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Depressionen bei Kindern: Schluss mit der Scham | BR24

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Wie erkennt man eine Depression bei Kindern und Jugendlichen? Wie können Familie, Freunde, Lehrer, Mitschüler depressiven Kindern und Jugendlichen helfen? Ist Heilung überhaupt möglich?

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Depressionen bei Kindern: Schluss mit der Scham

Wie erkennt man eine Depression bei Kindern und Jugendlichen? Wie können Familie, Freunde, Lehrer, Mitschüler depressiven Kindern und Jugendlichen helfen? Ist Heilung überhaupt möglich?

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Schule schwänzen, ritzen, Suizidgedanken: Depressionen sind unter Kindern und Jugendlichen weit verbreitet. Aktuell erkranken etwa drei bis zehn Prozent aller Jugendlichen zwischen zwölf und 17 Jahren in Deutschland an einer Depression, erklärt die Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

Die gute Nachricht: Ihnen kann geholfen werden, denn das medizinische Versorgungsangebot ist weit gefächert. Die schlechte Nachricht: Noch immer lehnen viele Kinder, Jugendliche oder ihre Eltern professionelle Hilfe ab - aus Scham, Unwissenheit oder Ablehnung.

Kinder verstecken ihre Traurigkeit

"Keiner sollte erfahren, wie schlecht es mir wirklich ging", erzählt Greta, "deswegen habe ich mich oft verstellt und allen etwas vorgespielt." Heute beschreibt sie ihre Depression als eine schwere, dunkle Wolke, die sich auf sie legt und sie niederdrückt. Dann ist sie müde, unkonzentriert, einsam, kann abends nicht einschlafen, weil, sie Angst vor dem Morgen hat, und morgens kaum aufstehen, weil ihr der Antrieb fehlt.

Bis die 15-Jährige ihre Krankheit annehmen konnte, hat es viele Jahre gedauert. Sie hat sich in die Arme geritzt, um sich zu spüren, verletzte sich immer wieder selbst. Ihre Eltern brachten sie in ärztliche Behandlung. Schließlich wurde sie in die Klinik eingewiesen, auf eine "geschützte Station", also eine "geschlossene Station" - denn Greta hatte Gedanken an Suizid geäußert.

Rückblickend sieht sie die Ursachen für ihre tiefe Traurigkeit in ihrer frühen Kindheit. "Ich bin mit einem Herzfehler geboren worden, und musste schon als Baby an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen werden", erzählt Greta. Mittlerweile geht es ihr besser.

Depression hat klare Kennzeichen

"Wenn Kinder und Jugendliche über einen längeren Zeitraum traurig sind, also etwa 14 Tage am Stück, dann könnte das ein Anzeichen für eine Depression sein", erklärt Prof. Gerd Schulte-Körne, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie der LMU München.

Der fehlende Antrieb, Dinge zu tun, die man vorher gerne getan hat, starke Zweifel an sich selbst und an der Zukunft seien weitere Symptome. In einer pubertären Krise dauert die Traurigkeit vielleicht mal einen Tag- aber niemals eine Woche. Das therapeutische Versorgungsangebot für depressive Kinder und Jugendliche ist in Deutschland gut, meint Prof. Gerd Schulte-Körne.

Ein Problem sei jedoch, dass die Krankheit Depression immer noch ein Tabu-Thema sei. "Wenn eine Familie sich für die anhaltende Traurigkeit ihres Kindes schämt, dann schafft der Betroffene nicht den Schritt in die Therapie. Entscheidend ist, dass auch der Jugendliche selbst bereit ist, sich behandeln zu lassen."

Klinik-Aufenthalt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie

Die 15-jährige ist nun zum zweiten Mal als Patientin in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der LMU München. Wieder verbringt sie drei Monate hier, und teilt sich ein Zimmer mit einer Gleichaltrigen. "Ich lerne hier, wie ich mit meinen negativen Gefühlen besser umgehen kann", erzählt sie.

Ihr Tagesablauf ist rund um die Uhr klar geregelt: Vormittags besucht sie den klinikinternen Schulunterricht. Neben Mahlzeiten und Ruhezeiten hat sie über den Tag verteilt verschiedene Einzel- oder Gruppentherapien, wie Kunsttherapie oder Gesprächstherapie.

Am meisten Spaß macht ihr die Musiktherapie, dann spielt sie Schlagzeug. "Musikmachen in der Gruppe, das ist so ein schönes Zusammengehörigkeitsgefühl, wenn die anderen sagen, Du machst das gut. Da wächst man über sich hinaus."

Heilung ist möglich

Wenn sich Jugendliche für eine psychotherapeutische Behandlung öffnen, dann haben sie auch Chancen auf Heilung. "Es braucht Zeit und Geduld, aber innerhalb von einem Jahr kann man ganz gute Erfolge zielen, manchmal ist auch die Kombination mit Medikamenten notwendig", sagt Prof. Gerd Schulte-Körne.

Greta hat mittlerweile neue Verhaltensmuster geübt: Gegen Rückfälle in ihre alte Trauer-Wolke hat sich Greta in der Klinik eine "Erste-Hilfe-Liste" erstellt. "Warme Getränke trinken, barfuß laufen, Schokolade essen, Manga-Comics lesen", steht da zum Beispiel drauf, aber auch "Freunde treffen". Das Allerwichtigste für junge Menschen: Sich angenommen fühlen, dazugehören. In der Klinik hat Greta neue Freunde gefunden, die sie verstehen.

Ihr Wunsch: Offener Umgang in der Schule

Wie es wohl mit den Klassenkameraden sein wird, wenn sie wieder zurück in ihre Schule kommt? Als sie damals oft traurig war und viele Fehlzeiten hatte, haben die anderen hinter ihrem Rücken über sie getuschelt, und sie in der Pause gemieden.

Als ob Depression eine ansteckende Krankheit wäre. "Ich wünsche mir, dass die anderen mich offen fragen, wie es mir geht", sagt Greta. Nach ihrer Rückkehr vom ersten Klinik-Aufenthalt war ihr alter Sitzplatz belegt, sie hat sich nicht willkommen gefühlt. Beim nächsten Mal ist die Klasse hoffentlich auf sie vorbereitet.

Mehr zum Thema "Wege aus der Depression" gibt es am Mittwoch, 29. Januar 2020 um 19 Uhr im BR-Fernsehen in STATIONEN und im Anschluss in der BR-Mediathek.