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Debatte um Sanierung: Ist das Theater Augsburg zu elitär? | BR24

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Bildrechte: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Vor der Sanierung: Blick in den Zuschauerraum des Augsburger Theaters

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    Debatte um Sanierung: Ist das Theater Augsburg zu elitär?

    Die Linkspartei spricht von Größenwahnsinn, die örtliche Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft warnt vor einem "alten Konzept" für die "oberen zehn Prozent": Die Kostenexplosion bei der Modernisierung des Staatstheaters sorgt für Grundsatzdebatten.

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    Von
    • Peter Jungblut

    Sind Oper, Ballett und Schauspiel tatsächlich nur für die Reichen und Mächtigen da? In Augsburg hat sich an der Sanierung des dortigen Staatstheaters jedenfalls eine Debatte darüber entzündet, ob es nicht wichtiger sei, Schulen zu sanieren als Theatergebäude – zumal die Baukosten regelmäßig explodieren. Auch in Augsburg waren für die Erneuerung des maroden Theaters zunächst 186 Millionen Euro eingeplant, inzwischen ist von bis zu 321 Millionen Euro die Rede, und auch die dürften nicht das letzte Wort sein. Susann Dettmann von der Augsburger Linken vermutet sogar, dass die "größten Kostenfallen" noch gar nicht entdeckt wurden, weil am Großen Haus noch wenig gemacht worden sei, und spricht von einer "größenwahnsinnigen Sanierung", die auf keinen Fall auf Kosten von "Bildung, Sport und Kultur abseits des Staatstheaters" gehen dürfe.

    Fehlt das Geld den Schulen?

    Ähnlich äußerte sich Tobias Bevc von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), der gleichzeitig stellvertretender Fraktionsgeschäftsführer der gemeinsamen Fraktion von Linken und SPD im Augsburger Stadtrat ist. Ein Theater "nach altem Konzept" sei nur für die "oberen zehn Prozent der Stadtgesellschaft" da, es gehe heutzutage aber nicht mehr wie früher um "Distinktion und bourgeoise Pflichterfüllung", schreibt er in einer Pressemitteilung.

    Auch Bevc rechnet in seiner Stellungnahme die Sanierungskosten des Theaters mit den seiner Meinung nach fehlenden Mitteln für Bildungseinrichtungen auf: "Die gegenwärtigen Verzögerungen bei den Schulsanierungen in Augsburg zeigen deutlich, dass schon jetzt das Geld für wichtige kommunale Pflichtaufgaben fehlt und in den kommenden Jahren immer mehr fehlen wird. Ich möchte gerne daran erinnern, dass das Theater eine freiwillige Aufgabe ist, die wir auch sehr begrüßen würden, wenn das Geld für die Pflichtaufgaben vorhanden wäre." Daher unterstützt die GEW ein neues Bürgerbegehren für eine deutlich "abgespeckte" Sanierungsvariante. Nur so gebe es die Chance, das Theater für "die ganze Stadtgesellschaft zu öffnen und dabei auch noch Geld zu sparen". Was das genau bedeutet, erklärte Bevc nicht.

    © Karl-Josef Hildenbrand/dpa
    Bildrechte: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

    Blick in den Abgrund: Drohen "Kostenfallen"?

    Es verwundert nicht, dass die Kritik an der teuren Theatersanierung von links kommt, fremdeln doch nicht nur die Linke, sondern auch SPD und Grüne von jeher immer wieder mit der vergleichsweise teuren "Hochkultur". Stattdessen fördern diese Parteien gern Stadtteilprojekte, die Freie Szene und andere weniger aufwändige und vor allem weniger hochpreisige Formate. Was allerdings doch verblüfft: Seit Jahrzehnten machen fast alle Stadt- und Staatstheater Angebote für Jugendliche und finanziell schlechter gestellte Bürger, bespielen Klassenzimmer, Seniorenheime und andere Örtlichkeiten außer Haus, vom grundsätzlich "links" und aufklärerisch orientierten Regietheater ganz zu schweigen – und doch scheinen die alten Reflexe nach wie vor zu funktionieren, müssen die hoch subventionierten Häuser immer aufs Neue um ihre Daseinsberechtigung kämpfen.

    Zur Zeit spielt das Augsburger Theater wegen der Sanierung in wenig repräsentativen Ausweichquartieren wie einer ehemaligen Fabrikhalle im Textilviertel und einem früheren Gaswerk im Stadtteil Oberhausen. Beides nicht gerade Örtlichkeiten, an denen sich üblicherweise die städtische Oberschicht drängelt.

    © Peter Litvai/Theater Augsburg
    Bildrechte: Peter Litvai/Theater Augsburg

    Intendant André Bücker

    Haben Kritiker "keine Ahnung" vom Programm?

    Die Kritik, ein Haus wie das Augsburger Theater sei für das 21. Jahrhundert immer noch zu "bourgeois", weist Intendant André Bücker gegenüber dem BR entschieden zurück. Sie könne nur von jemandem kommen, der "keine Ahnung vom aktuellen Programm" seines Theaters habe. So arbeite das Haus längst mit vielen Schulen zusammen, biete auch Patenschaften an und habe jetzt drei Theaterpädagogen statt wie früher nur einen. Der von der GEW angemahnte Öffnungsprozess in die Stadtgesellschaft sei längst in vollem Gange, die Bürgerbeteiligung fest vereinbart. Es gebe Produktionen in den Stadtteilen, Angebote für Migranten, und Hartz IV-Empfänger könnten das "Kultur-Sozialticket" für einen Euro in Anspruch nehmen.

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    Bildrechte: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

    Viel zu tun: Blick auf die Bühne des Augsburger Theaters im Bauzustand

    Bücker verwies auf die von ihm entwickelte "interdisziplinäre und interkulturelle Plattform Plan A", wo ganz neue Theaterformen ausprobiert würden. Aktuell zum Beispiel gebe es unter dem Titel "Obdach" eine zeitlich befristete Rauminstallation, in der wohnungslose Menschen "statt der Übernachtung unter freiem Himmel oder im überfüllten Wohnheim wenigstens punktuell Privatsphäre" geboten werde. Gemessen an all diesen Projekten sei die Forderung nach einer grundsätzlichen Neuausrichtung des Theaters "bizarr".

    Wie auch immer, die Augsburger Theatersanierung hat in der Tat alle Kosten-Vorhersagen längst hinter sich gelassen. War zunächst von 72 Millionen Euro die Rede, stieg die Prognose schnell auf 125 Millionen Euro, bis es hieß, dass allein das Große Haus keinesfalls unter 115 Millionen Euro zu erneuern sei. Und weil auch noch das alte Verwaltungsgebäude abgerissen wurde und neu zu errichten ist und jährliche Steigerungen von bis zu fünf Prozent in der Baubranche nichts Ungewöhnliches sind, errechneten die Fachleute zuletzt bis zu 321 Millionen Euro Kosten – wohlgemerkt, ohne das bis jetzt im Großen Haus viel passiert ist.

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