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Bildrechte: Kristy O'Connor/Picture Alliance

Demo in London gegen Gewalt im Nachtleben

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    Debatte um mehr Szene-Sicherheit: Kripo vor jedem Nachtclub?

    Nach dem gewaltsamen Tod von Sarah Everard plant die britische Regierung, vor und in den Clubs Zivilfahnder einzusetzen, vor allem tief in der Nacht, wenn die Gäste nach Hause gehen. Den Plan finden nicht wenige "ziemlich erschreckend".

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    Von
    • Peter Jungblut

    Das "Projekt Wachsamkeit" der britischen Regierung sorgt für erregte Debatten. Bei einem Treffen mit Premierminister Boris Johnson hatte eine Taskforce "sofortige Schritte" beschlossen, die das Nachtleben sicherer machen sollen. Polizei und Justiz waren unter Druck geraten, nachdem die 33-jährige Sarah Everard in der Nacht vom 3. auf den 4. März auf dem Heimweg im Süden von London gewaltsam zu Tode kam. Ausgerechnet ein Polizist ist der Hauptverdächtige. Er soll die Frau, die allein unterwegs war, nach seiner Schicht entführt und getötet haben. Die Leiche wurde in einem Waldstück in der südostenglischen Grafschaft Kent gefunden. Die Gewalttat löste eine breite Sicherheitsdebatte aus. Vor allem Frauen zeigten sich empört.

    Mehr Kameras, mehr Licht, mehr Einblick

    Die Regierung sah sich zum Handeln gezwungen. Dass sie aber jetzt mehr Sicherheitskräfte ins Nachtleben schicken will, sorgt seinerseits für viel Gegenwind. Die Taskforce hatte beschlossen, "verdächtige" Personen von der Polizei stärker überwachen zu lassen, vor allem nachts. Außerdem sollen sich uniformierte und zivile Beamte deutlich mehr um die Clubszene kümmern und in den frühen Morgenstunden, wenn die Gäste nach Hause gehen, direkt an Ort und Stelle ein Auge auf das Geschehen haben. Die Abgeordnete im britischen Unterhaus Victoria Atkins stellte sich das so vor, dass die Informanten im Nachtleben die Uniformierten ständig auf dem Laufenden halten.

    45 Millionen Pfund sollen in mehr Überwachungskameras und bessere Beleuchtung investiert werden und damit doppelt soviel Geld wie bisher. Parkwege sollen umgestaltet werden, um sie besser einsehen zu können: "Der schreckliche Fall von Sarah Everard hat eine Welle ausgelöst, wonach sich Frauen nachts nicht mehr sicher fühlen", so Boris Johnson: "Wir müssen alles tun, um unsere Straßen sicherer zu machen." Dabei ist das "Projekt Wachsamkeit" (Project Vigilant) nichts Neues: Die Thames Valley Police hat es bereits 2019 auf den Weg gebracht und wurde dafür sogar ausgezeichnet.

    © Tayfun Salci/Picture Allliance
    Bildrechte: Tayfun Salci/Picture Allliance

    Besorgnis: Junge Frauen demonstrieren mit Masken für mehr Sicherheit.

    Kritiker nannten das Maßnahmenpaket dem "Guardian" zufolge "bizarr und furchteinflößend". Von "Polizisten in engen Jeans" war auf Seiten von Labour-Politiker mit ironischem Unterton die Rede, berichtete die BBC. Es "gehe in spektakulärer Weise am eigentlichen Problem" vorbei. Bryony Beynon, die Geschäftsführerin des Verbands "Good Night Out Campaign" nannte das Projekt "ziemlich beängstigend" und hatte das Gefühl, dass die Polizei sich deutlich mehr in gesellschaftliche Räume einmischen wolle: "Sie schießen mit der Schrotflinte, was ganz danach aussieht, dass sie von den wahren Kritikpunkten ablenken wollen." Beynon nannte in erster Linie das ruppige Verhalten von Scotland Yard bei den Trauer-Demonstrationen für Sarah Everard am vergangenen Samstag.

    Die Idee, mehr Polizei vor Nachtclubs sei eine Hilfe für bedrängte Frauen, nannte Beynon "befremdlich". Viel sinnvoller sei es, Frauen die Möglichkeit zu geben, in Fällen von sexueller Zudringlichkeit überall sofort einen Ansprechpartner zu finden und deutlich aussprechen zu lassen, was passiert sei.

    "Und wer schützt mich vor dem Zivilfahnder?"

    Eine Sprecherin des "Centre for Women's Justice" gab sich sarkastisch. Gerade in einer Zeit, in der das Vertrauen vieler Frauen in die Polizei auf dem Nullpunkt sei, wirkten die vorgeschlagenen Maßnahmen "bizarr": "Viele Frauen werden sich jetzt zurecht fragen: Und wer schützt mich vor dem Zivilfahnder?"

    Die Labour-Politikerin Stella Creasy urteilte in der BBC ähnlich: "Sarah Everard ist an dem Tag gar nicht ausgegangen, deshalb berücksichtigt der Gedanke, Kriminalbeamte in Nachtclubs zu schicken, um das Problem zu lösen, nicht, dass Frauen an allen möglichen Orten missbraucht, angegriffen und eingeschüchtert werden." 80 Prozent aller Frauen seien bereits "im hellen Tageslicht" sexuell belästigt worden, und was erschreckend sei: Fast alle, nämlich 90 Prozent, würden angeben, diese Vorfälle niemals zu melden, weil sie nicht glaubten, dass sich dadurch irgendwas ändere. Frauenhass müsse endlich als "Verbrechen" gebrandmarkt und bestraft werden.

    Alessandra Peters von der Gruppe "It Happens Here" in Oxford regte an, Nachtclubs könnten mehr Überwachungskameras installieren und Drinks mit einem Deckel ausstatten, um die Vergiftung durch K.O.-Tropfen zu erschweren. Auch ein besserer öffentlicher Nahverkehr könne manches zum Besseren wenden.

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