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5 Film-Empfehlungen für die Hofer Filmtage | BR24

© Hofer Filmtage

Filmszene aus "A Bright Light – Karen and the Process" von Emmanuelle Antille

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    5 Film-Empfehlungen für die Hofer Filmtage

    Ganz im Nordosten Bayerns liegt laut Wim Wenders das "Home Of Films", abgekürzt: Hof. Dort laufen ab heute die renommierten Filmtage, die schon in der 52. Ausgabe unabhängiges Kino präsentieren. Wir empfehlen Highlights des diesjährigen Programms.

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    Bei den 52. Hofer Filmtage, präsentiert von Bayern 2, werden vom 23. bis 28. Oktober insgesamt rund 130 Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme gezeigt. 5 Empfehlungen aus der BR Kultur Redaktion.

    "A Bright Light - Karen and the Process" von Emmanuelle Antille

    Eine in jeder Weise ungewöhnliche MusikerInnen-Biographie präsentiert uns die Schweizer Regisseurin und Videokünstlerin Emmanuelle Antille hier. Es geht um die US-amerikanische Folk-Sängerin Karen Dalton (1937-1993), die Anfang der 60er-Jahre zu den größten Talenten der Greenwich-ViIlage-Szene gehörte und von Kollegen wie Bob Dylan sehr geschätzt wurde. Der Film ist aber keine stumpfe Aneinanderreihung von Zeitzeugen-Talking-Heads, sondern versucht, sich der poetisch-mystischen Gestalt Daltons anzunähern. Emmanuelle Antille nimmt uns mit auf einen Road-Trip durch die USA, in dem Landschaften, Gedichte, Tagebuch-Einträge, Statements von Freunden und Musik zu einer faszinierenden Collage zusammenfließen.

    Roderich Fabian

    "Sunset" von László Nemes

    © Laokoon Filmgroup

    Filmszene aus "Sunset" von László Nemes

    Selten wird man als Zuschauer in einen Film so hineingeworfen wie in "Sunset" des ungarischen Oscar-Preisträgers. Da ist Iris, eine junge Frau mit ausladenden Hüten, der wir mit Gedeih und Verderb durch das Budapest des Jahres 1913 folgen, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Ungarn im Fieber eines brutalen Nationalismus, wie heute unter Viktor Orbán. Iris steht vor dem Haus, in dem ihre Eltern ein Hut-Geschäft betrieben. Beide sind in dem Gebäude bei einem ominösen Feuer umgekommen, mit detektivischer Beharrlichkeit begibt sich Iris auf die Suche nach der Vergangenheit. Die Kamera hängt an ihr wie ein Magnet.

    Regisseur László Nemes hat einen experimentellen Kostümfilm inszeniert, einen intimen Bewusstseinsstrom, der die Regeln des Historiendramas auf den Kopf stellt: Es gibt keine geschichtlichen Einordnungen. Nemes lässt bewusst inhaltliche Lücken. Der Zuschauer soll sich in "Sunset" so verloren fühlen wie die Hauptfigur, es öffnen sich Assoziationsräume. "Ich möchte der Imagination der Menschen im Kino vertrauen", sagt der Regisseur, "ihnen nichts vorgeben, sondern sie zu eigenen Gedanken ermutigen." Das ist so irritierend wie außergewöhnlich.

    Moritz Holfelder

    "Schwimmen" von Luzie Loose

    © Anne Bolick

    Filmszene aus "Schwimmen" von Luzie Loose

    Da ist dieses Bild, das einem nicht mehr aus dem Kopf geht: Wie Elisa und Anthea mit letzten Kräften mitten im See treiben. Die Kamera blickt aus der Vogelperspektive auf die Mädchen hinab, zeigt sie, als seien sie auf grenzenlosem Meer unterwegs, verloren. Dabei schwimmen sich die beiden eigentlich gerade frei - von den Demütigungen der Klassenkameraden, den Sorgen zu Hause, dem eigenen Gefühl der Unzulänglichkeit. Ein Kraftakt, der Kräfte gibt.

