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Bildrechte: Ringo Chiu/Picture Alliance

Fans von Britney Speares unterstützen sie bei einem Gerichtstermin

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    Debatte: Machten Medien Lindsay Lohan und Britney Spears fertig?

    Es geht um Sexismus und Skrupellosigkeit: Eine TV-Doku hat in den USA eine Diskussion über den rücksichtslosen Umgang mit Popstars ausgelöst. Jetzt häufen sich die Entschuldigungen - und sogar Late-Night-Talker in Rente müssen sich verantworten.

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    Von
    • Peter Jungblut

    Seit dem 20. Mai 2015 ist die Talkshow-Legende David Letterman, einst Vorbild für Harald Schmidt, im Ruhestand – der jetzt allerdings überraschend unruhig, ja lärmerfüllt ist: Fast acht Jahre nach einer Sendung mit dem einstigen Disney-Teenie-Star Lindsay Lohan ("Freaky Friday") wird der Ex-Moderator in den sozialen Netzwerken TikTok und Twitter mit bitteren Vorwürfen konfrontiert. Letterman hatte die Schauspielerin und Sängerin, die damals wegen ihrer Drogenprobleme Schlagzeilen machte, beharrlich nach ihren Rehabilitations-Maßnahmen gefragt, obwohl das Thema im Vorgespräch zur Sendung gar nicht angesprochen worden war.

    Gleichwohl versuchte Lohan die Fassung zu bewahren und antwortete, eine Reha sei eine Chance, sich auf das zu konzentrieren, was sie im Leben liebe. Unter dem Gelächter des Studiopublikums bohrte Letterman immer weiter nach, wollte Einzelheiten der Reha wissen. Lohan versuchte sich mit dem Hinweis zu wehren, das sei alles unter der Gürtellinie, es verbiete sich, über die Gesundheit Witze zu reißen. Ein Twitter-User stellte am Wochenende einen Ausschnitt der historischen Talkshow ins Netz und bemerkte, es sei "fürchterlich, das heutzutage anzusehen". Viele gaben ihm recht, andere lobten die Standhaftigkeit von Lindsay Lohan.

    Wer ist die Person jenseits der Kamera?

    Die Debatte über Sexismus und Macho-Gehabe in früheren Zeiten dreht sich damit weiter: Kürzlich hatte der 75-minütige, von der "New York Times" produzierte Dokumentarfilm "Framing Britney Spears" von Samantha Stark eine heftige Kontroverse über den unfairen Umgang mit Spears ("Glory", "Femme Fatale") ausgelöst. Es ging weniger um den Pop-Star selbst als um die Medien und das Bild, dass sie von der Sängerin vermittelten. Stark plädierte dafür, den jahrelangen, skrupellosen "Jagdeifer" von Gesellschaftsreportern und Fotografen kritisch zu hinterfragen.

    Obwohl Spears selbst an dem Film in keiner Weise mitwirkte, schrieb sie auf Twitter: "Jeder hat seine eigene Geschichte und seine Sicht auf die Geschichten der anderen. Wir alle haben so unterschiedliche, großartige, schöne Lebensläufe. Denkt dran, was auch immer ihr glaubt, vom Leben anderer zu wissen, es ist nichts im Vergleich zur eigentlichen Person hinter der Kameralinse."

    © Berzane Nasser/Picture Alliance
    Bildrechte: Berzane Nasser/Picture Alliance

    Lindsay Lohan

    Spears kämpft derzeit vor Gericht gegen ihren Vater Jamie darum, wieder ihre eigenen finanziellen Angelegenheiten regeln zu dürfen. Sie steht seit zwölf Jahren unter Vormundschaft, nachdem sie mehrfach Drogenprobleme gehabt hatte und sich während eines Sorgerechtsstreits mit ihrem Ex-Ehemann Kevin Federline 2007 mit ihren beiden Kindern in ihrem Haus verbarrikadiert hatte, bis die Polizei sie gewaltsam herausholte. Damals hatte Spears für Aufsehen gesorgt, nachdem sie sich vor laufender Kamera ihren Kopf kahlgeschoren hatte und ein geparktes Auto mit einem Regenschirm traktierte. Im Januar 2008 wurde sie von Ärzten als "Gefahr für sich und andere" bezeichnet.

    In einem Urteil vom 10. Februar dieses Jahres wurde dem Vater von Spears als weiterer Vormund eine Vermögensverwaltung beigestellt. Beide Seiten wollen demnächst einen "Investmentplan" besprechen. Am 17. März und am 27. April soll es weitere Gerichtstermine geben.

