guantanamo Kid" zeigt die Kehrseite des War on Terror | BR24

© DARGAUD 2018

Als Kind wurde Mohammed nach Guantanamo deportiert – unschuldig

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Der Comic "Guantanamo Kid" zeigt die Kehrseite des War on Terror

Der Name Guantanamo steht für das Ende rechtsstaatlicher Justiz in den Zeiten des internationalen Terrorismus. Ein Comic erzählt nun von diesem Gefangenenlager auf Kuba – und von Mohammed El Gharani. Er saß dort acht Jahre lang in Haft. Unschuldig.

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Der Junge hatte einen großen Traum. Er wollte Englisch und Informatik lernen, der Enge seiner Welt entfliehen. Raus aus dem prekären Leben in der Familie wenig geachteter afrikanischer Einwanderer in Saudi-Arabien, als Straßenverkäufer in Mekka und Medina. Also reiste Mohammed El Gharani auf eigene Faust nach Pakistan, lebte und lernte dort bei der Familie eines Freundes. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wurde er verhaftet. Mohammed war 14 Jahre alt. So erzählt es der französische Journalist Jérôme Tubiana.

"Nach 9/11 wurde die Welt verrückt, auch Pakistan", sagt Tubiana. Er erinnert daran, dass das Land in die Anschläge verstrickt gewesen sei. "Die Regierung wollte ihren guten Willen gegenüber den Amerikanern bekunden und suchte nach verdächtigen Personen. Die pakistanischen Behörden haben viele Ausländer festgenommen, darunter auch Mohammed. Und sie haben die Gefangenen an die Amerikaner verkauft, für jeweils 5.000 Dollar. Man warf Mohammed vor, er sei in Afghanistan gewesen, als Angehöriger von Al Qaida. Das war komplett falsch. Er war nie in Afghanistan."

Gewalt und Widerstand

Dennoch wurde Mohammed El Gharani nach Guantanamo geflogen. Acht Jahre lang war er dort inhaftiert, erst ganz spät bekam er einen Verteidiger. Er war der jüngste Insasse im Lager. Zudem, so erinnert Jérôme Tubiana, war er einer der wenigen Gefangenen afrikanischer Herkunft. Der große, dichte Comic "Guantanamo Kid" erzählt die Geschichte des Jungen, eine Geschichte von Demütigung, Folter und Gewalt an einem Ort, an dem die Menschenrechte nichts mehr gelten. Ebenso aber handelt die Graphic Novel vom Willen zu überleben, von Selbstbehauptung und Widerstand, etwa der Art, besonders fiese Aufpasser mit dem Inhalt des Toiletteneimers zu überschütten.

"Der Kampf gegen das Wachpersonal, gegen das System war ein symbolischer", gibt Jérôme Tubiana zu bedenken. "Physisch verliert man immer. Trotzdem haben Mohammed und seine Mitgefangenen immer wieder symbolisch gewonnen. Moralisch und psychologisch war das enorm wichtig für ihn. Zugleich gab es viel zu verlieren. Diejenigen, die sich zur Wehr setzten, wurden häufiger geschlagen und kamen öfter in die Isolationshaft. Die Häftlinge, die die Aufseher angegriffen haben, galten als besonders gefährlich. Das steht aber in überhaupt keinem Zusammenhang mit einem Krieg gegen den Terror."

Jérôme Tubiana traf Mohammed El Gharani zum ersten Mal 2010, ein Jahr nach dessen Freilassung, im Tschad. Die Spuren der Haft habe man deutlich erkennen können, erinnert sich der Journalist, der viel aus dem nördlichen und mittleren Afrika berichtet. Mohammed El Gharani brauchte medizinische Hilfe. Tubiana und er haben wiederholt mehrere Tage miteinander gesprochen, aus den langen Interviews entstand erst eine große Reportage und nun die Graphic Novel, mit den Bildern von Alexandre Franc.

Der französische Comic-Künstler hat mit dünnem schwarzen Strich gezeichnet. Die Wächter in ihren Camouflage-Anzügen erscheinen oft fratzenhaft, wie Karikaturen. Mohammed El Gharani hingegen steht, trotz aller Reduktion der Linie, als bildlicher Kontrast zu ihnen: als Individuum, selbstbewusst. Er half den französischen Comic-Autoren auch bei der Gestaltung der Bilder, erzählt Jérôme Tubiana. Die wenigen offiziellen Fotos vom Gefangenenlager sind wenig glaubwürdig.

"Alexandre Franc hat einmal zwei Gefangene gezeichnet", sagt Tubiana. "Sie saßen ohne Handschellen in einem Gemeinschaftsraum. Mohammed sagte: Das zeigen vielleicht die Bilder aus dem Lager, die man im Internet sehen kann. Er selbst hat das erst nach seinem Freispruch erlebt, als er auf die Entlassung wartete. Als Gefangener dagegen nicht. Man war nur allein in einem solchen Raum. Und man musste Handschellen tragen. Wir haben das korrigiert. Alexandre hat viele Bilder noch einmal gezeichnet." Der Journalist fügt hinzu, er könnte viele andere Beispiele nennen.

Eine neue Odyssee

Es hat lange gedauert, ehe Mohammed El Gharani, Guantanamo-Häftling Nr. 269, erfuhr, unter welchem Vorwand er letztlich in Haft saß: Er sollte Mitglied einer geheimen Al-Qaida-Zelle in London gewesen sein. Zu einem Zeitpunkt, an dem er sechs Jahre alt war – ein abstruser Vorwurf. Ein amerikanisches Gericht sprach Mohammed frei.

Jérôme Tubiana und Alexandre Franc zeigen in ihrem dichten Comic auch, wie die Geschichte von Mohammed El Gharani weitergeht: eine Odyssee durch verschiedene afrikanische Länder, da er als ehemaliger Guantanamo-Häftling nicht zu seinen Eltern nach Saudi-Arabien zurückkehren durfte. Er kämpft weiter um seinen Platz, um ein Leben in Würde. Die Graphic Novel über seine Haft in Guantanamo zeigt indes, wie Amerika, im ausgerufenen Krieg gegen den Terror, all die Werte preisgegeben hat, für die es eigentlich steht.

Der Comic "Guantanamo Kid. Die wahre Geschichte des Mohammed El Gharani” von Jérôme Tubiana und Alexandre Franc ist im Carlsen-Verlag erschienen, in der Übersetzung von Ulrich Pröfrock.

© Carlsen-Verlag / Montage BR

Cover: Guantanamo Kid von Jérôme Tubiana und Alexandre Franc

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