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Interview: Ostdeutsche Kunst ist nicht DDR-Kunst | BR24

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Potsdam plant ein Museum für DDR-Kunst. Das aber ist ein überholter Begriff, findet der Dresdner Kulturwissenschaftler Paul Kaiser.

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Interview: Ostdeutsche Kunst ist nicht DDR-Kunst

Potsdam plant ein Museum für "DDR-Kunst". Ein überholter Begriff, findet der Dresdner Kulturwissenschaftler Paul Kaiser.

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Potsdam wird ein Museum für die Kunst der DDR bekommen. Die Stadtverordnetenversammlung hat zu diesem Zweck dem Verkauf des früheren Speiselokals "Minsk" an die Stiftung des SAP-Gründers Hasso Plattner zugestimmt. Plattner hat schon einen Museumserfolg in Potsdam: das restaurierte Palais Barberini, in dem derzeit eine Picasso-Ausstellung gezeigt wird. Der Dresdner Kulturwissenschaftler Paul Kaiser im Gespräch mit Judith Heitkamp über die heutige Wahrnehmung und Darstellung von ostdeutscher Kunst.

Judith Heitkamp: Der Dresdner Bilderstreit flackerte vor etwa anderthalb Jahren auf – Sie haben damals heftig kritisiert, dass in der DDR entstandene Kunst insgesamt und besonders in Ostdeutschland zu wenig zu sehen war. Nun wird es demnächst wohl ein Museum für DDR-Kunst geben. Ist das der richtige Weg – oder ist das der Weg in die Nische?

Paul Kaiser: Einerseits ist das eine ganz wunderbare Nachricht, dass man einen Bau der DDR-Moderne aus den 70er-Jahren in Potsdam rettet, dieses Terrassenrestaurant "Minsk": Sichtbeton und Glas, durchaus ein Bau auf der Höhe der internationalen Architekturmoderne damals. Auf der anderen Seite ist es natürlich schon eine ambivalente Entscheidung. Wobei die Ambivalenz nicht Herrn Plattner anzulasten ist. Das Palais Barberini, in dem vor zwei Jahren eine schöne und gut gemachte ostdeutsche Kunstausstellung unter dem Titel "Hinter der Maske" stattgefunden hat, hat die Sehnsüchte und Erwartungen vieler ostdeutscher Künstler bestärkt. Sie wünschen sich, nach einer fast 30-jährigen Abwertung und Deklassierungserfahrung, auch in den eigenen Heimatmuseen, endlich wieder museale Präsenz zu erfahren.

Aber die Segmentierung dieser Kunst auf das Phänomen DDR, auf dieses historisch-staatliche Label, die ist natürlich zwiespältig. "DDR-Kunst" – das ist eine nachvollziehende Bezeichnung der deutschen Teilungsgeschichte. Unter Schmerzen hat sich im Dresdner Bilderstreit herauskristallisiert, dass die sogenannte DDR-Kunst ja eigentlich nichts anderes ist als der ostdeutsch-regionale Teil der gesamtdeutschen Nachkriegskunstgeschichte. Das ist der entscheidende Punkt! Nischen-Bezeichnungen wie "DDR-Kunstmuseum" sind deshalb fragwürdig, weil sie die Brüche 1945 und 1989/90 zementieren und die Entwicklung der Künstler vor 1945 und nach 1989 nicht in die Betrachtung einbeziehen.

Wie würden Sie es denn lieber nennen?

Ich spreche von ostdeutscher Kunst, deutsche Kunst mit ostdeutscher Regionalprägung. Wir haben in Ostdeutschland ja drei, vier regionale Schulen. Wenn Sie an die Leipziger Schule denken, die Hasso Plattner vornehmlich sammelt – im internationalen Kunstbetrieb ist natürlich die Neue Leipziger Schule viel bekannter als die Alte Leipziger Schule, sie gehören aber genealogisch zusammen.

