BR24 Logo
BR24 Logo
Kultur

"Es existiert die Idee, dass alles Westliche überlegen ist." | BR24

© Jason Keith

Porträt des nigerianischen Autors Chigozie Obioma

Per Mail sharen

    "Es existiert die Idee, dass alles Westliche überlegen ist."

    Auf der Hühnerfarm seiner verstorbenen Eltern nimmt Chinonsos Schicksal seinen Anfang: Der junge Mann verlässt seine Heimat Nigeria und steht bald mit leeren Händen da. "Das Weinen der Vögel", der neue Roman von Chigozie Obioma.

    Per Mail sharen

    Diese Geschichte ist ganz und gar auf unser Mitleid aus: auf das Mitleid für diesen jungen Mann, der seine Eltern verloren hat, dessen Schwester mit einem älteren Mann durchgebrannt ist und der nun allein auf einer Hühnerfarm in Nigeria lebt. Sein Alltag ist arm – an Abwechslung, an Sprache, Zärtlichkeit. Dennoch, einsam, von der Gesellschaft ausgeschlossen wirkt Chinonso zunächst nicht. Er liebt die Hühner – ihre Zerbrechlichkeit hat ihn schon als Kind für sie eingenommen. Er hat einige Vertraute und sein Chi begleitet ihn. Ein Schutzgeist, der Chinonso behütet, und den Göttern dessen Schicksal, die Geschichte dieses Buches, erzählt: "Als er später schlief und also nicht bei Bewusstsein war, befreite ich mich wie so oft aus der Enge seines Körpers. Selbst ohne ganz aus ihm herauszutreten, sehe ich oft Dinge, die ich nicht sehe, solange er wach ist. (…) Wenn unsere Schützlinge schlafen, wachen wir über sie und beschützen sie vor den Kräften der Nacht." Aus: Das Weinen der Vögel

    Chi, ein Schutzgeist, der lenkt und Wissen speichert

    Ein Chi, so erklärt uns dieser, steht zwischen Menschen und Göttern. Er lenkt seinen Schützling, ohne machtvoll in dessen Entscheidungen einzugreifen und erklärt den Göttern das irdische Treiben. Ein Beschützer im religiösen Sinne und: ein Wissensspeicher. Denn ein Chi begleitet über die Zeit zahllose Menschen; das Wissen, die Erfahrungen seiner Schützlinge, all das bleibt ihm.

    Diese Konstruktion ermöglicht es Obioma, die Geschichte Nigerias und ihre Wirkung auf die Gegenwart zu erkunden. Obioma macht einem das Verständnis leicht, er erklärt beiläufig das Nötige und lässt Igbo-Begriffe nur einfließen, wenn der Kontext ihre Bedeutung verrät. Aber der Autor besteht darauf, dass er damit nicht nur auf das westliche Publikum schielt: Schon in der Generation seiner Eltern seien in Nigeria wenige mit der Kosmologie der Igbo vertraut. "Der Vater meiner Mutter ist nie zum Christentum konvertiert. Deshalb hat sie immer in dieser merkwürdigen Sprache gesprochen: Wenn etwas Schlechtes passiert ist, sagte sie: Sein Chi muss sich dafür entschieden haben. Oder: Sein Chi hat wohl gerade geschlafen. Ich habe mich also immer gefragt, was ein Chi ist, auch, weil ich den Begriff im Namen trage, Chigozie. Und so habe ich angefangen zu recherchieren, als ich älter war", sagt Chigozie Obioma

    Die Unterrückten dieser Welt

    Der Chi dieser Geschichte ist immer aufmerksam und doch tappt sein Schützling von einem Unglück ins nächste: Chinonso ist ein schlichter Mann, ungebildet, naiv. Ganz anders als die Frau, in die er sich verliebt. Für ihre Familie ist Chinonso und seine mangelnde Bildung eine Schande, nichts anderes und so schämt auch er sich bald für das eigene Leben: Er muss studieren, beschließt er, verkauft Haus und Hof für ein Studium auf Zypern, und findet sich – dort angekommen – betrogen. "Er war einer von vielen, all die Leute, (…) die man um ihren Besitz gebracht hatte (…), alle, die man irgendwann dazu gebracht hatte, etwas zu tun, was sie eigentlich nicht wollten, die man genötigt hatte, Teil von etwas zu werden, zu dem sie eigentlich nicht gehören wollten (…) Mit all diesen Menschen teilte er ein Schicksal. Sie waren die Unterdrückten in dieser Welt, und ihre einzige Zuflucht war das universelle Orchester, in dem sie gemeinsam schreien und weinen konnten." Aus: Das Weinen der Vögel

    Es liegt eine große Wehmut in der Stimme des Erzählers, Traurigkeit darüber, dass die eigene Kultur abgelehnt wird, weil die fremde überlegen scheint. Dieses Gefühl kennt Obioma, der sich mit der Kultur, von der er hier erzählt, auch erst vertraut machen musste."Es existiert die Idee, dass alles Westliche überlegen ist. Und nach meinem Gefühl gilt das besonders für Afrika: In der Türkei zum Beispiel ist die Kultur nahezu intakt und gleichzeitig ist das Land sehr modern. Istanbul wirkt wie London, aber es ist doch sehr speziell für die Menschen dort. Und das ist aus meiner Sicht in großen Teilen Afrikas verloren gegangen – wegen der aggressiven Natur des Kolonialismus."

    Das Düstere ist nur die eine Seite des Romans

    Obioma hat einen vielschichtigen Roman geschrieben und vieles daran begeistert: Welches Wagnis die Erzählstimme eingeht zum Beispiel, indem sie die Differenz zwischen Erzähler und Protagonist, Chi und Chinonso, gleichzeitig aufhebt und bestehen lässt: Er und ich sind eins, sagt der Geist zu Beginn, seine Stimme ist meine. Und doch kann nur der Chi die Geschichte auf diese Weise erzählen.

    Eine mögliche Lesart aber lässt einen Leser verunsichert zurück: die einfachste, nach der ein naiver Mann aus einer geheimnisvoll klingenden Kultur eine märchenhafte Liebesgeschichte erlebt. Der Verlag hat sich entschieden, diese Lesart schon im Titel zu empfehlen. "An Orchestra of Minorities" heißt der im Original, "Ein Orchester der Minderheiten" – eine politische Wendung, die im Deutschen nun zum "Weinen der Vögel" wird. Auch das ist vieldeutig – das weiß man nach der Lektüre. Zuerst aber spitzt dieser Titel die Geschichte auf das Sentimentale, irgendwie Düstere zu, das so oft mit Afrika und der Literatur des Kontinents verbunden wird. Ein Leser sollte diesem Impuls widerstehen und die anderen Seiten des Romans entdecken und auf ihre politische Bedeutung befragen.

    Chigozie Obioma, "Das Weinen der Vögel" ist , übersetzt von Nicolai von Schweder-Schreiner, bei Piper erschienen.

    © Piper/ Montage BR

    Cover: Chigozie Obiomas "Das Weinen der Vögel"

    Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

    Die wöchentliche Dosis Literatur – der Diwan als Podcast. Hier abonnieren!