    Regisseurin Luzie Loose blickt in "Schwimmen" auf eine junge Generation, die sich beständig selbst filmt - mal mit dem neuen Handy, mal mit der alten Kamera der Eltern. Das Material der Mädchen, ihre wacklige Dokumentation des Alltags, und die professionellen Aufnahmen sind im Film miteinander verwoben, und so folgt man verschiedenen Perspektiven und Bildgestaltungen: Fein komponierte Bilder wie die Szene im See wechseln sich mit quasi-dokumentarischen Aufnahmen ab, die sehr intim, ungeschönt wirken. Dieser Materialmix lässt den Zuschauer vor allem ein Gefühl nachempfinden: Was es in einem Lebensabschnitt voller Unsicherheiten und Selbstzweifel bedeutet, sich immer wieder dem schonungslosen Auge der Kamera auszusetzen. Und wie wohltuend die kurzen Momente sind, in denen man von der eigenen Wirkung absehen und sich auf den wohlwollenden Blick seines Gegenübers verlassen kann.

    Marie Schoeß

    "Meeting Jim" von Ece Ger

    © Eva Film

    Filmszene aus "Meeting Jim" von Ece GEr

    Einen Gastgeber, der in 40 Jahren über 150.000 Gäste zum Essen an seinem Sonntags-Dinner teilhaben ließ, gibt es wohl nicht häufig. Dieser Mann, Jim Haynes - gleichsam eine Ikone der Roaring Sixties - gründete den ersten Paperback Bookshop in Großbritannien, koproduzierte 1962 die Literaturkonferenz und 1963 die Theaterkonferenz in Edinburgh, aus der das heutige Edinburgh International Book Festival hervorging. Er war Theatermitbegründer in Edinburgh, schuf zusammen mit anderen die alternative Zeitung "International Times" und die Zeitschrift für sexuelle Freiheit, "SUCK", den Untergrund Pop Club U.F.O. oder das London Arts Lab. Jim Haynes lehrte zudem drei Jahrzehnte lang Medienwissenschaften und Sexualpolitik an der Universität von Paris VIII. Und: Er war und ist mit vielen internationalen Kulturschaffenden vernetzt. Der "Guardian" nannte ihn einmal den "Godfather of Social Networking", bekannt mit John Lennon, Yoko Ono, Germaine Greer, Pink Floyd, Vangelis oder David Bowie.

    "Meeting Jim", eine filmische Hommage an Jim Haynes, ermöglicht nun ein charmantes Eintauchen in eine andere Zeit - bevor soziale Medien Menschen miteinander verknüpften. Der Dokumentarfilm von Regisseurin Ece Ger (die 2015 selbst einmal Haynes's Dinnergast war und dabei die Idee zu diesem Film bekam) und ihrem anglophilen deutschen Koproduzenten Rainer Kölmel erzählt von einem spannenden Lebensweg, der Haynes von den USA nach Edinburgh brachte, nach London und schließlich Paris. Ein berührender und witziger Film über einen außergewöhnlichen Kontakter, einen stets offenen Neugierigen, der mit Herz und Seele den Spirit der 60er-Jahre aufgegriffen und durch sein Leben getragen hat.

    Markus Aicher

    "Barfly" von Barbet Schroeder

    © Hofer Filmtage

    Filmszene aus "Barfly" von Barbet Schroeder

    Achtung! Es kann zu viel Spaß machen, sich diesen Film anzuschauen. So jedenfalls urteilte 1987 ein amerikanischer Kritiker über "Barfly". Hauptdarsteller Mickey Rourke als der amerikanische Dichter Charles Bukowski und Faye Dunaway als dessen Freundin Wanda geben ein verlottertes Traumpaar. Selten hat man die beiden besser erlebt.

    Auch Bukowski selbst ist als Statist in einem Kurzauftritt zu sehen. Er spielt einen Trinker (also sich selbst), der abends in einer dunklen Bar (im Kenmore in LA) am Tresen sitzt und, während er mit beiden Händen eine Bierflasche umfasst, sein Alter Ego beobachtet. Es ist die Szene, in der Rourke die ungemein coole Dunaway kennenlernt. Er setzt sich neben sie. Sie sagt: "Ich mag keine Menschen. Ich hasse sie. Und du?" Er antwortet: "Nein, aber mir geht es besser, wenn sie nicht um mich herum sind." Die beiden ziehen schließlich für eine Weile zusammen. Der deutsche Kameramann Robby Müller hat diese Liebesgeschichte eines berauschten Paares mit wunderbar schummrigen Bildern eingefangen.

    "Barfly" läuft in Hof im Rahmen der Barbet-Schroeder-Retrospektive. Der 77-jährige Regisseur wird bei allen Vorführungen anwesend sein.

    Moritz Holfelder

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