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Dem Rettungsboot geht die Luft aus: So war die Saison in Erl | BR24

© Tiroler Festspiele Erl

"Der Liebestrank" in Erl

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    Dem Rettungsboot geht die Luft aus: So war die Saison in Erl

    Die ersten beiden Premieren unter neuer Leitung machten deutlich: Die Tiroler Festspiele setzen auf mehr Regie-Theater. Das überzeugte künstlerisch, wenngleich Konflikte mit Geldgebern und Teilen des Publikums wohl unvermeidlich sind. Eine Bilanz.

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    Klar, das beschauliche Dorf Erl bei Kufstein ist ein Erholungsort, allerdings einer, der gerade selbst Entspannung nötig hat. Anstrengende, um nicht zu sagen aufreibende zwei Jahre liegen hinter den Tiroler Festspielen, die hier zuhause sind und der örtlichen Tourismus-Branche satte Einnahmen bescheren. Der Gründer und langjährige künstlerische Leiter, der renommierte und von seinen Fans umschwärmte Dirigent Gustav Kuhn, war 2018 wegen seines ruppigen Auftretens und unerwünschter Annäherungsversuche ins Gerede gekommen und musste nach vielen Negativ-Schlagzeilen und einem verunglückten TV-Auftritt seinen Hut nehmen. Eine außergerichtliche Gleichbehandlungskommission hatte die Vorwürfe im vergangenen Juli bestätigt, ein personeller und künstlerischer Neuanfang war unvermeidlich.

    Neuorientierung gelungen

    Doch weil im Musiktheater auf Jahre hinaus geplant wird, konnte der bereits im Oktober 2018 angekündigte neue Festspiel-Chef, der Frankfurter Opernintendant Bernd Loebe, erst jetzt, zur Wintersaison 2019/20, eigene Akzente setzen. Nach den ersten beiden Opern-Premieren unter seiner Leitung ist klar: Leicht wird er es weder mit dem Publikum, noch mit den Mitarbeitern und Geldgebern haben, doch die dringend gebotene künstlerische Neuorientierung ist ihm schon jetzt gelungen. Unter Gustav Kuhn, der als Dirigent regelmäßig selbst inszenierte, waren die Aufführungen meist musikalisch exzellent, optisch jedoch recht statisch. Von Regie-Ehrgeiz, von zeitgemäßen Interpretationen konnte keine Rede sein, das war gewollt und wurde sogar zum Markenzeichen der Festspiele. Bernd Loebe jedoch steht für Musiktheater auf der Höhe der Zeit, für umstrittene, aber fast immer wagemutige Inszenierungen - womit Frankfurt mehrfach Opernhaus des Jahres wurde (1996, 2003, 2015 und 2018).

    © Tiroler Festspiele Erl

    "Rusalka": Düstere Meditation

    Es verwunderte daher nicht wenig, dass der Hauptgeldgeber und Präsident der Tiroler Festspiele, der frühere Bauindustrielle Hans-Peter Haselsteiner, der als einer der reichsten Männer Österreichs gilt und mit Gustav Kuhn persönlich befreundet ist, ausgerechnet Bernd Loebe zum neuen Intendanten und Geschäftsführer der Festspiele machte. Haselsteiner gilt nicht gerade als leidenschaftlicher Fan von ambitionierten Inszenierungen, sondern eher als Musik-Gourmet, dem es vor allem um einen opulenten Orchesterklang, große Stimmen und eine gediegene Akustik geht. Ob er daher auf Dauer mit Loebes Anspruch zurecht kommt, in Erl optisch und inhaltlich deutlich aufwändigere Opern-Produktionen zu zeigen, ist eher zweifelhaft. Konflikte sind da nicht nur erwartbar, sondern wohl unvermeidlich, zumal auch das Erler Stammpublikum an ausgesprochen traditionelle Aufführungen gewöhnt ist und sowohl mit der Neuinszenierung von Antonín Dvořáks "Rusalka", als auch mit Gaetano Donzettis "Liebestrank" etwas fremdelte. Der Beifall blieb freundlich, war aber alles andere als enthusiastisch.

    © Tiroler Festspiele Erl

    Zeitalter des Wassermanns: Bedrohliche Prognose

    Die Auslastung der Wintersaison, die vom 26. Dezember bis 6. Januar dauerte, soll bei rund 75 Prozent gelegen haben, die beiden Opern wurden jeweils drei Mal gezeigt, darüberhinaus gab es Konzerte und Klavierabende. Bei Preisen zwischen neunzig und 150 Euro für die Opernkarten war das Publikumsinteresse durchaus erfreulich, wenn auch ausbaufähig, schließlich lassen sich die Musiktheater-Fans zwischen München, Salzburg und Innsbruck von höheren Festspielpreisen auch sonst nicht schrecken.

