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"Centropy": Deana Lawsons Fotografien Schwarzen Lebens in Basel | BR24

© Audio: BR / Bild: Courtesy die Künstlerin und Sikkema Jenkins & Co., New York

Die Kunsthalle Basel zeigt monumentale Fotografien von Deana Lawson

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"Centropy": Deana Lawsons Fotografien Schwarzen Lebens in Basel

Die Fotografien von Deana Lawson sind monumental wie Gemälde, intim und herausfordernd, künstlich und realistisch. Sie lassen den Menschen auch in prekären Verhältnissen ihre Würde – und man kann gerade jetzt nicht anders, als sie politisch zu sehen.

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Von
  • Rudolf Schmitz

Polizeigewalt gegen Schwarze, Rassismus: Die junge afroamerikanische Fotografin Deana Lawson ist damit aufgewachsen, hat es gesehen und darunter gelitten. In der Kunsthalle Basel zeigt sie jetzt Bilder aus der schwarzen Alltagskultur, die sich als entschiedenes Statement gegen Rassismus lesen lassen. Es ist ein Zufall, dass sie jetzt, wenige Wochen nach George Floyds Tod, gezeigt werden: Geplant war die Ausstellung schon für den März, dann kam Corona.

Die blinden Flecken der Kunstgeschichte

"Wir wissen ja, dass Museen, Galerien, die Kunstgeschichte schwarze Menschen nicht so zahlreich präsentieren wie Weiße", sagt Elena Filipovic, Direktorin der Kunsthalle Basel und selber Amerikanerin. "Das ist ein Fakt. Und da geht es schon um Rassismus." Vielleicht haben Deana Lawsons Fotografien auch deshalb Gemälde-Format: um den blinden Fleck der Kunstgeschichte zu korrigieren. Mindestens ein Meter breit, oft mehr, öffnen sich da Türen in eine selten gezeigte Welt. Provozierend selbstbewusste Nacktheit, kraftvolle bizarre Posen, gesehen mit einem empathischen, liebevollen Blick.

Zum Beispiel die schwangere Brasilianerin, hingestreckt auf der Steintreppe ihrer Wohnung: lässig, hellwach, irgendwie argwöhnisch. Von ihrer majestätischen Ausstrahlung fasziniert, bemerkt man den schwarzen Gegenstand an der Fessel ihres linken Beins erst nach einiger Zeit. "Alles sieht so aus, als ginge es da um eine Referenz an eine lange historische Tradition", erklärt Elena Filipovic. "Man denkt an Manets 'Olympia'. Und dann sieht man an ihrem Knöchel dieses Ding, diese Fußfessel: Sie steht also unter Hausarrest."

Manets "Olympia" ist keine zufällige Assoziation – eines der wenigen weltberühmten Bilder der Kunstgeschichte, in dem eine Schwarze zur Hauptperson wurde. Trotz dieser gelegentlichen Anspielungen an Posen der Kunstgeschichte, trotz der Schönheit und Würde ihrer Protagonisten sind Deana Lawsons Bilder des schwarzen Alltags harter Stoff. Denn alles ist eingefasst in Armut, Chaos, Verwahrlosung, mühsam erkämpfte Ordnung. Und deshalb schreckt man angesichts der großformatigen Bilder oft zurück. Ob man dort willkommen wäre, ist fraglich. Das Prekäre dieser Lebensumstände ist unübersehbar.

© Courtesy die Künstlerin und Sikkema Jenkins & Co., New York / Philipp Hänger / Kunsthalle Basel

"House of My Deceased Lover" (2019)

© Courtesy die Künstlerin und Sikkema Jenkins & Co., New York

"Daenare" (2019)

© Courtesy die Künstlerin und Sikkema Jenkins & Co., New York

"Chief" (2019)

© Courtesy die Künstlerin und Sikkema Jenkins & Co., New York

"An Ode to Yemaya" (2019)

© Courtesy die Künstlerin und Sikkema Jenkins & Co., New York / Philipp Hänger / Kunsthalle Basel

"Deleon? Unknown" (2020)

© Rudolf Schmitz

Blick in die Ausstellung

Frauen wie Göttinnen

Vieles in Deana Lawsons Werk betone das Positive im Leben der Schwarzen, so Elena Filipovic. Aber ganz sacht lege die Fotografin auch den Finger auf die Situation, in der diese Menschen leben: "Trotz ihrer Würde und Anmut leben sie in prekären Verhältnissen, egal ob in Jamaika, Brasilien oder in den Vereinigten Staaten. Und das hat mit einem kaputten System zu tun, das sie zu Verlierern macht."

Die Frauen, die Deana Lawson uns präsentiert, erscheinen oft wie Göttinnen. Ob da ein Trio in akrobatischer Formation auf einem Teppich liegend posiert oder eine junge Frau nackt auf den Knien auf dem Bett ihres toten Partners balanciert, auf einer Tagesdecke mit überdimensionalen Tulpenblüten. Doch das ist kein aufsockelnder Kitsch, eher ein Vorschlag, ein Gedankenspiel: Lawson behandele diese Frau wie eine Heilige, sagt Direktorin Filipovic: "Wie eine Göttin, der Anbetung und Verehrung gebührt. Und das ist wunderbar, denn sie lebt in ärmlichen Verhältnissen, Schrank und Fußboden sind kaputt. Trotzdem könnte sie eine Heilige sein."

Intimität und Realismus

Die genau kalkulierte Mischung aus Intimität, inszenierter Künstlichkeit und schonungslosem Realismus macht diese Bilder so spannend und die Schau in der Kunsthalle Basel so lohnenswert. Selbstverständlich geht es um eine Gegen-Ikonografie schwarzen Lebens und schwarzer Menschen. Doch dazu muss Deana Lawson weder Demonstrationen noch Gewalttaten noch Begräbnisse fotografieren. Elena Filipovic: "Jedes einzelne dieser Bilder ist politisch. Denn da wird eine Version schwarzen Lebens gezeigt, die ganz anders ist als in den Fotografien der Zeitungen. Und das hat mit ihrer Größe zu tun, ihrer Farbigkeit, dem Blick der Protagonisten. Denn obwohl ihre Lebensumstände ärmlich sein mögen, werden die Schwarzen dargestellt wie Schönheiten, wie Götter. Und das – ist immanent politisch."

"Die Ausstellung "Deana Lawson – Centropy" ist noch bis zum 11. Oktober 2020 in der Kunsthalle Basel zu sehen.

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