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© Julian Baumann/Bearbeitung BR

Wiebke Mollenhauer in "Dionysos Stadt"

"Dionysos Stadt" von Christopher Rüping an den Münchner Kammerspiele

Theater von Mittags bis spät in den Abend. Zugegeben, das erfordert etwas Sitzfleisch. Doch wer sich darauf einlässt, wird reich belohnt. Christopher Rüpings Antiken-Marathon, der den Bogen vom Prometheus-Mythos über den trojanischen Krieg bis zur „Orestie“ schlägt, ist eine formale Dehnübung, die die Grenzen des Bühnenmöglichen in sämtlichen Richtungen zwischen Rollenspiel und Text-Performance auslotet. Inhaltlich arbeitet sich die XXL-Produktion ebenfalls am Thema Grenzen ab. Im Mittelpunkt steht der Mensch, der die Fesseln seines Schicksals abzustreifen versucht. Dabei spielt auch das Ensemble der Münchner Kammerspiele wie entfesselt auf. „Dionysos Stadt“ – das ist ein in jeder Hinsicht erschöpfendes Bühnenereignis – für Schauspieler*innen und Publikum gleichermaßen, vereint in einem zehnstündigen Theaterrausch, der beweist: sich zu verausgaben kann glücklich machen.

Christoph Leibold

"Krieg" von Rainald Goetz am Berliner Ensemble

Schon in der ersten Spielzeit des neuen Intendanten Oliver Reese avanciert das Berliner Ensemble zu einem der wichtigsten Theater der Republik. Durch das Haus wehen die Geister von Bertolt Brecht und Heiner Müller, die Reese zu besänftigen weiß, indem er sich weiterhin zeitgenössischer Dramatik verschreibt. Zwar ist Rainald Goetz’ Dramentriptychon „Krieg“ schon 30 Jahre alt, doch wurde es noch nie in Gänze aufgeführt. Regisseur Robert Borgmann lässt nun in „Krieg“ eine Kunstschlacht schlagen, einen Kampf ausfechten um Worte, die nie wirklich fassen können, was wir doch so gerne begreifen würden. Das Theater ist der letzte Ort, an dem genau das unentwegt versucht werden muss. Borgmanns Versuch kann sich hören und sehen lassen. Ein hervorragendes Ensemble mit großer Ausdauer, eine bildgewaltige Bühne, die sich ständig wandelt und der gegen Ende das Licht entweicht mit den wiederkehrenden Worten „stirb“ und „still“. Der Zuschauer überlebt die Schlacht und ist doch ein Stückchen hinüber gewest ins Jenseits der Kunst.

Bene Mahler

"Die Banalität der Liebe" von Ella Milch-Sheriff am Theater Regensburg

Da ist der israelischen Komponistin Ella Milch-Sheriff wirklich ein ganz großer Wurf gelungen. Sie zeigt eine sadomasochistische Liebesgeschichte zwischen Nazi-Mitläufer und Star-Philosoph Martin Heidegger und seiner Schülerin Hannah Arendt, natürlich ein Gleichnis auf das Verhältnis von Deutschen und Juden. Musikalisch ist das über zwei Stunden hinweg ein außerordentliches Vergnügen, weil die Komponistin unbekümmert mit Zitaten spielt von Johann Sebastian Bach und das deutsche Volkslied über Richard Wagner bis hin zu Leonard Bernstein. Zum Eichmann-Prozess dröhnt die Orgel, um das Versagen der Kirchen im Holocaust anzuprangern, die Blechbläser sind zuständig für das hohle Pathos der angeblich so überlegenen "deutschen Kultur". Ja, das ist ein Seminar, aber eines ohne Zeigefinger und Langeweile!

Peter Jungblut

"#Genesis a Starting Point" von Yael Ronen an den Münchner Kammerspielen

Wie ein riesiges Auge Gottes hängt ein Spiegel über der Bühne und zeigt uns alles, was sich auf der Welt abspielt: Galaktische Nebel und tanzende Spermien, Neuronale Netze und biblische Szenen Alter Meister und: darauf und darüber und darin: 6 Schauspielerinnen und Schauspieler als Gottvater und Lilith, als Adam und Eva, als Kain und Abel. Mit „‘Genesis. A starting Point“ widmet sich die österreichisch-israelische Regisseurin Yael Ronen DEM Ausgangspunkt unserer Kultur, dem alttestamentarischen Schöpfungsmythos und klopft ihn auf ebenso bildstarke wie überaus komische Weise auf seine Bedeutung für ein Heute ab.

