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Weltweit gibt es Denkmäler, die problematischen Menschen gewidmet sind. Und immer wieder geraten die einst verehrten Helden in die Kritik. Muss man deshalb alle Statuen gleich vom Sockel stoßen? Nein, sagen Münchner Historiker.

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Denkmaldebatte: Einmal Held, immer Held?

Weltweit gibt es Denkmäler, die problematischen Menschen gewidmet sind. Und immer wieder geraten die einst verehrten Helden in die Kritik. Muss man deshalb alle Statuen gleich vom Sockel stoßen? Nein, sagen Münchner Historiker.

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Ariane DreisbachAriane DreisbachBR24  RedaktionBR24 Redaktion
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Das Denkmal wackelt, kippt wie in Zeitlupe und stürzt vom Sockel. Unter Jubelgeschrei von Black-Lives-Matter-Demostrierenden. Später versenken sie die Statue noch im Hafenbecken. So geschehen im Juni 2020 im englischen Bristol. Gestürzt wurde die Statue von Edward Colston, der im 17. Jahrhundert als Kaufmann und Sklavenhändler ein Vermögen gemacht hatte. Auf der ganzen Welt gibt es Denkmäler, die problematischen Menschen gewidmet sind – auch in München. Das zeigt eine Denkmal-Tour durch die Stadt. Wie mit diesem Erbe umgehen?

"Es gibt nichts auf der Welt, was so unsichtbar wäre wie Denkmäler", schrieb einst Robert Musil in seinem Buch "Nachlaß zu Lebzeiten". Für Musil ist das Auffallendste an Denkmälern, dass man sie nicht bemerkt. Und tatsächlich radelt oder läuft man im Alltag regelmäßig an Denkmälern vorbei, ohne sie wirklich wahrzunehmen. Beispiel: Das Otto von Bismarck-Denkmal direkt vor dem Deutschen Museum an der Boschbrücke - überlebensgroß und aus rotem Stein, mit Schwert in der Hand.

Ehrenbürger Münchens, aber auch Wegbereiter des Kolonialismus

Wem sollte man ein Denkmal setzen? Greta Thunberg vielleicht, Helmut Schmidt oder Freddy Mercury, der hat immerhin auch mal in München gelebt. Die Wenigsten würden wohl in erster Linie an den Gründer des Deutschen Reichs denken, der, wie die Plakette am Fuß des Denkmals verrät, auch Ehrenbürger der Stadt München ist. Denn Bismarck hat auch eine dunkle Seite, gilt als Begründer des deutschen Imperialismus. Auf der Westafrika-Konferenz, zu der Bismarck 1884 nach Berlin eingeladen hatte, wurde der afrikanische Kontinent unter den europäischen Kolonialmächten aufgeteilt. Die verübten in den besetzten Ländern grausame Verbrechen.

Mit den Folgen des Kolonialismus hat die Welt bis heute zu kämpfen. Offiziell erinnert daran hier nichts. Inoffiziell schon, erklärt Daniel Bürkner vom Kulturreferat München: "Was interessant ist, ist, dass man noch die rote Farbe der Black-Lives-Matter-Aktivisten sieht, die hier 2020 protestiert haben und auch einen Tag auf den Boden gesprüht haben, wo stand: Ihr verehrt Sklaventreiber."

München sucht Auseinandersetzung mit fragwürdigen Denkmälern

Als Kunsthistoriker und Historikerin arbeiten Daniel Bürkner und Sabine Schalm vom Kulturreferat München zusammen, wenn es um Erinnerung im öffentlichen Raum in München geht. Ihr neuestes Projekt heißt "past statements. Denkmäler in der Diskussion". Das Kulturreferat von München lädt in einem öffentlichen Wettbewerb dazu ein, sich mit diskussionswürdigen Denkmälern und Erinnerungszeichen zu beschäftigen.

Derer gib es viele - nicht nur in München - und mancher würde die unliebsamen Geschichtszeugen gerne vom Sockel stoßen, so Bürkner: "Das ist ja eine große Debatte: Brauchen wir diese ganzen alten Denkmäler noch, die koloniale Strukturen und traditionelle Hierarchien wiedergeben?" Ihr Wettbewerb, bei dem Künstler sich mit Denkmälern auseinandersetzen, die man so heute nicht mehr bauen würde, sei der Versuch, diesen Streitwert sichtbar zu machen, sagen die Historiker. Es soll eine breite gesellschaftliche Debatte angestoßen werden.

