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So wird der Alltag des demenzkranken Vaters zur Groteske | BR24

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Das Kurzzeit-Gedächtnis versagt zunehmend. Schriftsteller David Wagner wählt die Dialogform, um vom Sich-Verlieren seines demenzkranken Vaters zu erzählen. "Der vergessliche Riese" ist ein tragikomischer Demenz- und ein bewegender Familienroman.

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So wird der Alltag des demenzkranken Vaters zur Groteske

Das Kurzzeit-Gedächtnis versagt zunehmend. Schriftsteller David Wagner wählt die Dialogform, um vom Sich-Verlieren seines demenzkranken Vaters zu erzählen. "Der vergessliche Riese" ist ein tragikomischer Demenz- und ein bewegender Familienroman.

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"Ich habe nicht angefangen mit dem Beschluss, ein Buch über eine Krankheit zu schreiben, das ist eigentlich nebenbei passiert. Es ging mir eigentlich um diese Vaterfigur und das Wiederfinden des eigenen Vaters und die Veränderung der Gefühlswelt zwischen Kindern und Vater", sagt David Wagner. Es sei ihm – nach längerer Funkstille mit dem Vater – um die Veränderung der Lebenssituation gegangen, darum, wie der plötzlich zum zweiten Mal verwitwete Vater "wieder angewiesen auf die Kinder und zum Kind wird".

Der Alltag des Demenzkranken wird zur Groteske

Wagners Buch ist in neun Kapitel gegliedert, die über den Zeitraum von drei Jahren – von 2015 bis 2018 – von seinen Besuchen bei dem in Bonn lebenden Vater erzählen. Dabei entsteht ein plastisches Porträt des Vaters und zugleich ein Bild seiner Krankheit. Zwar kann sich der Vater an manche Ereignisse seiner Vergangenheit erinnern, zum Beispiel, dass sein eigener Vater nach dem Krieg als ehemaliger Nazi im Gefängnis saß, aber er vergisst immer wieder, dass die beiden Frauen, die er geheiratet hat(te), bereits tot sind. Mit einer Perücke auf dem Kopf geht er einkaufen, die Wasseruhr in seinem Haus kann er beim besten Willen nicht mehr finden, aber als ihn seine Kinder – durchaus mit schlechtem Gewissen – gegen seinen Willen ins Pflegeheim bringen, nennt er das in geistiger Schärfe "ein Waisenhaus für alte Kinder". Sein Alltag wird zu einer Groteske, die Wagner aber aus einer akribisch realistischen Beschreibung erstehen lässt.

Er hat sich für die Dialogform entschieden, um den "vergesslichen Riesen" und das zunehmende Versagen seines Kurzzeitgedächtnisses zu schildern. "'Haben wir schon bestellt?', fragt er, kaum dass wir sitzen. 'Nein', sage ich. Die Bedienung kommt und bringt uns zwei Speisekarten. 'Was wollte ich essen?', fragt er, nachdem er sich entschieden und die Karte wieder zugeklappt hat. 'Leider verblöde ich langsam. Weißt du, Freund, die Dublany sind sehr intelligent, werden im Alter aber alle blöd.' 'Möchtest du damit sagen, dass du mal sehr intelligent warst?' 'Kann sein. Ein bisschen verblödet bin ich jedenfalls schon. Haben wir bestellt?' 'Nein. Gleich.'"

Musikalische Arbeit mit der Sprache

In den surrealen Wiederholungschleifen, in denen sich die Gespräche zwischen Vater und Sohn immer wieder verlieren, steckt die ganze Tragik des Ichverlustes, den die Demenz-Erkrankung bedeutet, aber auch eine Menge Komik. "Wer meine anderen Bücher kennt, der weiß, dass da eigentlich bis jetzt wenige Dialoge vorkamen und kaum wörtliche Rede. Das war mir aber irgendwann klar, dass in diesem Buch, dass da beide sprechen müssen, und dass auch die Vaterfigur sprechen muss, dass man ihre Stimme hören muss und damit auch ihre Wiederholungen. Was hier wiederholt wird, ist ja oft mit kleinen Variationen, eigentlich ist es musikalische Arbeit, die ich da mit der Sprache machen wollte".

Wiederholung und Variation kennzeichnen leitmotivisch Wagners Buch, das ohne Pathos auskommt. Der Vater, wie ihn der Sohn mit Nachsicht, Humor und Zärtlichkeit schildert, ist in seiner geistigen Verwirrung nicht ohne Würde. Als Bildungsbürger, der gerne Wagner hört und Liebermann-Bilder anschaut, hat der Vater immer wieder großartige Momente intellektueller Klarheit, auch wenn er sich weder an seinen früheren Beruf noch daran erinnern kann, was er vor Minuten zum Essen bestellt hat.

"Vergessen muss nicht immer grausam sein"

"Der Vater, der Riese, der da beschrieben ist, ist in sich ja keine unglückliche Figur, die strahlt eigentlich ein positives Gefühl aus, er weiß ja, dass er vergisst. Das Erstaunliche ist eigentlich, dass Vergessen nicht immer grausam sein muss, und man sich auch auf eine Art damit arrangieren kann. Denn dieser Riese, der Vater, genießt auch die Gegenwart auf seine Art und kann sich immer wieder neu freuen, weil er seine Vergangenheit vergessen hat." Der Erinnerung des Vaters hilft der Sohn auf die Sprünge, das ist der Antrieb von David Wagners Erzählen. In seinem Buch über den Vater erzählt er auch von seiner eigenen Jugend, der Herkunft aus Andernach und von seinen Geschwistern. "Ich fahre mit ihm durch seine Vergangenheit. Und durch meine eigene", heißt es einmal. So entsteht gleichzeitig ein Bild der Erinnerungslandschaft am Rhein und ein Porträt der alten Bundesrepublik, als Bonn noch Hauptstadt war.

Wagners Buch "Der vergessliche Riese" ist nicht nur ein tragikomischer Demenz-, sondern auch ein bewegender Vater- und ein Familienroman, geboren aus der Treue und Liebe zum Vater.

© Rowohlt Verlag/ Montage BR

Cover: David Wagner, Der vergessliche Riese

David Wagner, "Der vergessliche Riese" ist bei Rowohlt erschienen.

Das Buch ist in der Kategorie Belletristik nominiert für den Bayerischen Buchpreis, der am 7. November in der Münchner Allerheiligen-Hofkirche verliehen wird. Sie können diese Veranstaltung live auf Bayern 2 mitverfolgen und über die BR-Mediathek.

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