Sven Ricklefs

"Enjoy Racism" vom Schweizer Duo Thom Truong im Rahmen des Festivals "Politik im Freien Theater"

Sie ist mir nicht mehr so schnell aus dem Kopf gegangen, diese Aufführung, die ich eigentlich gar nicht gesehen habe. Eine Aufführung, die mich aus dem Theater trieb und wahrscheinlich genau deshalb besonders gutes Theater war. Eine Aufführung, die zum Handeln zwang oder zumindest sehr spürbar werden ließ, wenn man nicht handelte. Im Rahmen des Festivals „Politik im Freien Theater“ präsentierte das Schweizer Duo Thom Truong das Projekt „Enjoy Racism“. Ein performatives Experiment, bei dem die blauäugigen Theaterbesucher zum Wohltätigkeitsempfang geladen waren, während die braunäugigen Theaterbesucher in einem kargen Nebenraum auf dem Boden saßen, bewacht von Aufsichtspersonal. Die Aufgabe im Experiment für die Blauäugigen: Privilegien annehmen, Rassismus gegen die Braunaugen ausüben und ihn genießen. Die Situation bei den Braunäugigen: Opfer werden. Bis die Rollen vertauscht wurden. Die dritte Option für alle Beteiligten – je nach Widerspruchsgeist – die Aufführung verlassen, meine Option. „Enjoy Racism“ provozierte politisches Handeln – im Theater: verstand man sich als Theaterbesucher, blieb man, spielte mit in einem wendungsreichen, höchst raffinierten Selbstversuch über Diskriminierung und Möglichkeiten des Widerstands. Verweigerte man diese Rolle, ging man – in der Hoffnung auf ein politisches Statement und hatte vielleicht doch alles missverstanden. Ganz egal welche Entscheidung man traf: "Enjoy Racism" zwang zur Positionierung, die nie folgenlos blieb. Am aller wenigsten im Nachdenken über Theater und Politik.

Stephanie Metzger

"Eine griechische Trilogie" von Simon Stone am Berliner Ensemble

Mit seinen Netflix-reifen Überschreibungen überkommener Klassiker gehört der 34-jährige Regisseur Simon Stone zu den zurzeit gefragtesten Regisseuren überhaupt. Am Berliner Ensemble ist ihm nun mit der ebenso kunst- wie humorvollen Verquickung und Neuerzählung von drei antiken Frauenstücken ein weiterer Coup gelungen. Wie sich da ein hochkarätiges Ensemble lustvoll hinter einer Glaswand an neu-alten Geschlechterklischees abarbeitet, gehört zu dem unterhaltsamsten und erhellendstem, was dieses Theaterjahr 2018 zu bieten hatte.

Sven Ricklefs

"Nixon in China" von John Adams am Mainfrankentheater Würzburg

Helden unter sich: US-Präsident Richard Nixon und Revolutionsführer Mao Zedong treten in John Adams´ Oper von 1987 zum Propaganda-Duell an und schwafeln sich eitel in die Weltgeschichte. Eine Oper nach dem Welt-Ereignis vom Februar 1972, als es mitten im Vietnam-Krieg noch eine Sensation war, dass Amerika mit „Rotchina“ Kontakt aufnahm. Im ersten Akt kratzt Nixon sein angelesenes Wissen über China zusammen und Mao faselt von seiner Philosophie, im zweiten Akt muss sich Pat Nixon beim Damenprogramm eine Schweinezucht und ein rotes Frauen-Kampfballett ansehen, im dritten Akt stellen alle Beteiligten fest, wie blödsinnig das alles war und ergehen sich lieber in privaten Erinnerungen. Am Mainfrankentheater in Würzburg inszenierte Regisseur Tomo Sugao die aberwitzige Politik-Show zwischen Mondlandung, Schlachtfeldern, Konferenztischen und Fernsehsendern. Intensive, satirische, schockierende, erstaunliche Bilder!

