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Raphaela Edelbauer, Autorin des Romans "Dave".

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    "Dave": Raphaela Edelbauers Roman über Künstliche Intelligenz

    Ein faszinierendes Gedankenexperiment, das Fortschrittsglaube, Technologieskepsis und Religiosität in einer grandiosen Maschine verschmelzen lässt: Das ist der Roman "Dave" der Wiener Autorin Raphaela Edelbauer.

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    Von
    • Gabriele Knetsch

    Die Autorin stellt eine Gesellschaft dar, "das Labor", in der sich alles menschliche Streben darauf richtet, eine Superintelligenz zu konstruieren – klüger als der klügste Mensch. Das Labor ist streng hierarchisch organisiert – in den unteren Etagen werden die körperlichen Arbeiten verrichtet, in den oberen Etagen arbeiten die privilegierten Geistesarbeiter, die "Programmierer". Es ist eine düstere, orwell'sche Welt – überall sind Überwachungskameras installiert. Die Menschen schlafen wenig, arbeiten viel und haben kaum Privatleben.

    Das Bedürfnis des Menschen, sich in einer Maschine zu reproduzieren

    "Mich hat vor allem fasziniert, dass es so ein jahrhundertelanges Menschheitsprojekt zu geben scheint", erzählt Edelbauer. "Dass es ein Bedürfnis zu geben scheint, sich zu reproduzieren in einer Maschine. Natürlich spielt mir da die Zeit in die Karten. Es ist so, dass es heute ein noch viel stärkerer Trend ist, weil wir glauben, dass es in greifbare Nähe gerückt ist."

    "Dave" ist eine Art technologischer Super-Gott – im besten Fall wohlwollend gegenüber den Menschen und fähig, Umweltzerstörung, Überbevölkerung und soziale Ungleichheit aus der Welt zu schaffen. Im schlechtesten Fall aber ist Dave, wenn er in falsche Hände gerät, ein Instrument des Machtmissbrauchs.

    Sie habe sich bemüht, sehr aktuelle, fast tagesaktuelle technische Entwicklungen zu verbinden mit alten archaischen Topoi, erzählt Edelbauer, "um die Frage zu stellen, was ist der Unterschied zwischen einer omniszenten, digitalen Entität und dem, was wir als einen allmächtigen Gott bezeichnen würden, in dem ein ganzes Universum ist".

    Eine Maschine mit Bewusstsein

    Edelbauer stellt die "digitale Entität" – die allmächtige Maschine – jenem Programmierer gegenüber, der sie mit programmiert – Syz, ein hochintelligenter Nerd, der die Nächte vor seinem Computer verbringt. Aus seiner Perspektive ist die Geschichte erzählt. Syz wird von der Machtzentrale schließlich ausgewählt, um ein Schlüsselproblem zu lösen: Dave fehlt ein wesentliches Element, um eigene Entscheidungen treffen zu können. Die Maschine verfügt über kein Bewusstsein. Daher wollen die Programmierer Syz‘ Gedanken in die Maschine einprogrammieren.

    Mit seinem Chef Fröhlich – einer Art Kontrollinstanz über den Programmierungsprozess, vielleicht auch einem zukünftigen machthungrigen Usurpator, diskutiert der Erzähler über das Wesen der zu erschaffenden Künstlichen Intelligenz. Das klingt im Roman dann so:

    "Wenn wir sein Bewusstsein kontrollieren können, ist es kein Bewusstsein mehr", sagte ich aggressiv. "Wenn Dave keine wirklichen Intentionen besitzt, dann wird diese unendliche Rechenkapazität nach den Vorgaben des Programmierers handeln."

    "Erzählen ist etwas, was bezweifelt werden muss"

    Mensch und Maschine verschmelzen im Verlauf der Geschichte zunehmend. Syz‘ Erinnerungen und Gedanken gehen auf die Maschine über. Gleichzeitig hinterfragt Syz – oder Dave - zunehmend die Heilsversprechungen, die den Bewohnern im Labor gemacht werden. Zweifel kommen auf an der Zuverlässigkeit des Erzählers Syz – der plötzlich in dreifacher Ausführung auftaucht: als Figur der Vergangenheit, unter dem Namen des genialen Programmierers Witteg – und als alter Mann, Mandelbrot.

    Edelbauer erklärt: "Ich arbeite immer sehr gerne mit unzuverlässigem Erzählen, weil Erzählen etwas ist, was bezweifelt werden muss, dem man nicht einfach so Glauben schenken darf."

    Ihr Roman liest sich anfangs noch eher als theoretisches Manifest und Bildungsroman der KI-Geschichte – das Who's who von Informatik-Revolutionären wie Turing, Mandelbrot oder die Pioniere der Lochkartenrechner gehört zum Personen-Arsenal. Edelbauer beschreibt ihre Welt in ihrer erlesenen Sprache, die auch rare Worte und Ausdrücke nicht scheut. Zunehmend nimmt der Roman an Fahrt und an Spannung auf – und zwar in dem Moment, als sich Syz wandelt vom nerdigen Programmierer zum wissenschaftsskeptischen Rechercheur auf den Spuren des Geheimnisses des Labors.

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    Porträt Raphaela Edelbauer

    "Dave": Dystopie oder Utopie?

    Ist "Dave" eine Dystopie oder eine Utopie? Edelbauer beantwortet die Frage so: Für sie persönlich sei "Dave" ein zutiefst humanistisches Buch. Es gehe um das, was einzigartig sei an organischem Leben. Nicht nur menschlichem Leben, sondern an jedem Lebewesen eigentlich: "Eine Form von Selbstorganisation und Würde, dass sie eben keinen Schöpfer hat – jetzt werden mich gläubige Menschen verurteilen, dass ich das so sage – für mich persönlich steckt schon sehr die Grenzen ab eines endlosen, technokratischen Weltbildes".

    Das Wesen von "Dave" – dieser unpersönlichen Maschine, die die Welt in sich trägt – bleibt trotzdem irgendwie offen. Heilsversprechen dank Superintelligenz oder bedrohliche Allmachtsmaschine – beides ist möglich in Raphaela Edelbauers neuem Roman.

    Der Roman "Dave" von Raphaela Edelbauer ist im Klett-Cotta-Verlag erschienen. 432 Seiten, 25 Euro.

    © Klett-Cotta Verlag
    Bildrechte: Klett-Cotta Verlag

    Buchcover von "Dave" von Raphaela Edelbauer

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