Künstler proben einen Bildersturm der anderen Art

Am Münchner Bismarckdenkmal gab es bereits den Versuch einer solchen künstlerischen Auseinandersetzung, erzählt Bürkner. Im Juni hat der Künstler Kalas Liebfried einen Turm aus 25 Verstärkern vor Bismarcks Brust aufgebaut. Sieben Gitarristinnen und Gitarristen haben dann die damaligen kolonialen Handelsrouten Deutschlands in musikalische Frequenzen umgesetzt. Eine Art symbolischer Bildersturz, erklärt Bürkner: "Der aber dazu beigetragen hat, dass am Tag der Performance Tausende Menschen sich mit dem Denkmal auseinandergesetzt haben und mit dem Problem der Rezeption der Kolonialgeschichte, das dem Denkmal innewohnt."

Alte Denkmäler infrage stellen. Das soll im nächsten Sommer öfter passieren, wenn die Gewinnerinnen und Gewinner des Wettbewerbs ihre Denkmal-Projekte in München zeigen. Bürkner und Schalm hoffen, dass auch Ideen aufkommen, die Leerstellen der Erinnerung füllen. Und welche, die den vielen männlichen Herrscherbildern in München etwas entgegensetzen. Lange Zeit war Geschichte und Erinnerung nämlich vor allem Herrschaftsgeschichte, so Historikerin Schalm: "Wir haben alle in der Schule die Könige gelernt und was sie alles so Großes geleistet haben, inklusive der Kriege, die sie geführt haben. Aber wir wissen sehr wenig immer noch über Alltagsgeschichte."

Vom Ort des Heldengedenkens zum Ort des Nachdenkens

Ein anderes Denkmal in der Landeshauptstadt: die Bavaria. Aber nicht die überdimensionierte, gut 18 Meter hohe Figur auf der Münchner Theresienwiese, in der einen Hand das Schwert, die andere reckt den Eichenkranz – die Verkörperung Bayerns. Nein, diese Bavaria steht am Isar-Hochufer gegenüber vom Patentamt. Wenn man nicht wüsste, dass es hier steht, könnte man es ebenso gut übersehen. Das sei Teil des Konzepts der Künstlerin Alicja Kwade, erklärt Daniel Bürkner: "Es gibt verschiedene Veränderungen, die sie vorgenommen hat: Wir sind hier nicht in der Ruhmeshalle. Es ist nicht still, es ist laut, es ist umbraust, es ist ein Ort des Alltags." Die Skulptur sei somit quasi vom Sockel geholt und in einen alltäglichen Ort der Begegnung gesetzt worden, so der Historiker.

Der Eichenkranz hängt schlaff herunter, Löwe und Schwert fehlen ganz. Die Bavaria ist von einer Allegorie zu einer tatsächlichen Frau geworden, ist genauso groß wie die Künstlerin, die sie geschaffen hat. Und ist damit kein monarchistisches Symbol mehr, sondern ein Angebot auf Augenhöhe, sagt Bürkner. Das wird nur bis 2022 da sein. Bei solchen temporären Werken geht es dem Kulturreferat der Stadt München darum, nicht nur wieder neu Denkmäler für die Ewigkeit aufzustellen. "Wir wollen Veränderung und die ist ja auch so gut", erklärt Historikerin Sabine Schalm. "Temporär bedeutet in diesem Fall ja nicht weniger, sondern ich würde sagen viel mehr, weil man immer wie auf einer Perlenkette einem bestimmten Ereignis oder Gedenken einen Gegenwartsbezug dazugeben kann."

Denkmalkultur ändert sich: Es geht auch ganz ohne Figuren

Ein weiteres Münchner Denkmal am Oberanger, gegenüber des St.-Jakobs-Platzes, das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Schwulen und Lesben der Künstlerin Ulla von Brandenburg. Bunte Betonplatten, in den Fußgängerweg eingelassen, die seit der Einweihung 2017 schon etwas ausgeblichen sind. Darin ein schwarzer und ein rosafarbener Winkel. Kennzeichnung im Konzentrationslager für homosexuelle und sogenannte asoziale Menschen. In den 1930ern war hier das Lokal Schwarzfischer, ein beliebter Treffpunkt der Szene. Für Daniel Bürkner die denkbar deutlichste Abkehr von einem Denkmal auf einem Sockel: "Das ist ein Bodendenkmal, das in den Alltag eingebracht wurde und auf abstrakte Art ohne Personen oder figürliche Darstellungen versucht, greifbar zu machen, was damals passiert ist und was wir heute als Gesellschaft erreichen wollen."

Die Denkmalkultur verändert sich. Es gehe eben nicht mehr nur darum, etwas zu bauen und einmal im Jahr dort einen Kranz niederzulegen, sagen die Historiker. Sondern es gehe darum, die Auseinandersetzung lebendig zu halten. Dafür gebe es die unterschiedlichsten Möglichkeiten, so Sabine Schwalm, etwa mit Gedenkveranstaltungen, mit Schülerprojekten, Musikstücken, Tanzperformances oder Stadtführungen. "Diese Vielfalt als eine große Chance zu begreifen, ist eines der Hauptmerkmale der heutigen Erinnerungskultur."

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