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Das sind die widerständigsten Filme der Berlinale | BR24

© Berlinale

Ein Statement gegen den Vietnamkrieg: Friedrich von Thun, Eva Mattes und Hartmut Becker in Michael Verhoevens Film "o.k."

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    Das sind die widerständigsten Filme der Berlinale

    342 Filme werden auf der Berlinale gezeigt, die radikalsten davon in der Sektion Forum. 2020 feiert sie 50. Geburtstag: mit Filmen über den Klimakiller Kohle und das Finanzsystem – und einem bayerischen Antikriegsfilm, der 1970 das Festival sprengte.

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    Michael Verhoeven sorgte 1970 mit seinem Film „o.k.“ im Wettbewerb der Berlinale für einen Skandal. Der Münchner Regisseur und Ehemann von Senta Berger hatte ein in Vietnam von US-Soldaten begangenes Kriegsverbrechen in einem Forst bei München nachinszeniert. Es geht um eine amerikanische Einheit, die eine junge Vietnamesin vergewaltigt und ermordet. Verhoeven spielte selbst einen der GIs, die erst sechzehnjährige Eva Mattes die Vietnamesin und der große bayerische Volksschauspieler Gustl Bayrhammer einen US-Captain. „o.k.“ wurde mit minimalen Mitteln gedreht, als eine zeitlos abstrahierte Moritat im bayerischen Dialekt.

    Ein bayerischer Heimatfilm als Statement gegen den Vietnamkrieg

    Jetzt, bei der Berlinale, wird dieser Film zum Abschluss des Festivals wiederaufgeführt, ist rund 50 Jahre später erneut zu sehen. Regisseur Michael Verhoeven reiste vorgestern nach Berlin, um bei der Vorführung heute Abend anwesend zu sein. Er sagt: „Mir lag daran, zu zeigen, dass der Krieg nicht attraktiv ist. Wir hatten damals schon das Gefühl, dass das, was wir da machen, wichtig ist.“

    „o.k.“ löste 1970 die heftigste politische Auseinandersetzung in der Geschichte der Berlinale aus. George Stevens, der Jurypräsident aus den USA, empfand den Film als antiamerikanisch und wollte ihn aus dem Wettbewerb ausschließen. Das führte zu Protesten, Solidaritätsbekunden – und schließlich wurde das Festival abgebrochen. Daran wird jetzt, 50 Jahre später, noch einmal erinnert. Die Berlinale schaut auf sich selbst zurück.

    Die Erweiterung der Weltkarte des Kinos

    1970 wurde ein zweites, parallel laufendes Festival ins Leben gerufen – das Internationale Forum des jungen Films. Man wollte eine zusätzliche Plattform haben, um widerständige, radikale Filme unabhängig zeigen zu können. Mit gegründet hat das Forum der Kinobetreiber und Autor Ulrich Gregor, zusammen mit seiner Frau Erika. Die beiden sind zwar nicht mehr in der Leitungsposition, kommen aber immer noch zu den Vorführungen.

    Entscheidend war vor 50 Jahren, dass man sich öffnete und andere Kinematographien erforschen wollte, vor allem in armen Ländern, in denen mutige Regisseure gegen totalitäre Regime und Unterdrückung ihre Stimme erhoben. Im ersten Forum liefen 1971 Filme aus Algerien, Südafrika, Jugoslawien und Russland. Später entdeckte man das revolutionäre Kino aus Lateinamerika, Indien, Iran oder von den Philippinen.

    Ein Schornstein qualmt immer

    Das Forum holt nach wie vor experimentierfreudige und wagemutige junge Regisseurinnen und Regisseure nach Berlin. Im aktuellen Jahrgang ist etwa die Amerikanerin Lynne Siefert vertreten. Sie zeigt in „Generations“ 13 statische Einstellungen von Kohlekraftwerken in den USA. „Was passiert mit ihnen“, fragt sie, „bleiben sie aktiv und begrüßen so die unabwendbare globale Katastrophe?“

    Die deutsche Regisseurin Carmen Losmann stellt mit ihrem Dokumentarfilm „Oeconomia“ im aktuellen Berlinale-Programm vor allem viele Fragen: Was ist Geld? Was sind Schulden? Welche Auswirkungen haben sie? Und wie lassen sich dafür Bilder finden? Losmann unternimmt eine filmische Reise in die strategischen Zentren neoliberaler Politik und untersucht die Verschuldung als Motor und Fundament des Finanzsystems. Auf ihre bewusst unbedarften Fragen kommt so mancher Anlageberater ins Stottern. Oder fällt in ein irritiertes Schweigen. Auch Nicolas Peter, Finanzchef von BMW, weiß auf die Frage, wo bei so vielen Schulden gesamtwirtschaftlich das Geld der Gewinne herkommt, nicht mehr weiter.

    Als Zuschauer ist man sich unsicher, ob man darüber lachen oder weinen soll. „Oeconomia“ hält uns raffiniert den Spiegel vor.

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