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Ulrike Draesner gewinnt Bayerischen Buchpreis 2020 | BR24

© Audio: BR / Bild: Yves Krier

Der Bayerische Buchpreis ist vergeben.

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Ulrike Draesner gewinnt Bayerischen Buchpreis 2020

In einer ausgesprochen leeren Allerheiligen-Hofkirche wurde in diesem Jahr der Bayerische Buchpreis vergeben: keine Besucher, keine Autorinnen und Autoren. Nur die Jury saß zusammen, diskutierte und wurde sich einig. Stichwort: Kurt Schwitters.

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    Eine Sprachkünstlerin ist die Gewinnerin des Bayerischen Buchpreises 2020: Ulrike Draesner, Lyrikerin, Romanautorin, Essayistin und Übersetzerin, wird für ihren Roman "Schwitters" ausgezeichnet. Fakt und Fiktion, die Biografie des historischen Sprachkünstlers Kurt Schwitters und die Imagination Ulrike Draesners begegnen sich in diesem Buch. Besonders dessen Mut in Form und Sprache war es, der die Jury faszinierte, aber auch abschreckte. Juroren Knut Cordsen und Sonja Zekri bewunderten die ganz eigene Sprache, die Draesner für ihren Gegenstand gefunden habe, während Rainer Moritz gerade das zu viel war: "Für mich scheitert sie an einem völlig übermäßigen Stilwillen", erklärte er.

    Streit über Stärken und Schwächen der Literatur

    Wenn die Debatte – wie in der Diskussion über dieses Buch – zu literarischen Feinheiten vordrang, wurde es spannend. Denn das Besondere des Bayerischen Buchpreises spürte man trotz leerer Kirche, trotz fehlendem Publikum und fehlenden Autorinnen und Autoren auch in diesem Jahr: Die Entscheidung wird live gefällt, nichts ist vorher abgestimmt. Die drei Kritiker müssen in der öffentlichen Debatte zu einer Einigung finden, begründen, was und warum gefällt oder missfällt. Und bei diesem Streit über Stärken und Schwächen der Literatur zuzuhören ist ungemein aufregend.

    Romane voll Sprachkraft und politischer Brisanz

    Die Entscheidung für Draesner war also keineswegs einhellig oder absehbar, gerade "Die Unschärfe der Welt" von Iris Wolff wurde ebenfalls sehr wohlwollend diskutiert. Es ist ein Roman, der – anders als der Draesners – sprachlich unaufdringlich in die Handlung hineinzieht, der fast schon leicht wirkt, obwohl er immerhin eine Jahrhundertgeschichte voll persönlicher und politischer Tragik erzählt.

    Das gefiel allen Jurymitgliedern, und deshalb hätte man sich auch vorstellen können, dass dieser Roman gewinnt. Aber für den Preis reichte es nicht und auch das essayistische, kluge und kenntnisreiche Buch "Aus der Zuckerfabrik" von Dorothee Elmiger, Sonja Zekris Vorschlag für den Bayerischen Buchpreis, musste zurückstecken.

© Gerald Zörner

Die Gewinnerin in der Kategorie Belletristik: Ulrike Draesner

    Gewinner in der Kategorie Sachbuch

    Zuvor hatte sich die Jury bereits auf ein Sachbuch geeinigt, nachdem sie wiederum heftig gestritten hatte, heftiger noch als über die fiktionalen Titel: Hedwigs Richters Demokratie-Analyse kam Rainer Moritz vor "wie ein Zettelkasten, der hier auf den Schreibtisch hinausgeworfen wurde". Sonja Zekri befand, das Buch habe "etwas – ich benutz jetzt mal ein böses Wort – etwas Werbliches." Und Max Czolleks "Gegenwartsbewältigung" ist wiederum Knut Cordsen "wahnsinnig auf die Nerven gegangen".

    Also einigte man sich auf den Titel, der vielleicht nicht die schärfste These vertritt, nicht die frischeste Anmutung hat, aber ausgesprochen kenntnisreich ist: auf die 1.000 Seiten starke Biografie des österreichischen Schriftstellers Karl Kraus. Geschrieben von Jens Malte Fischer. "Was ich sehr geschätzt habe", erklärte Sonja Zekri, "ist, dass er diesen Intellektuellen in seiner Widersprüchlichkeit, auch in seiner Widersprüchlichkeit der politischen Haltung, darstellt."

    "Hier lässt sich gut Sachbuch schreiben!"

    Die Widersprüchlichkeiten, das lustvolle Widersprechen und das feine Begründen des Widerspruchs: All das wurde an diesem Abend gefeiert, an dessen Ende noch ein weiterer Preis vergeben wurde. Der Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten ging an Harald Lesch, der den Bayerischen Buchpreis wiederum nutzte, um auf eine besondere Stärke dieses Bundeslandes hinzuweisen: "Es gibt, glaube ich, kaum einen Teil Deutschlands, der so wissenschaftspositiv ausgerichtet ist wie Bayern. Es gibt eine große Lust an Wissenschaft hier, hier lässt sich gut Sachbuch schreiben."

© privat

Jens Malte Fischer, Gewinner in der Kategorie Sachbuch.

Neu in diesem Bayerischen Buchpreis-Jahr

Freude machte dieser Abend in der leeren Kirche auch wegen der beiden neuen und beherzt streitenden Jury-Mitglieder: Rainer Moritz, Literaturwissenschaftler, Kritiker und Leiter des Literaturhauses in Hamburg, und Sonja Zekri, Feuilletonistin der Süddeutschen Zeitung.

Und noch etwas war neu in diesem Jahr: Der Bayern 2 Publikumspreis wurde verliehen – gewonnen hat Monika Helfers Familiengeschichte "Die Bagage", die den Leser an den Rand eines kleinen Bergdorfs im Bregenzer Wald entführt. Auch dieses Buch, wie so viele aufregende Titel in diesem Bücherjahr: eine sehr reflektierte, kluge Spielart des autobiografischen Schreibens.

Lesungen und Gespräche zu Büchern des Bayerischen Buchpreises in den radioTexten:

Hier können Sie die Preisverleihung mit der öffentlichen Jury-Diskussion noch einmal nachhören.

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