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Debatte um Künstler in Not: Corona-Soforthilfe gefloppt | BR24

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Nur ganze 10 000 notleidende Kunstschaffende statt die erwarteten 60 000 beantragten Soforthilfe - so Kunstminister Bernd Sibler. Viele entschieden sich stattdessen für Hartz IV. Und eine Besserung der Lage ist für Veranstalter nicht in Sicht.

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Debatte um Künstler in Not: Corona-Soforthilfe gefloppt

Nur ganze 10.000 notleidende Kunstschaffende statt der erwarteten 60.000 beantragten Soforthilfe, so Kunstminister Bernd Sibler. Viele entschieden sich stattdessen für Hartz IV. Und eine Besserung der Lage ist für die Branche nicht in Sicht.

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Die Nerven liegen blank, die Konten sind leer, Existenzängste greifen um sich: Immer mehr Kulturschaffende stehen vor dem Nichts und haben derzeit auch wenig Aussichten, dass sich das demnächst ändert. Ganz im Gegenteil, gerade hat das größte Opernhaus der Welt, die New Yorker Met, die gesamte Saison gestrichen und den Neustart auf den Herbst nächsten Jahres verschoben – das war weltweit ein verheerendes Signal in die ganze Unterhaltungsbranche.

Und einer wie Christian Stückl, der Chef des Münchner Volkstheaters, ist erschüttert, was die Politiker derzeit von ihm so alles verlangen: "Ich wurde tatsächlich gefragt, auszurechnen, was es kostet, wenn wir nicht spielen! Da habe ich mich tatsächlich verarscht gefühlt und gedacht, na dann werft mich halt raus, wenn wir nicht spielen! Und jetzt geht schon die Diskussion los, ob die Kultur zu den Pflichtaufgaben gehört, die geht jetzt wirklich los!"

Nur 10.000 Anträge für Soforthilfe

Wenn Kultur tatsächlich keine staatliche "Pflichtaufgabe" ist, wie derzeit rege diskutiert wird, dann wären Streichungen also unvermeidlich. Und manche Hoffnung hat sich längst zerschlagen, zum Beispiel erwies sich die bayerische Soforthilfe für Künstler als Flop: Jeweils bis zu 1.000 Euro über drei Monate, dafür wollten offenkundig nur sehr wenige Künstler einen Antrag stellen. Mit 60.000 Personen hatte die Politik gerechnet, nur 10.000 meldeten sich und davon bekamen lediglich 8.000 Geld ausbezahlt.

Kunstminister Bernd Sibler: "Wir haben es groß angelegt, wir haben das Programm für 60.000 Menschen kalkuliert, haben aber deutlich weniger, nämlich nur 10.000 Anträge bekommen, weil wir festgestellt haben, dass viele eine Zurückhaltung beim Antragstellen hatten. Viele waren in der Grundsicherung schon drin, viele hatten aus anderen Förderprogrammen schon Geld bekommen, viele waren auch mit dem Antragsverfahren nicht vertraut. Deshalb haben wir im Ministerium jetzt eine Anlaufstelle für die freie Szene auf den Weg gebracht, um gerade die Informationsdefizite besser in den Griff zu bekommen."

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Kontroverse im Münchner Volkstheater

Größere Lockerungen, neue Förderungen oder andere Hoffnungszeichen hatte Bernd Sibler bei der Podiumsdiskussion im Münchner Volkstheater nicht parat – wie auch, die Pandemie ist ja alles andere als überwunden. Also zittern Großveranstalter wie der Bayreuther Unternehmer Dieter Semmelmann weiter: "Wir haben allein bei uns 1.500 Veranstaltungen, die wir ins nächste Jahr verlegt haben. Wir müssen diese Veranstaltungen spielen, wir müssen unseren Musikern, unseren Künstlern, unseren Technikern, unseren Crews einfach die Perspektive geben, dass es nächstes Jahr weitergeht. Sonst wird es nächstes Jahr keine Struktur mehr geben, die wir in vielen Jahren aufgebaut haben. Dann wird die gesamte Kultur- und Veranstaltungsbranche zusammenbrechen."