    "Rusalka" als optisch zähe Kost

    Das Nixen-Drama "Rusalka" in der Inszenierung von Florentine Klepper erwies sich allerdings optisch als etwas zähe Kost. Das lag einerseits am Stück: Für eine Aufführungsdauer von dreieinhalb Stunden hatte Komponist Antonín Dvořák einfach nicht genug originelle Einfälle, weshalb er schamlos bei Richard Wagners "Rheingold" abkupferte, jedoch bei weitem nicht dessen dramatisches Talent hatte. Dirigent Alexander Prior setzte auf meditative Langsamkeit, wobei ihm das Orchester nicht so recht folgen wollte - oder geradezu demonstrativ: Mancher gerade nicht beschäftigte Musiker im Graben konnte sich das Gähnen nicht verkneifen. Insgesamt fehlte es musikalisch an seelenvoller Tiefe, auch an verstörender Bedrohlichkeit. Dafür waren die Stimmen außergewöhnlich, allen voran die von Bass Thomas Faulkner als Wassermann und die von Dshamilja Kaiser als Fremder Fürstin. Karen Vuong in der Titelpartie glänzte mit Volumen, blieb aber darstellerisch eher verhalten.

    Regisseurin Klepper und ihre Ausstatterin Martina Segna setzten auf eine recht abstrakte Deutung, die zu harmlos blieb. Mal ragten Angelhaken ins Bild, mal tummelte sich eine verwöhnte Society auf einem Golfplatz mit Buchsbaum-Hecken: Das ließ die meisten Zuschauer kalt, und auch das gezeigte Rettungsboot, dem die Luft ausging, trug wenig zur Brisanz bei. Immerhin konnten Heimatgefühle aufkommen: Wassernixe Rusalka planschte im Inn, und das Kaisergebirge zierte den Hintergrund.

    © Tiroler Festspiele Erl

    Karen Vuong als Rusalka

    Deutlich mehr Fortune hatte Regisseurin Dorothea Kirschbaum mit Donizettis "Liebestrank". Ihr gelang eine mal sentimentale, mal schwermütige, mal bittersüße Deutung der melodienseligen Komödie. Das Paar, das hier alle Hürden überwindet und schließlich heiratet - Nemorino und Adina - erlebt die Geschichte in der Rückblende: Er und sie verfolgen die Handlung stumm, ergraut und altersweise, lassen sich von dem etwas schäbigen Proben-Saal irgendwo in der Provinz anrühren, in dem einst alles begann. Das gab Donizettis Erfolgsstück ungewöhnliche Tiefe, vielleicht sogar mehr, als der Text hergibt. Auch Dirigent Sesto Quatrini steuerte nicht wenig melancholische Patina bei - was ja hervorragend zur dunklen Jahreszeit passt! Hier und da hätte auch er jedoch deutlich mehr Tempo machen können.

    "Security-Macho" begeisterte

    Benedetta Torre als Adina und Jonathan Abernethy als Nemorino waren schauspielerisch beachtlich, stimmlich solide. Weniger überzeugend dagegen: Sam Handley als Wunderheiler Dulcamara. Ihm fehlte das übergroße Charisma für diese Rolle, was besonders auffiel, weil er im Outfit eines Sektenpredigers auftreten musste. Mit viel Furor in der Stimme und blendendem Aussehen begeisterte dagegen Bariton Mikołaj Trąbka als Security-Macho Belcore.

    © Tiroler Festspiele Erl

    Mehr Tiefe als der Text hergibt

    Nächster Weltuntergang steht schon fest

    Fazit: Die Tiroler Festspiele Erl berappeln sich gerade und sind zum künstlerischen Aufbruch fest entschlossen. Akustisch ist das Winter-Festspielhaus von erlesener Güte, die Verstärkung der Bühnenkonstruktion ins Auge gefasst, damit größere Kulissen Platz haben. Die Bühnentechnik wird schon jetzt deutlich mehr gefordert als früher. Wenn sich jetzt auch noch alle zusammenraufen und Geldgeber und Publikum in die neue Richtung mitgehen, ist die Zukunft gesichert. Obwohl, der nächste Weltuntergang steht schon fest: Ab 2021 ist in Erl ein neuer "Ring" zu sehen (Regie Brigitte Fassbaender) und da wird wohl spätestens in der "Götterdämmerung" 2024 der Inn über die Ufer treten.

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