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Das sollten Sinnsucher über Weihnachten lesen | BR24

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Ist das Christkind männlich oder weiblich? Wie evangelisch ist Papst Franziskus und stimmen die Vorurteile über die Rolle der Frau im Islam? Mit diesen Fragen beschäftigen sich die Buchempfehlungen der Redaktion Religion und Orientierung des BR.

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Das sollten Sinnsucher über Weihnachten lesen

Ist das Christkind männlich oder weiblich? Wie evangelisch ist Papst Franziskus? Stimmen die Vorurteile über die Rolle der Frau im Islam? Mit diesen Fragen beschäftigen sich die Buchempfehlungen der Redaktion Religion und Orientierung des BR.

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Bücher, Podcasts, Musikstücke, die sich mit Religion, Kirche und Weltanschauungsfragen beschäftigen: Wie in jedem Jahr zur Weihnachtszeit stellen die Mitarbeiter der Redaktion Religion und Orientierung des Bayerischen Rundfunks im Rahmen der Sendung "Ökumenische Perspektiven" auf Bayern 2 eine lange Liste mit lesens- und hörenswerten Texten vor. Darunter folgende Veröffentlichungen:

Ist das Christkind männlich oder weiblich?

Holder Knabe im lockigen Haar – klarer Fall, das Kind in der Krippe, ist ein Junge, oder? Denn das Christkind, das im Volksglauben den Kindern auf wundersame Weise die Geschenke bringt, tritt vor allem als Mädchen in Erscheinung, wie auf vielen bayerischen Weihnachtsmärkten. Wie wurde aus dem holden Knaben ein göttliches Mädchen? Die evangelische Theologin Renate Jost zeichnet in ihrem Buch "Das göttliche Mädchen - Jesus als das Weiblich-Göttliche in Vergangenheit und Gegenwart" die Entstehung unserer Christkind-Vorstellungen fundiert und unterhaltsam nach.

Sie beschreibt wie Martin Luther die Idee des Christkinds als Geschenkebringer in die Welt setzte. Der Reformator wollte den katholischen Bräuchen rund um den Nikolaus etwas entgegensetzen. Renate Jost skizziert, wie diese Idee im Lauf der Zeit eine eigene Dynamik entwickelte und dass die Vorstellung vom göttlichen Mädchen auch eine theologische Tradition hat.

"Es gibt Vorstellungen von Jesus als Mädchen. Schon in der Bibel heißt es, in Christus gibt es weder männlich noch weiblich, weder Herr noch Knecht, also alle können in Christus sein. Die Christusvorstellung übersteigt unsere Vorstellungen von Geschlecht, Rasse oder Ethnie." Renate Jost, Professorin für Feministische Theologie an der Augustana-Hochschule in Neuendettelsau.

Kurios ist, dass das Christkind gerade im katholischen Brauchtum mehr und mehr mit Vorstellungen von Engeln oder der kindlichen Jungfrau Maria verschwamm. Im 19. Jahrhundert begegnet es uns schließlich als Plätzchen backendes Rauschgold-Engel-Mädchen – ein Spiegel bürgerlicher Geschlechterrollen.

Franziskus - der evangelische Papst?

"Der Evangelische Papst: Hält Franziskus, was er verspricht?" ist der Titel eines Buches, das der Jesuit Andreas Batlogg bereits 2018 veröffentlicht hat. Franziskus ist für Batlogg zweifelsohne der Papst, der die Kirche konsequent auf den Kurs des Evangeliums zurückführen möchte, mutig entschlossen, konsequent und auch gelassen. Zugleich hat sich aber auch gezeigt, dass dieser Papst provoziert, durch seine direkte Sprache, durch Gesten und Zeichen, durch Entscheidungen, die nicht immer fehlerfrei sind.

