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Debatte um Teil-Lockdown: Steinmeier ermutigt Kulturbetriebe | BR24

© Tobias Schwarz

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier

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Debatte um Teil-Lockdown: Steinmeier ermutigt Kulturbetriebe

Am ersten Tag des Teil-Lockdowns bekommen die Künstler Zuspruch vom Staatsoberhaupt. Kultur sei "mehr denn je" nötig, zur Ermutigung, Stärkung und zum "emotionalen Zusammenrücken". Es gelte, nach Wegen zu suchen, die Betroffenen zu unterstützen.

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Von
  • Peter Jungblut

Trost von ganz oben: Die derzeit massiv unter Druck stehende Kulturbranche erhält Rückdeckung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. "Kultur ist das Lebenselixier einer Gesellschaft, die gemeinsam durch eine Krise geht", sagte Steinmeier am Abend in seinem Berliner Amtssitz, dem Schloss Bellevue, bei einer Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an den Lyriker Paul Celan ("Todesfuge"), der am 23. November vor 100 Jahren geboren wurde: "Dichtung und Musik sind Künste, die auf den Vortrag angewiesen sind, die von der Interpretation leben und von ihren Interpreten. Es sind Künste, die nicht umsonst so alt sind wie unsere Kultur. Sie sind überlebenswichtig für uns alle."

Die Krise werde noch eine Zeit lang zur Geduld zwingen, so der Präsident, aber irgendwann werde sie vorbei sein: "Kultur braucht einen festen Platz in unserem Leben, gerade jetzt, denn sie macht Mut zur Veränderung, überwindet das triste Heute, deutet an, was möglich ist." Die Kulturbetriebe müssten wegen des Teil-Lockdowns nun wieder nach kreativen Lösungen suchen: "Sie stehen extrem unter Druck, kämpfen ums Überleben." Da Aufführungen derzeit nicht möglich seien, gehe es darum, "Kulturschaffende auf einem anderen Weg zu unterstützen", deshalb sei die Ehrung für Celan auch nicht abermals verschoben worden, so Steinmeier in seiner Rede.

Viele Proteste gegen Teil-Lockdown aus der Kultur

Unterdessen hatten weitere Kulturinstitutionen Offene Briefe an die Politik veröffentlicht. Die Theater-Ensembles von Bühnen in Augsburg, Fürth, Nürnberg, Bamberg und weiteren bayerischen Städten schreiben: "Sämtliche Theater in Bausch und Bogen zu schließen, hat im Hinblick auf den Infektionsschutz keinen Nutzen. Und es ist schädlich!" Kultur sei kein Luxus, sondern eine "zwingende Notwendigkeit jeder zivilisierten Gesellschaft!". Wenn Ministerpräsident Markus Söder von einem "fehlenden Run auf die Theater" spreche, liege das "schlicht an dem sehr beschränkten Kartenkontingent".

© Jungblut/BR

Fast leere Bayerische Staatsoper am vergangenen Samstag

Die Theater seien "ein Ort, wo ein wichtiger gesellschaftlicher Diskurs ermöglicht wird, ein gemeinsamer gedanklicher und emotionaler Austausch in diesen schwierigen Zeiten". Durch die "pauschale Schließung wird eine kostbare Möglichkeit vertan, einer zunehmend verunsicherten Gesellschaft einen Ort der Besinnung und des Ausgleichs anzubieten".

Chefdirigenten: "Stellenwert der Kultur gering"

Die Konferenz der deutschen Chefdirigenten und Generalmusikdirektoren äußerte sich ebenfalls öffentlich: "Solange aber unsere Kinder und Enkel in überfüllten Schulbussen, Bahnen und schlecht belüfteten Klassenzimmern sitzen und gleichzeitig milliardenschwer subventionierte Inlandsflüge stattfinden, fällt es uns mehr als schwer, an die Wirksamkeit der Maßnahmen zu glauben." Vielmehr dränge sich der "bittere Eindruck auf, dass der Stellenwert der Kultur trotz Ihrer Lippenbekenntnisse der vergangenen Monate so gering" sei, dass der erste Lösungsansatz gegen steigende Infektionszahlen scheine: "Ist das Kunst? Dann kann das doch weg!"

© Jungblut/BR

Andrea Gronemeyer, Intendantin der Schauburg in München

Furcht vor "Spaltung und Radikalisierung"

Andrea Gronemeyer, die Chefin der Münchner Schauburg, ein Kinder- und Jugendtheater, wandte sich mit einer Stellungnahme an ihr Publikum, in der die Wortwahl der Politiker sehr kritisch bewertet wurde: "Bei allem Verständnis für die Maßnahmen ist mir wichtig zu betonen: Kultur ist mehr als Freizeitgestaltung. Statt in die bizarre Nachbarschaft von Bordellen und Spielhallen gehört das Theater ganz wesentlich zur Bildung – nicht nur der des Geistes, sondern auch der Herzen und der Sinne. Auf kulturelle Begegnungsräume können wir nicht dauerhaft verzichten, denn sie sind die lustvollen Spielplätze des Lernens. Informationen kriegen wir überall, aber wenn es keine Orte für gemeinsames Nachdenken, Auseinandersetzung und Perspektivwechsel gibt, bereitet das den Boden für gesellschaftliche Spaltung und Radikalisierung."

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Andrea Fessmann am Odeonsplatz

Die Vorsitzende der "Iffeldorfer Meisterkonzerte" Andrea Fessmann, die regelmäßig am Münchner Odeonsplatz Open-Air-Konzerte als Mahn-Veranstaltungen für die Nöte der Kultur leitete, forderte die Politik auf, den Teil-Lockdown zurückzunehmen: "Wichtige Lebensbereiche werden der Ökonomie untergeordnet. Dies halten wir für falsch, auch im Hinblick auf unsere Gesellschaft, die weit über den Winter hinaus mindestens noch im nächsten Jahr mit den Einschränkungen der Corona-Pandemie leben muss. Kultur ist ein Grundrecht in der Bayerischen Verfassung, das so per Verordnung außer Kraft gesetzt werden soll. Kultur prägt das Leben vieler Mitmenschen."

© BR

Seit Monaten liegt die Veranstaltungsbranche brach. Konzerte durften nach dem ersten Lockdown nur sehr beschränkt stattfinden. Jetzt ist auch das wieder vorbei. Besonders betroffen sind Musiker wie der Münchner Pianist Cornelius Claudio Kreusch.

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