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Debatte: Darum sollen Weiße nicht Werke von Schwarzen übersetzen | BR24

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Viel Wirbel um Amanda Gorman: Ihr Werk sollte in Holland von einer weißen Autorin übertragen werden, wogegen es Proteste gab. Machte es der deutsche Verlag besser? Er beauftragte gleich drei Autorinnen, darunter eine Schwarze und eine Deutsch-Türkin.

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Debatte: Darum sollen Weiße nicht Werke von Schwarzen übersetzen

Viel Wirbel um Amanda Gorman: Ihr Werk sollte in Holland von einer weißen Autorin übertragen werden, wogegen es Proteste gab. Machte es der deutsche Verlag besser? Er beauftragte gleich drei Autorinnen, darunter eine Schwarze und eine Deutsch-Türkin.

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Von
  • Peter Jungblut

Es geht um Geld, tatsächlich, obwohl Gedichte ja eigentlich schwer verkäuflich sind. Doch Amanda Gorman ist eben die große Ausnahme. Sie ist längst zu einer Marke geworden und damit sehr erfolgreich, nicht nur als Lyrikerin, sondern auch als Mode-Ikone, Fernseh-Prominente, Bürgerrechtlerin, als Stimme des jungen, schwarzen Amerika. Sie hat es geschafft, unverwechselbar zu sein - der entscheidende Vorteil in der Konkurrenz um Medien-Aufmerksamkeit. Sie wird von Michelle Obama interviewt, ist mit Talkshow-Legende Oprah Winfrey befreundet, sie versteht was vom Showgeschäft, schließlich wurde sie in Los Angeles geboren und besuchte dort Schreibwerkstätten. Gorman wurde über Nacht zum Star, seit sie am 20. Januar bei der Amtseinführung von Joe Biden am Rednerpult stand.

Eine Wortkünstlerin – ohne Zweifel, aber wie schwer ist es tatsächlich, diesen Stil, diesen Tonfall zu treffen? In Holland sollte die junge weiße Autorin Marieke Lucas Rijneveld das bahnbrechende Gedicht von Gorman ins Niederländische übersetzen: "The Hill We Climb" (Der Hügel, den wir erklimmen). Dagegen gab es Protest: Eine Weiße, die außerdem ihre Geschlechtsidentität als "nicht-binär" bezeichne, könne doch nicht ein derart politisches Werk einer jungen schwarzen Frau übersetzen, argumentierte die Aktivistin und schwarze Autorin Janice Duel in einem Meinungsbeitrag – und das, obwohl Amanda Gorman und ihr Team persönlich dem Vertrag mit der 29-jährigen Rijneveld zugestimmt hatten.

"Wem gehören Geschichten?"

Für den Frankfurter Lyrik-Experten und Buchautor Christian Metz ("Poetisch denken. Die Lyrik der Gegenwart", 2018) ist das nicht ausschlaggebend. Er sagt gegenüber dem BR: Sobald ein Gedicht zu einem Produkt wird, sobald es vermarktet wird und ökonomischen Nutzen hat, sei bei der Auswahl eines Übersetzers äußerste Sensibilität erforderlich. Die Kritik von Duel an der weißen Übersetzerin kann Metz nachvollziehen: "Es geht tatsächlich darum: Wem gehören Geschichten und wer eignet sie sich an, um sie dann ökonomisch in Zirkulation einzuspeisen? Vor dieser Traditionslinie ist es durchaus ein Argument, das man bedenken sollte, gerade, wenn man ja andere Möglichkeiten hat, um solche Gedichte übersetzen zu lassen, nämlich von anderen Personen übersetzen zu lassen. Reflektieren sollte man das, würde ich sagen. Zumindest kann man das Argument nicht vollständig vom Tisch wischen und sagen, ach, darauf sollte man keinen Gedanken verschwenden."

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Bildrechte: Horst Galuschka/Picture Alliance

Deutsche Übersetzerin von Gorman: Kübra Gümüsay.