Diese Entwicklung greift Batlogg in einem neuen Buch auf, das er gemeinsam mit dem Wiener Pastoraltheologen Paul Michael Zulehner geschrieben hat. "Der Reformer: Von Papst Franziskus lernen – ein Appell", so der Titel. Die Autoren bestreiten vehement, dass Franziskus schon jetzt als Papst gescheitert sei. Eine Meinung, die nicht nur von entschieden konservativ-reaktionären Gegnern geäußert wird, sondern auch von jenen, die auf rasche Reformen gesetzt haben und jetzt enttäuscht sind.

Der Anti-Missbrauchsgipfel im Februar 2019 war ein Ereignis, das von manchen Kritikern im Nachhinein als vertane Chance bezeichnet wurde und Frust ausgelöst hat. Hinzu kommt, dass in der öffentlichen Wahrnehmung die Skandal-Ereignisse rund um den Vatikan dominieren. Die Missbrauchsgeschichten nehmen kein Ende, Kardinäle stehen vor weltlichen Gerichten, werden verurteilt, in den Laienstand zurückversetzt, eine Hiobsbotschaft jagt die andere. Erklärungen, Entschuldigungen, Worte des Bedauerns von Bischöfen verfehlen ihre Wirkung.

Und bei alledem geht unter – so der Eindruck der Autoren Batlogg und Zulehner – das dieser Papst längst eine Gegenbewegung initiiert hat, eine Abkehr vom Zentralismus, hin zu einer neuen Pastoralkultur. "Für diesen epochalen Kirchenumbau steht im gegenwärtigen Pontifikat das Programm von Synodalität, und mit dieser eng verwobenen Subsidiarität und Dezentralisierung", heißt es im Vorwort.

Amazonas-Synode: Kirche zwischen Personalmangel und Reform

"Erneuerung jetzt: Impulse zur Kirchenreform aus Amazonien" heißt das aktuelle Buch von Erwin Kräutler. Der gebürtige Österreicher, lebt seit 1965 in Brasilien, war 35 Jahre lang Bischof der Prälatur Xingu in Amazonien und hat an der Vorbereitung der Amazonas-Synode im vergangenen Oktober in Rom maßgeblich mitgewirkt. Auf rund 150 Seiten beschreibt und kommentiert Kräutler die beiden Schwerpunkte dieser Synode: Den Einsatz der Kirche, der Christen, für eine ganzheitliche Ökologie, die ein verträgliches Verhältnis zwischen Natur und Menschen zum Ziel hat. Und zweitens die Reformbestrebungen innerhalb der Kirche.

Am Beispiel Amazonien, einer unfassbar großen Region dieser Erde zeigt sich, wie unzureichend die katholische Kirche personell ausgestattet ist, wenn sie die Ordnung der Weiheämter in der althergebrachten Form beibehält und keine Reformen wagt. Die Priesterweihe von bewährten, verheirateten Männern, den viri probati, und die Diakoninnenweihe von Frauen wäre das Mindeste, um eine bessere Präsenz der Kirche zu gewährleisten, und das nicht nur in Amazonien.

"Ich bin überzeugt, dass die gleiche Würde der Frau bei der Zulassung zu den Weiheämtern kommen wird. Wenn nicht, dann haben wir eine weitere Chance der längst notwendigen Erneuerung der Kirche verloren." Erwin Kräutler

Inzwischen steht fest, dass die Amazoniensynode die von Kräutler beschriebenen Schritte in die richtige Richtung gemacht hat. Diakoninnenweihe und Weihe von viri probati wurden einmütig als Ziel erkannt und befürwortet. Es liegt jetzt an Papst Franziskus, den Überlegungen zuzustimmen und damit Verbindlichkeit zu verleihen.

Post von Margot Käßmann

"Mitten im Leben" – so heißt die Zeitschrift, die die evangelische Theologin Margot Käßmann in diesem Jahr auf den Markt gebracht hat. Seit April erscheint jeden Monat eine neue Ausgabe, oder "Post von Margot Käßmann", wie der Herder Verlag die Monatszeitschrift bewirbt.

