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Deggendorfer Gnad: Geschichte einer judenfeindlichen Wallfahrt | BR24

© dpa / picture alliance

Deggendorfer Altstadt

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    Deggendorfer Gnad: Geschichte einer judenfeindlichen Wallfahrt

    Die so genannte „Deggendorfer Gnad“ war als jährliche Wallfahrt besonders im 18. Jahrhundert beliebt. Doch sie beruhte auf einer judenfeindlichen Legende aus dem Mittelalter. Erst 1992 löste sie der Regensburger Bischof auf und bat um Vergebung.

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    Alles beginnt mit der antisemitischen Legende vom Deggendorfer Hostienfrevel: im Brauchtum der niederbayerischen Kleinstadt war sie über 600 Jahre tief verwurzelt. Ein Gemälde zeigt diese Vorstellung: Mehrere jüdische Männer stehen um einen Tisch und versuchen, Hostien mit langen Dornenstäben zu durchstechen. Blut fließt heraus und kleine Jesuskinder erscheinen. Unter dem Tisch liegt ein schwarzer, zähnefletschender Hund. Eine Anspielung auf den Höllenhund aus der griechischen Mythologie. Er soll die Verbindung der Juden zum Bösen symbolisieren.

    Wallfahrt im Zeichen einer judenfeindlichen Legende

    Die Vorstellung vom Hostienfrevel war frei erfunden. Mit ihr wurde nicht nur die Judenverfolgung 1338 in Niederbayern begründet, sie war auch Anlass für eine der größten Sühnewallfahrten in Bayern, die "Deggendorfer Gnad". Die Gnad fand alljährlich im Herbst statt. Ihre Bedeutung umschrieb 1949 der niederbayerische Schriftsteller Max Peinkofer wie folgt: "Wer die Deggendorfer Gnad nicht kennt, kennt auch Deggendorf nicht, nicht seine höchste kirchliche Festzeit, sein Kleinod und seinen heiligsten Stolz."

    Höhepunkt der Wallfahrt war die Darbietung der "Mirakel-Hostien" in einer prächtigen Monstranz. Die Hostien – so erzählt es die Legende – hätten ihre vermeintliche Schändung durch die Juden anno 1337 vollkommen heil überstanden. Ihnen wurde das Vermögen zugeschrieben, Wunder zu bewirken. Jeder, der an der Wallfahrt Teil nahm, erhielt den vollen Ablass.

    Antisemitischer Hintergrund war vielen nicht bewusst

    Noch bis in die 1990er-Jahre wurde die Wallfahrt durchgeführt. "Den meisten Gläubigen war es natürlich nicht bewusst, wie brisant diese Sache ist. Man hat die Wallfahrt mitgefeiert. Sie wurde ja offiziell von der Kirche ausgeschrieben", so Manfred Eder, katholischer Theologe und Professor für Kirchengeschichte an der Universität Osnabrück. "Erst als ich mich näher damit beschäftigt habe, ist mir selber klar geworden, es geht um die Frage: Kann die Wallfahrt generell überhaupt noch stattfinden?"

    Manfred Eder, damals Doktorand an der Universität Regensburg, untersuchte Anfang der 1990er-Jahre mittelalterliche Quellen und konnte beweisen: Das was die katholische Kirche bis zu diesem Zeitpunkt unkritisch als Tatsache akzeptiert hatte, die Mär vom jüdischen Hostienfrevel, war reine Fiktion. Der einzig gesicherte Fakt war das Judenpogrom von 1338.

    Die Hostienlegende dagegen wurde Jahrzehnte später ersonnen, so Manfred Eder: "Die Hostienschändung soll im Jahr 1337 stattgefunden haben. Sie diente zur Rechtfertigung dessen, was hier in Deggendorf geschehen ist, also des Judenmordes. Und die Datierung wohl deswegen, damit niemand Zweifel haben kann an der Reihenfolge: Erst die Hostienschändung, dann der Judenmord." Seine Studie über die Entstehungsgeschichte der Deggendorfer Hostienwallfahrt war ausschlaggebend dafür, dass sie 1992 abgeschafft wurde, auf Geheiß des damaligen Regensburger Bischofs Manfred Müller.

    Die ganze Sendung über die "Deggendorfer Gnad" hören Sie im Podcast der Katholischen Welt. Weitere Themen aus den Bereichen Religion und Orientierung bekommen Sie jeden Freitag in unserem Newsletter.