Peter Jungblut

„jedermann (stirbt)“ von Ferdinand Schmalz am Wiener Burgtheater

Der „Jedermann“ von Hugo von Hofmannsthal ist der Dauerbrenner der Salzburger Festspiele. Am Wiener Burgtheater inszenierte Stefan Bachmann den Klassiker in einer Neufassung von Ferdinand Schmalz. Allein die Bühne von Olaf Altmann ist ein Pfund, mit dem sich wuchern lässt: eine monumentale goldene Wand, in deren Mitte ein Loch klafft. Ein Höllenschlund. Und auch ein Hamsterrad, das rasend rotiert. Innen drin: der reiche Jedermann, der sich zu Tode hetzt, weil er sich dem Turbokapitalismus verschrieben hat. Der reiche Jedermann ist bei Schmalz ein knallharter Kapitalist von heute, der die Welt mit all ihrem Elend nur durch die Scheiben seiner Limousine wahrnimmt. Doch obwohl in den Dialogen immer wieder gänzlich unpoetisch von „Investment“, „Analysten“ oder „Kleinanlegern“ die Rede ist, handelt es sich bei diesem „Jedermann 2.0“ keineswegs um eine platte Aktualisierung. Dagegen steht die melodisch rhythmisierte Sprache von Ferdinand Schmalz. Stefan Bachmann begreift den Text daher als Partitur. Er inszeniert das Stück als fulminante Sprechoper. In etwa anderthalb Jahren gilt es in Salzburg 100 Jahre „Jedermann“ zu feiern. Würden die Festspiele den abgenutzten Hofmannsthal-Text durch die kluge Überschreibung von Ferdinand Schmalz ersetzen – es wäre todesmutig. Aber auch die goldrichtige Entscheidung.

Christoph Leibold

"Playing :: Karlstadt" vom Künstlerkollektiv Raum+Zeit am Residenztheater München

Spielen, um man selbst zu sein. Oder doch jemand anders? Kaum einer weiß, das Liesl Karlstadt, die so lange die Rolle der belastbaren und ausgeglichenen Partnerin an der Seite von Karl Valentin übernahm, mit Selbstzweifel, Depressionen und Todesgedanken kämpfte. 1935 fischte man sie nach einem Selbstmordversuch aus der Isar. Ein tiefer Abgrund, der sich hinter der Vielzahl an Figuren, die sie als Komikerin spielte, auftut und in den das Künstlerkollektiv Raum+Zeit – bestehend aus Bernhard Mikeska, Alexandra Althoff und Lothar Kittstein – den Besucher ihrer szenischen Installation „Playing :: Karlstadt“ hinein blicken lässt. Mit Kopfhörer wird dieser einzeln durch die Münchner Innenstadt geschickt an Orte wie das Hotel Kraft, wo Karlstadt auftrat, oder in die Psychiatrie in der Nussbaumstraße, wo Liesl Karlstadt behandelt wurde. Jeweils Aug in Aug mit eine/m Schauspieler/in wird man an fünf Stationen hineingezogen in ein Spiel zwischen Liebe, Hass und Selbstsuche. Trifft auf Figuren, changierend zwischen Karlstadt und Valentin, die von sich erzählen, von der sie verbindenden Hass-Liebe und von dem Schutz bzw. der Angst im Spiel. Die Darsteller gehen einen an, dann wieder umarmen sie eine, vor allem aber werfen sie den Blick des Besuchers auf sich selbst zurück. Welche Rolle will man spielen? Für welches Spiel ist man bereit? Oder will man auch hier am liebsten gehen? Ein Projekt so beunruhigend wie poetisch. So aufregend wie versöhnlich. In jedem Fall ein intensives Erlebnis von Spiel und Theater!

Stephanie Metzger

"Ein Stein fing Feuer" von Jan Philipp Gloger am Staatstheater Nürnberg

Ionesco? Wird der eigentlich noch gespielt? Stellt unsere immer aberwitziger anmutende reale Welt die absurde Theaterwelt des rumänisch-französischen Dramatikers nicht längst in den Schatten? Um genau das zu untersuchen, hat Jan Philipp Gloger (zum Antritt als neuer Schauspielchef in Nürnberg) Ionesco-Stücke mit autobiografischen Aussagen des Autors und Zitaten bizarrer Zeitgenossen à la Donald Trump zu einem ebenso komischen wie klugen Theaterabend kompiliert. Gloger zeichnet das Gesellschaftsbild einer in sinnentleerten Verhaltensroutinen gefangenen Spießbürgerlichkeit, die sich beharrlich am eigenen bröckelnden Weltbild festklammert. Ionescos Texte wirken dabei keineswegs überholt. Eher wirkt es so, als hätte er denn heutigen Irrsinn einst vorweggenommen. Eine Wiederentdeckung.

Christoph Leibold

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