"Katastrophe, wie Selbstständige abgehängt werden"

Das ist er dann wohl unweigerlich, der "point of no return", über den Kulturpolitiker und Künstler diskutierten – dann gibt es wirklich keinen Weg mehr zurück, weil wichtige Mitarbeiter in andere Branchen abgewandert sind. Und ein Clubbetreiber wie der Münchner Till Hofmann ("Milla") kann sich auch von einer Anhebung der Obergrenzen in Theatern nichts kaufen, denn in der Clubkultur sind weder Abstände möglich, noch Klimaanlagen vom Format wie die der Bayerischen Staatsoper. Deshalb wird das Nachtleben noch sehr lange stillstehen.

Till Hofmann an die Politiker gewandt: "Ich glaube, ihr habt nicht auf dem Schirm gehabt, wie viele Leute da dranhängen! Das ist dann nach und nach herausgekommen, und jetzt seid ihr überrascht. Die ganzen Solo-Selbstständigen, die an uns hängen und die Sie eigentlich kennen müssten, das ist eine Katastrophe, wie die abgehängt werden! Das ist eine riesige Masse, und man hätte deren Einkommen längst, basierend auf ihren Steuerergebnissen berechnen und mit 70 Prozent Kurzarbeit honorieren können."

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Bernd Sibler und Volkmar Halbleib (SPD, rechts)

Bis jetzt dürfen nur drei Häuser in Bayern 500 Zuschauer empfangen, die Münchner Philharmonie, die Bayerische Staatsoper und die Meistersingerhalle in Nürnberg - und überall ist es dem Vernehmen nach schwer, selbst diese wenigen Sitze zu füllen. Die Leute sind tief verunsichert, besonders die Älteren haben Angst. Minister Sibler: "Ich weiß auch, dass das Risiko in diesen Veranstaltungen minimal ist. Das unterstütze ich ausdrücklich, und wir haben das fraktionsintern und in der Staatsregierung auch schon formuliert, wir müssen im Herbst die nächsten Entwicklungsschritte gehen. Wir werden den Modellversuch mit 500 Zuschauern noch einmal verlängern, um das wenigstens in diesen drei Spielstätten zu haben. Wir sammeln die Argumente, damit wir in den anderen Häusern auch weiterkommen, weil es klar ist, dass wir uns stärker an den jeweiligen Gegebenheiten orientieren müssen."

"Infektionsrate hat nichts mit Konzerten zu tun"

Die Obergrenzen helfen kommerziellen Veranstaltern sowieso nicht, weil die mindestens siebzig, achtzig Prozent der Sitze füllen müssten, um Geld zu verdienen. Aber gerade deshalb, so der SPD-Landtagsabgeordnete Volkmar Halbleib, müsse die Debatte über Zuschauerzahlen schnell beendet werden: "Wir haben ja schon vor der Sommerpause dafür gekämpft, endlich mal die Obergrenzen zu streichen, weil es dafür keinen wissenschaftlichen Beleg gibt. Das hat mit der Pandemie-Bekämpfung nullkommanull zu tun. Die Infektionsrate, die wir jetzt nach oben gehen sehen, die hat mit gesitteten Veranstaltungen wie Konzerten, Kabarett, Theater eigentlich nichts zu tun und das macht die Künstler verrückt!"

Viel Unmut, viel Unsicherheit bei den Künstlern und der Opposition – Bernd Sibler musste sich herbe Vorwürfe anhören, und konterte schließlich mit einem Hinweis auf die allgemeine Stimmungslage in der Bevölkerung: "Seien Sie mir nicht böse, aber es gibt genügend Umfragen, dass weit über achtzig Prozent der Menschen sagen, dass ein Großteil der Maßnahmen angemessen ist, dass es eher noch strenger zugehen sollte. Wir dürfen bitte nicht so tun, als gäb's das nicht!"

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