"Ich fand das sehr reizvoll, jeden Monat einen Brief zu schreiben mit Themen, die mich umtreiben, mit theologischen Ideen und biblischen Gestalten." Margot Käßmann

Jede Ausgabe der Zeitschrift hat ein anderes Thema. Von Gerechtigkeit bis hin zur Bestattungskultur. Jeden Monat führt Käßmann außerdem ein Interview mit einer Persönlichkeit, die etwas zum Thema zu sagen hat. Dazu gibt es Medienempfehlungen und persönliche Reiseberichte. Durch die Zeitschrift sollen die Leser "in einen Dialog kommen", wie Käßmann es ausdrückt.

Margot Käßmann sieht ihre Zeitschrift als ein Gesprächsangebot - es geht ihr um mehr, als ihre Meinung zu verbreiten. "Das geht mir oft mit meinen Büchern so, dass die Resonanz ist: Frau Käßmann, ich hatte das Gefühl, als ich ihr Buch gelesen hab, Ich unterhalte mich mit einer Freundin."

Die Rolle der Frau im Islam

Der Penzberger Imam Benjamin Idriz, der kürzlich den deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier zu Besuch in seiner Moschee hatte, setzt sich seit langer Zeit für den Dialog unter den Religionen in Bayern ein - und für ein aufgeklärtes Verständnis des Islam. "Der Koran und die Frauen" heißt sein jüngstes Buch.

Darin erklärt der Vorsitzende des Münchner Forums für Islam die vergessenen Seiten des Islam zum Thema Frauen. Sowohl islamfeindlich wie islamfreundlich eingestellte Menschen stellen Behauptungen zur Stellung der Frau im Islam in den Raum. Die so nicht stimmten. Aber auch in der Moschee, komme es zu Fehleinschätzungen. Benjamin Idriz will aufklären.

"Ob eine Frau in der Moschee eine Predigt halten darf, muss aus der heutigen Zeit heraus beantwortet und begründet werden. Die Verantwortlichen der Moscheen und islamische Theologen sollten in dieser Hinsicht einen Nachdenkprozess in Gang bringen. Sie sollen Initiativen ergreifen, die zum Ziel haben, dass Frauen in den Moscheen gleiche Chancen wie Männer erhalten. Den Frauen soll ermöglicht werden, entsprechend ihren Qualifikationen und Kompetenzen führende Positionen in der Moscheeleitung zu übernehmen." Benjamin Idriz

Podcast über jüdische Geschichte

Ghetto, gelber Fleck, Geldverleiher – das ist das Bild, das deutsche Geschichtsbücher vorrangig über die jüdische Geschichte vor 1933 transportieren. Danach kommen jüdische Menschen zum großen Teil als Opfer – im Nationalsozialismus – oder als Täter im Nah-Ost Konflikt vor. Studien zeigen, dass deutsche jüdische Geschichte nach 1945 in deutschen Schulbüchern so gut wie gar nicht existiert.

Ein Podcast des Lehrstuhls für Jüdische Geschichte an der LMU München soll diese Bildungslücke jetzt füllen. Das Audioformat mit dem Titel "Podcast Jüdische Geschichte", kostenlos verfügbar auf der Seite der Fakultät, befasst sich unterhaltsam und differenziert mit der Vielfalt jüdischer Geschichte. Es geht um politische Themen, wie die israelische Besiedlung des Sinai, oder Frauen im israelischen Militär.

Genauso kommen aber auch leichtere Themen zur Sprache, wie Juden und das Oktoberfest, die Entstehungsgeschichte der Hatikwa, der israelischen Nationalhymne oder die Möglichkeit einer jüdischen Renaissance in Ostmitteleuropa. Deutsche, wie internationale Wissenschaftler sprechen zu ihrer Forschung, Studierende liefern Beiträge. Dabei bildet sich ein Kaleidoskop jüdischer Geschichte, das zeigt wie limitiert das gängige Bild über jüdisches Leben in Europa und Israel ist – und wie vielfältig und komplex es in Wirklichkeit ist und war.

Alle Buch, Zeitschriften- und Podcast-Empfehlungen der Redaktion Religion und Orientierung hören Sie am 8. Dezember in der Sendung "Ökumenische Perspektiven" ab 8 Uhr auf Bayern 2.