Demnach ist es also keineswegs unerheblich, welche Hautfarbe eine Übersetzerin hat. Womöglich kann sich eine weiße Autorin in den Text einer Schwarzen einfühlen, aber darf sie sich diesen Text auch aneignen? Nein, sagt Christian Metz, denn Europas Weiße haben sich in der Vergangenheit ständig die Produkte von Schwarzen angeeignet, und zwar gewaltsam: "Von dieser Tradition können wir uns nicht einfach ablösen, und es gibt eine sehr lange und gerade im Ökonomischen sehr mächtige Tradition der Aneignung von Produkten, die von schwarzer Hand gefertigt wurden. Da merken Sie schon, dass die Diskussion über Hautfarbe sehr wohl eine Rolle spielt. Und um diese Reflexion geht es, dass man eben nicht einfach die Zirkulation der Aneignung einfach weiter fortsetzt, nach dem Motto, na gut, das ist Frau Gormans Entscheidung. In dieser Verpflichtung ist man als Europäer sehr wohl und als niederländischer Verlag ist man das allemal."

Hat der deutsche Verlag es "besser" gemacht?

Der Hamburger Verlag Hoffmann und Campe, der Gormans wegweisendes Gedicht Ende März auf Deutsch veröffentlichen wird, hat es nach Auffassung von Metz besser gemacht als der holländische Verlag. Hoffmann und Campe heuerte gleich drei Übersetzerinnen an, die Hamburger Netz-Aktivistin und Deutsch-Türkin Kübra Gümüsay, die schwarze Politologin Hadija Haruna-Oelker, die auch in der "Initiative schwarze Menschen in Deutschland" aktiv ist, und die auf amerikanische Literatur spezialisierte Literaturwissenschaftlerin Uda Strätling.

© Nell Redmond/Picture Alliance
Bildrechte: Nell Redmond/Picture Alliance

Maya Angelou: Vorbild von Amanda Gorman.

Dazu Christian Metz gegenüber dem BR: "Bei diesen drei Übersetzerinnen können Sie sehr gut sehen, dass man bei Hoffmann und Campe, die diese Übersetzung beauftragt haben, sehr wohl überlegt hat, wie der Diskurs, der in diesem Gedicht eröffnet worden ist, übertragbar ist, aufnehmbar ist in die ökonomische Zirkulation in einem Land wie Deutschland. Damit, würde ich sagen, ist man doch einer möglichen Lösung sehr nahegekommen, wie man Rücksicht nimmt, ohne bei der Übersetzung selbst irgendwelche Einbußen zu haben."

Debatte über Kolonialismus und Ausbeutung

Hoffmann und Campe wollte sich auf Anfrage dem BR gegenüber vorerst übrigens nicht mündlich äußern. In einer schriftlichen Stellungnahme hieß es, den Wunsch der Autorin, auf "bestimmte Parameter" zu achten, habe der Verlag "gern berücksichtigt": "Das aus drei gleichberechtigten Expertinnen bestehende interdisziplinäre und intersektional denkende Team war die Idee des Hoffmann und Campe Verlags."

In Deutschland gab es übrigens schon im Dezember in einem anderen Fall eine Diskussion über die Problematik von Übersetzungen der Gedichte schwarzer Autorinnen durch weiße Kolleginnen. Judith Zander hatte damals Gedichte der 2014 verstorbenen Afroamerikanerin Maya Angelou übertragen, einem großen Vorbild von Amanda Gorman, und im Deutschlandfunk gesagt: "Ich war mir zuerst gar nicht so sicher, ob ich sie übersetzen kann und brauchte eine gewisse Bedenkzeit, weil es recht fern von meiner eigenen Lyrik ist."

Der Streit um die Übersetzung von Amanda Gormans Werken hat also eine längere Debatte neu entflammt, die weit über die literarische Qualität ihrer Lyrik hinausgeht. Eine Debatte über Kolonialismus, über Ausbeutung, über Identitäten, über die Frage, wie schwer und manchmal unmöglich es ist, historische und gegenwärtige Grunderfahrungen in andere Sprachen und Mentalitäten zu übersetzen. Da sind Versform und Rhythmus noch die geringsten Probleme.

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