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"Das Verbrechen war ich": Tochter nennt Amos Oz einen Sadisten | BR24

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Bildrechte: Dan Balilty/Picture Alliance

Berühmter Autor: Amos Oz

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    "Das Verbrechen war ich": Tochter nennt Amos Oz einen Sadisten

    Er gehörte bis zu seinem Tod vor zwei Jahren zu den herausragenden Schriftstellern Israels und war ein Bannerträger der politischen Linken. Jetzt beschreibt die Tochter von Amos Oz ihren Vater in einem Enthüllungsbuch als notorischen Gewalttäter.

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    Von
    • Peter Jungblut

    Das ist wohl ein literarischer Vatermord, wie er brutaler kaum sein könnte. In ihrem am vergangenen Sonntag in Israel erschienenen Buch "Something Disguised as Love" (Etwas in der Verkleidung der Liebe), rechnet Galia Oz mit dem ehemaligen Familienoberhaupt ziemlich rücksichtslos ab. Sie beschreibt ihren Vater als Gewalttäter aus Leidenschaft. Er habe sie seit der Kindheit "geschlagen, beleidigt und gedemütigt", wie in der israelischen Tageszeitung "Haaretz" zu lesen ist. Beim Ausdenken von Erniedrigungen sei er "kreativ" gewesen: "Er zerrte mich aus dem Haus und warf mich raus. Er hat mir Schimpfworte hinterher gerufen. Es war weder ein vorübergehender Kontrollverlust noch ein Klaps hier oder da. Das Verbrechen, das ich aus seiner Sicht begangen hatte, war ich selbst, also war die Bestrafung endlos. Ihm war es wichtig, dass ich an ihm zerbrach."

    "Komme nicht drüber weg, aber ich schreibe"

    Ihr Elternhaus sei für Sozialarbeiter "unerreichbar wie das Weltall" gewesen, so Galia Oz, die sich als Filmemacherin und Kinderbuchautorin einen Namen machte. Solche Heimstätten hinterließen keine Spuren im Netz, seien völlig unberührt von MeToo-Bewegungen und bewahrten "ihre Geheimnisse wie kriminelle Clans". Um das Buch schreiben zu können, so die Tochter von Oz, habe sie ihre Gewalterfahrungen und das Schweigen überwinden müssen: "Ich komme natürlich nicht wirklich darüber hinweg, aber ich schreibe." In dem Buch gehe es somit um sie selbst, aber sie sei darin "nicht die Einzige". Die Belästigungen und die Zudringlichkeiten hätten angehalten bis zum Todestag von Amos Oz, der am 28. Dezember 2018 starb und bis dahin Jahr für Jahr zu den Favoriten für den Literatur-Nobelpreis gerechnet wurde. Galia Oz hatte schon lange die Beziehungen zum Vater abgebrochen, über die Ursachen gab es jedoch bisher wenig Aufschluss.

    Am Dienstagabend sagte Galia Oz in einem TV-Interview, ein Täter könne sein Leben lang unbehelligt leben, aber wenn ein Opfer spreche, müsse es sich rechtfertigen, warum es sein Schweigen breche. Sie habe es so oder so nur "falsch" machen können: Jetzt, wo ihr Vater verstorben sei, werde sie gefragt, warum sie erst jetzt rede und sich erinnere. Wäre er noch am Leben, hätte sie sich Vorwürfe anhören müssen, warum sie zu dessen Lebzeiten sein Ansehen beschmutze. Sie rief ausdrücklich nicht dazu auf, die Werke von Amos Oz zu "boykottieren".

    © Ulises Ruiz Basuto/Picture Alliance
    Bildrechte: Ulises Ruiz Basuto/Picture Alliance

    Galia Oz mit ihrem Bruder Daniel 2013 in Mexiko

    Der Rest der Familie reagierte ablehnend auf das Buch von Galia Oz. Ihre Schwester Fania Oz-Salzberger twitterte in ihrem eigenen Namen, aber auch für ihren Brüder Daniel und ihre gemeinsame Mutter Nili, sie alle hätten einen "anderen Vater" gekannt: "Einen warmherzigen, freundlichen, zugewandten Vater, der seine Familie mit tiefer Zuneigung liebte, voller Mühen, Hingabe und Opfer. Die meisten der von Galia geäußerten Anschuldigungen widersprechen völlig der leidenschaftlichen Erinnerung, die zeit unserer Leben tief in uns eingegraben ist."

    Galia Oz habe vor sieben Jahren jeden Kontakt zur Familie abgebrochen, ihre Begründung habe "alle überrascht": "Auch wenn er sich in ihren Anschuldigungen nicht wieder erkannte, versuchte und hoffte der Vater bis zum letzten Tag, mit ihr zu reden und sie zu verstehen, auch über das, was ihm und uns jenseits aller Realität erschien. Es scheint so, dass Galias Schmerz wahrhaftig und herzerweichend ist, aber wir erinnern uns anders. Ganz anders."

    Ein "Körnchen Wahrheit" in dem Buch?

    Mutter Nili äußerte am Sonntag in einem TV-Interview, sie liebe alle ihre Kinder und sorge dafür, dass sie niemand demütige: "Zu dieser Sache will ich nichts sagen, auch wenn ich alles weiß, was geschehen ist. Diese Geschichte ist ein Problem, nicht unser Problem, aber dasjenige der Person, die das geschrieben hat. Ich gebe keine weiteren Kommentare ab." Sohn Daniel schrieb auf Facebook: "Mein Vater war kein Engel, sondern nur ein Mensch. Er war aber der beste Mann, den ich je kennen durfte. Im Gegensatz zu uns erinnert sich meine Schwester Galia, an eine schwere Zeit mit den Eltern, dass sie Missbrauch durch den Vater erlebte. Ich bin sicher, dass in ihren Worten ein Körnchen Wahrheit ist."

    Amos Oz selbst hatte ebenfalls eine schwierige Kindheit gehabt. Seine Mutter verübte Selbstmord, wovon der Schriftsteller 2002 in seinem Buch "Geschichte von Liebe und Finsternis" erzählte. Oz trat für den Frieden zwischen Israel und den Palästinensern ein und zählte zu den Mitbegründern der Peace-Now-Bewegung in den siebziger Jahren.

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