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Der Anzug sitzt perfekt: "Bodyguard" in München | BR24

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Nach dem Tour-Auftakt in Köln ist das Musical mit Whitney Houston-Hits wieder in der aufwändigen Original-Produktion unterwegs. Am Deutschen Theater beeindruckten Bühne, Licht und Choreographie, die Tonanlage weniger. Jo Weil spielt die Titelrolle.

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Der Anzug sitzt perfekt: "Bodyguard" in München

Nach dem Tour-Auftakt in Köln ist das Musical mit Whitney Houston-Hits wieder in der aufwändigen Original-Produktion unterwegs. Am Deutschen Theater beeindruckten Bühne, Licht und Choreographie, die Tonanlage weniger. Jo Weil spielt die Titelrolle.

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Der Schauspieler Jo Weil ist fernsehbekannt aus diversen Serien von der "Verbotenen Liebe" bis zu den "Roten Rosen", sieht gut aus, ist ein Charmeur - und kann nicht singen. Aber genau das ist natürlich Bedingung für die Hauptrolle im Musical "The Bodyguard", denn da blamiert er sich als Sicherheitsfachmann Frank Farmer beim Karaoke-Einsatz in einer schmuddeligen Bar und erobert gerade deshalb das Herz seines Schützlings, der Starsängerin Rachel Marron.

Anwärter auf "Goldene Himbeeren" und Grammys

Der Film von 1992 mit Whitney Houston und Kevin Costner war ein Welterfolg, obwohl seine Hauptdarsteller damals heiße Anwärter auf die "Goldene Himbeere" waren, also beinahe die zweifelhafte Ehre gehabt hätten, für besonders schlechte Leistungen dekoriert zu werden. Doch die Songs fanden Beachtung, verkauften sich mehrere Millionen Mal, ernteten teilweise Grammys und andere Trophäen und auch das zwanzig Jahre später in London produzierte Musical ist seit einiger Zeit international unterwegs, seit Oktober in einer neu aufgelegten Tournee-Produktion, die jetzt noch bis Mitte Dezember im Deutschen Theater in München Station macht.

© Jörg Haas/Deutsches Theater München

Mit Fliege und Smoking

Und tatsächlich bekommen die Zuschauer keine abgespeckte Billigvariante der Regiearbeit von Thea Sharrock zu sehen, sondern zumindest optisch weitgehend das Londoner Original, das seinerzeit vom renommierten Mannheimer Tourveranstalter BB Promotion mitfinanziert wurde und nach der Wiederaufnahme in Köln im Oktober offenkundig bestens geprobt und "eingefahren" ist. Das Bühnenbild ist technisch ausgefeilt, die Umbauten rasant, das Licht opulent, auch wenn es streckenweise gehörig blendet, bis die Augen zu tränen beginnen. Auch die Choreographie von Karen Bruce stimmt: Der Tanz reißt mit, obwohl er nie im Vordergrund steht, ja überwiegend fast lässig wie "nebenbei" eingebaut ist.

© Jörg Haas/Deutsches Theater München

Schau mir in die Augen

Ältere Fans der 2012 mit nur 48 Jahren verstorbenen Whitney Houston werden ohnehin ergriffen sein, und die jüngeren (und ganz jungen) Frauen im Deutschen Theater waren es auch, weil die Geschichte vom sanften, etwas traurigen und vor allem furchtbar einsamen Personenschützer und der ehrgeizigen Starsängerin so unglaublich rührselig und bittersüß erzählt wird. Vielleicht eines der sentimentalsten Musicals überhaupt, leider aber auch ziemlich humorlos, wenngleich die wenigen Gags für Lacher sorgten.

Gut geschnittener Anzug und entwaffnendes Lächeln

Rund 250 Mal stand Jo Weil inzwischen schon als Frank Farmer auf der Bühne, aber als melancholischer Bodyguard bleibt er allzu konturenlos, zu unverbindlich, jedenfalls kein Charakterkopf, und verlässt sich etwas zu selbstverständlich auf seinen gut geschnittenen Anzug und sein entwaffnendes Lächeln. Mag sein, dass da eine gehörige Portion Routine im Spiel ist, immerhin: Welche Frau würde nicht gern in sein Sakko schlüpfen, das er auf der Bühne besorgt einer fröstelnden Partnerin um die Schulter legt?

Die Holländerin Aisata Blackman hat für die Neuauflage der Tournee die Hauptrolle der Rachel Marron übernommen und ist stimmlich vor allem bei ihren lyrischen Einsätzen überzeugend, etwa, wenn sie am Flügel sitzt und einen neuen Song einübt oder Selbstgespräche führt.

© Jörg Haas/Deutsches Theater München

Umschwärmt von Kerlen

Für die große Show, bei der sie mit Lichtgewitter und Tänzern konkurriert, fehlt ihr das überdimensionale Charisma. Klar, die deutschen Texte fallen ihr nicht leicht, aber als Schauspielerin ist sie von berührender Ehrlichkeit. Herrlich, wie sie ihren Beschützer das erste Mal um ein Date bittet - halb mit ihrer Schüchternheit kokettierend, halb darüber aufgebracht, dass sie es nötig hat, die Initiative zu ergreifen. Beachtlich sang und spielte Andrea del Solar als Nicki Marron: Sehr natürlich im Auftreten, stimmlich ganz ungekünstelt, von kumpelhafter Ausstrahlung. Dass sie jederzeit in der Lage ist, die Hauptrolle zu übernehmen, war sofort klar, und das Programmheft führt sie denn auch als "Cover", also Einspringerin für diesen Part.

Die Tonanlage des Deutschen Theaters war diesmal leider nicht allen Passagen gewachsen: Besonders an sehr lauten Stellen dröhnte und hallte es so blechern durch den Saal, dass vom Text wenig zu verstehen war. Gleichwohl eine aufwändige, zu Herzen gehende Musical-Produktion, die in der Vorweihnachtszeit sicher ihr Publikum finden wird.

Noch bis zum 15. Dezember 2019 täglich außer montags im Deutschen Theater München.

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