Sie machen es geographisch fest? Und dann gehört jemand wie Werner Tübke, der in der DDR große Staatsaufträge erhielt, genauso dazu wie Außenseiter aus der Punkszene des Landes zum Beispiel oder auch Rosa Loy und Neo Rauch, bei denen der DDR-Bezug inzwischen ganz in den Hintergrund getreten ist.

Auch Werner Tübke hat eine Opfer-Karriere in der DDR gehabt, bevor er dann Staatskunstwerke schuf – aber nochmal: Wir haben uns dem Problem immer mit einem Bipolarismus genähert. Wir haben den Blick einerseits auf die sogenannten Staatskünstler gelegt und auf der anderen Seite die Dissidenten gesehen und die subkulturellen Phänomene. Aber zwischen diesen Extremen ist das eigentlich Interessante passiert: eine vielschichtige Landschaft der Mitte mit wirklich bemerkenswerter Kunst.

Hat die Debatte damals eigentlich etwas verändert? Bieten öffentliche Museen inzwischen mehr ostdeutsche Kunst als damals?

Die Situation hat sich in Ostdeutschland, teilweise jetzt auch in Westdeutschland, erheblich verändert. Man kann in Ostdeutschland sogar von einer Renaissance sprechen. Wenn Sie in Cottbus, in Rostock, in Erfurt in die Museen gehen, dann werden die Bestände an ostdeutscher Kunst jetzt sehr stolz vorgezeigt, teilweise sogar in inflationären Sonderausstellungen. Dabei war 25 Jahre zuvor diese Kunst in Ostdeutschland quasi nicht zu sehen. Es war auch kein West-Ost-Streit, viele Museen werden von Ostdeutschen geführt, sondern es war eine Art Institutionsopportunismus gegenüber zeitgenössischen Kunstmarktstrategien, dass man sich zu dieser Kunst nicht bekannt hat.

Hasso Plattner, der SAP-Gründer und Milliardär, dessen Stiftung das Potsdamer Museum ermöglichen will, auch aus dem Westen, spricht selbst von "DDR-Kunst". Und er hat auch gesagt, dass in diesem neuen Museum seine DDR-Sammlung ständig zu sehen sein wird. Wird die denn repräsentativ sein?

Hasso Plattner ist ein Sammler, der relativ spät mit dem Thema "ostdeutsche Kunst" begonnen hat. Er besitzt bis heute etwa 80 Gemälde und hat sie schon mehrfach ausgestellt, auch vor der Eröffnung des Museums Barberini. Da sind keine Werke darunter, die man als absolute Leitbilder verstehen würde. Es sind vor allem Werke der Leipziger Schule, besonders von Wolfgang Mattheuer, Landschaften, aber eben auch der zweiten Generation der Leipziger Schule, Arno Rink, Ulrich Hachulla, und daneben hat er auch Bilder aus den Ateliers in Dresden und Berlin geholt. Seine Sammlung ist eine Basis, die aber noch nicht die konturierte Qualität hat, dass man nur auf diese Sammlung abheben könnte, um eine groß dimensionierte Ausstellung zu machen. Die Ausstellung "Hinter der Maske" damals zeigte seine Sammlung im Kontext mit vielen, vielen Leihgaben.

Wie schätzen Sie das Publikum ein – ist diese Kunst heute noch identitätsstiftend für Menschen in Ostdeutschland?

Das kann man sich aus der westlichen Perspektive kaum vorstellen… aber gerade weil sich in den letzten 30 Jahren so viel verändert hat auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, ist die Kunst für viele eine Art Kontinuum geworden. An das lassen sich viele Erinnerungen, auch Glorifizierungen heften, verbunden mit dem Stolz auf Lebensleistung und auch auf eine Besonderheit in diesem gesamtdeutschen Vereinigungsprozess. Die Kunstrezeption in der DDR, in der eben auch sogenannte kunstferne Schichten ins Museum gingen, wie man das heute sagen würde, ist ein ganz wichtiger Punkt, den kann man durchaus als identifikationsstiftend bezeichnen.

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