    Timberlake entschuldigte sich "als ersten Schritt"

    Nach der Ausstrahlung der Dokumentation auf den US-Streaming-Portalen FX und Hulu gab es eine Welle der Solidarität mit dem tief gefallenen Star. Anwältin Lisa MacCarley schrieb an 100 Kollegen in Los Angeles einen Brief, sie sollten die Beendigung der Vormundschaft von Spears unterstützen. Justin Timberlake, der zwischen 1999 und 2002 häufig mit der Sängerin zusammen war, entschuldigte sich öffentlich für sein damaliges Verhalten, was er als "ersten Schritt" verstanden wissen wollte.

    Er hatte kurz nach der Trennung ein Musikvideo produziert, in dem eine Frau aufgetreten war, die Britney Spears sehr ähnelte. In dem Clip mit dem Titel "Cry Me a River" hatte Timberlake seiner Ex mehr oder weniger unverblümt die Schuld am Scheitern der Beziehung gegeben.

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    Bildrechte: Star Max/Picture Alliance

    Britney Spears

    Jetzt sagte der Sänger: "Es tut mir sehr leid für die Zeit in meinem Leben, in dem ich durch mein Verhalten das Problem verschlimmert habe, wo ich mich ohne nachzudenken äußerte und mich nicht dafür einsetzte, was richtig gewesen wäre. Ich möchte mich besonders bei Britney Spears und Janet Jackson entschuldigen, weil mir beide viel bedeuten und ich sie respektiere und ich weiß, dass ich versagt habe." Als weißer Mann in einer "privilegierten Position" müsse er da vernehmlicher sein, so Timberlake. 2004 war er an der Seite von Janet Jackson in der Halbzeitpause des "Super Bowl" aufgetreten, als der Sängerin während der Show ihr Kleid verrutschte, was als "Nipplegate" zum Skandal wurde.

    Satirikerin: "Ich fühle mich schrecklich"

    Entschuldigt hat sich inzwischen auch Samantha Barry, die Chefredakteurin von "Glamour": "Hoffentlich sind wir an einem Punkt, wo wir das nicht wiederholen - erst diese Promis hochzuschreiben, vor allem Frauen, und sie dann fertigzumachen." MTV-Satirikerin Sarah Silverman, die sich 2007 über die Kinder von Spears lustig gemacht hatte, sagte: "Ich könnte mich damit rausreden, dass ich nur meinen Job gemacht habe, das klänge allerdings wie in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen, und ich bin verantwortlich für das, was aus meinem Mund kommt." Sie fühle sich schrecklich, sollte sie Spears mit ihren Auftritten verletzt haben.

    Jen Peros, Chefredakteurin beim Klatschblatt "Us Weekly" und früher selbst Reporterin, begründete den harschen Umgang mit Spears damit, dass Printmagazine vor gut zehn Jahren in einem besonders harten Wettbewerb standen. Heutzutage würden die Wochentitel "viel sensibler und zurückhaltender" vorgehen. Als Beispiele nannte sie die Schauspielerin und Sängerin Selena Gomez, die offen über ihre Depressionen gesprochen habe, und deren Kollegin Demi Lovato, die ebenso freimütig Interviews über ihre Bulimie-Erkrankung und ihre Drogenabhängigkeit gegeben habe

    Abgestempelt zur "Irren, die sich kahlrasiert"

    Samantha Stark sagte in einem Interview mit dem "Billboard Magazin", Spears sei das Opfer von sexistischen Vorurteilen und einem inakzeptablen Verhalten von Paparazzi, die ihr immer wieder auflauerten, den Weg versperrten und sie unfreiwillig fotografierten. Für den Durchschnittsamerikaner sei Spears bis heute die "Irre, die sich ihre Haare kahlrasiert", sie sei von frauenfeindlichen Medien auf diese Rolle festgelegt worden, worauf sich auch der Titel des Films bezieht: "Framing" beschreibt einen Vorgang, bei dem Menschen von ihrer Umgebung in ein festes Deutungsraster eingeordnet werden, aus dem sie aus eigener Kraft nur schwer wieder herauskommen.

    Zwei Beteiligte an der Doku, Babs Gray und Tess Barker, haben eine Podcast-Serie gestartet, die Hintergrundinfos zu Spears' Leben und ihren Kampf um Selbstständigkeit bieten will. Unter dem Hashtag "FreeBritney" haben sich inzwischen alle zusammengefunden, die die Künstlerin dabei unterstützen wollen.

    Und ähnlich wie David Letterman kam auch der frühere Late-Night-Talker Craig Ferguson zu späten, in diesem Fall allerdings positiven Schlagzeilen: Obwohl er schon Ende 2014 als Moderator der "Late Late Night"-Show aufhörte, wurde jetzt ein Monolog von ihm aus dem Jahr 2007 gefeiert, wo er einräumte, sich "unwohl" zu fühlen, "diese Leute zu verspotten": "Comedy sollte einen gewissen Anteil Freude vermitteln. Sie sollte mächtige Menschen, Politiker und die Trumps dieser Welt angreifen - nicht die verletzlichen Menschen."

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