BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

Das Wiener Prinzip "Schanigarten" | BR24

© Audio: BR / Bild: pa/dpa

Der italienische Kaffeehausbetreiber Giovanni Tarone war es, der Wiener Flaneuren und Frischluft-Liebhabern Mitte des 18. Jahrhunderts die erste Outdoor-Oase in der Großstadtwüste bescherte.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Das Wiener Prinzip "Schanigarten"

In München schießen sie wie Pilze aus dem Boden: die kleinen Gastgärten in Parkbuchten vor Restaurants und Cafés. Nach wochenlangen Ausgangsbeschränkungen sind sie zu kleinen Freiluftoasen geworden. In Wien haben die "Schanigärten" lange Tradition.

Per Mail sharen

Wir haben jetzt auch einen. Direkt gegenüber. Vergangene Woche konnten wir vom Balkon aus beobachten, wie die Wirtin selbst den Hammer nahm und die genormten Lattenzaun-Teile aus dem Baumarkt zusammennagelte – für die Umzäunung ihrer neuen Freischankfläche in unseren Parkbuchten. Schrebergartenzauber direkt vor der Nase. In Wien hätte es so viel Hemdsärmeligkeit nicht gegeben. "Schani, trag schon mal den Garten aussi!", heißt es dort nämlich. Schani?

"Der Schani ist eine Verballhornung von Gianni oder Jean, das weiß man nicht so ganz genau", erklärt der Wiener Kabarettist Alfred Dorfer. Schani, Jean, Gianni – als sicher gilt: Der italienische Kaffeehausbetreiber Giovanni Tarone war es, der Wiener Flaneuren und Frischluft-Liebhabern Mitte des 18. Jahrhunderts die erste Outdoor-Oase in der Großstadtwüste bescherte – und zwar auf dem Graben, im Herzen des noblen Ersten Bezirks. Dass für die Bestuhlung von "Giannis Garten" andere zuständig waren, erschließt sich, erklärt Dorfer, quasi etymologisch: "Es gab auch bis vor etwa einem Jahrzehnt im Wienerischen den Ausdruck: 'Ich bin nicht dein Schani!' also: 'Ich bin nicht dein Diener!'. Und jemanden zum Schani machen, heißt also jemanden zum Diener zu machen."

Kleiner Fortschritt in Sachen Gleichberechtigung

Eine Form der Erniedrigung, die auch das Deutsche kennt: "Fritze, trag schon mal den Garten raus!" Historisch gesehen steckt aber auch eine Portion Fortschritt im "Schanigarten": Für Wienerinnen öffnete sich mit diesen arrangierten Frischluft-Zonen erstmals der Zugang zur Gastro-Szene. Früher sei es verpönt gewesen, dass Frauen in Indoor-Lokale gingen, das habe etwas Anrüchiges gehabt, so Alfred Dorfer: "Vor dem Lokal zu sitzen, Outdoor die Trinkschokolade einzunehmen oder den Kaffee, das war dann plötzlich geduldet und ein gewisser Ausdruck von Noblesse."

Doch daran denkt heute keiner mehr, wenn in Wien alljährlich die geniale und von den Behörden offiziell sanktionierte Geschäftsidee des Italieners Gianni Tarone zelebriert wird: Städtische Würdenträger, Prominenz und Medienvertreter sitzen eingezäunt mit dabei, wenn zum Saison-Auftakt Gastro-Mitarbeiter im milden Licht der Märzsonne wieder Tische, Stühle und Kübelpflanzen rausschleppen dürfen. Ein Frühlingsritual, das den Winter endgültig aus den Straßen vertreiben und Wirten zusätzliche Einnahmen bescheren soll – im Corona-Jahr 2020 hat die Stadt Wien sogar die Gebühren erlassen. Charles Ritterband, Auslands-Korrespondent der NZZ mit österreichischen Wurzeln, kennt diese rituelle Begrüßung der Sonne aus langjähriger Erfahrung:

"Es gibt ein Lied, das meine Großmutter immer gesungen hat, mit dem Refrain: Schani, trag den Garten raus! Etwas, was mich als Kind immer wieder irritiert hat, weil wie kann man einen Garten hinaustragen!? Der Garten ist ja schon draußen. Aber der Garten steht ja hier für Tische und Stühle, die vor das Restaurant gestellt werden – das ist der Garten."

Schanigarten als Krisenmaßnahme?

Oder zumindest: Soll ein Garten sein. Denn viele Modelle sind von der Illusionsbühne einer urbanen Mini-Oase weit entfernt: zusammen genagelte Europaletten, Rohrmatten, Lattenzäune, Plastikstühle. Dazu Geranientöpfe oder vertrocknete Küchenkräuter als Bepflanzung und grüne Lunge. Solchen Parkplatz-Terrassen und Buchten-Bars sieht man die Aktion Corona-Nothilfe regelrecht an. Dazu kommen Parkplatz-Probleme, Lärmbelästigung, enge Gehwege. Auch in Wien spotteten einst die Kritiker über diese "Sommerfrische für die Ärmsten", die sich nicht mal die Straßenbahn-Fahrt für einen Heurigen-Ausflug nach Grinzing leisten konnten. War es vielleicht ein Fehler, mit den Schanigärten eine weitere Krisenmaßnahme von unseren österreichischen Nachbarn zu importieren?

Nein, sagt der Kabarettist Alfred Dorfer: "Ich glaube, es ist auf jeden Fall eine Bereicherung, weil es das Leben sehr südländisch auf die Straße führt. Von den eignen vier Wänden und den Indoor-Begebenheiten auf die Straße. Das ist immer positiv, weil dadurch andere Kontakte geschlossen werden und eine Vitalität in die Straßen kommt."

© picture alliance / IMAGNO/Votava

Familie beim Wiener Heurigen, 1939, auch eine Form des Gastgartens.

Der Schanigarten bietet eine andere Perspektive

"Der Schanigarten bietet eine ganz andere Perspektive. Es ist der Blick auf das städtische Leben, eine sehr abwechslungsreiche Angelegenheit. Es ist die Idee, dass man nicht wirklich in der Natur ist, aber in der Außenwelt, manchmal umgeben von Bäumen, manchmal von Straßenverkehr, jedenfalls befindet man sich nicht mehr im Restaurant, sondern in der Welt draußen", sagt NZZ-Korrespondent Ritterband.

Und manchmal kommt es sogar vor, dass man im Schanigarten die Welt um sich herum vergisst: Als Österreichs Bundespräsident Alexander van der Bellen sich vor einigen Wochen dort verplauderte und die Corona-Sperrstunde missachtete, sorgte das für einen Skandal. An seiner Uhr dürfte es nicht gelegen haben – wie jeder Österreicher sollte er mit dem Schanigarten-Prinzip vertraut sein: Wird der Garten im Frühjahr rausgetragen, wird die Uhr eine Stunde vorgestellt. Wird er wieder abgebaut, wird die Uhr für die Winterzeit zurückgestellt. Vielleicht können wir uns künftig auch danach richten, denn: Nichts ist so dauerhaft wie das Provisorium.

Die BR KulturBühne – ein Platz für Konzerte, Events, Debatten und auch großes Vergnügen. Hier geht's lang!

Die tägliche Dosis Kultur – die kulturWelt als Podcast. Hier abonnieren!