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Buchneuerscheinungen 2018 aus dem Bereich Religion und Philosophie
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Autoren

Karin Wendlinger
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Buchneuerscheinungen 2018 aus dem Bereich Religion und Philosophie

Eine vollständige Literaturliste der Sendung finden Sie hier zum Download.

Paul Kirchhof: Beherzte Freiheit

Wie frei ist der Mensch? Die Antwort wird unterschiedlich ausfallen. Es kommt wesentlich darauf an, wo und unter welchen Bedingungen jemand lebt. Grundsätzlich aber gilt, dass Freiheit ein hohes Gut ist und dass sich Menschen, die sich frei fühlen, auf ihre Freiheit stolz sind und sich gegen jede Bedrohung der freien Gesellschaft wehren werden. Aber kann die Gegenwehr immer gelingen?

Paul Kirchhof, ehemals Bundesverfassungsrichter und Inhaber des Lehrstuhls für Staatsrecht an der Universität Heidelberg, beginnt sein Buch mit der Feststellung: "… wenn wir müde, enttäuscht oder krank sind, wenn sich eine Stimmung von Angst, Unsicherheit oder Bedrohung verbreitet, gelingt es uns nicht immer, entschlossen und tatendurstig dieser Entwicklung entgegen zu treten. Beherzte Freiheit will errungen sein. Sie ist nicht jedermanns Sache."

Beherzte Freiheit - was ist mit diesem Begriff gemeint? Paul Kirchhof differenziert auf über dreihundert Seiten. Im Mittelpunkt aller Freiheitsgefährdung steht die Fremdbestimmung, unter anderem durch die Mechanismen des Staates, der nach kollektiven Lösungen und Steuerungsmodellen strebt und dabei die Freiheit des Einzelnen berührt und auch einschränkt. Die aktuellste Gefährdung individueller Freiheit beruht auf digitalen technischen Errungenschaften, der Steuerung des Menschen durch Algorithmen, von Maschinen erzeugt und mit dem Siegel „künstlicher Intelligenz“ versehen. Dabei geht es nicht nur um die damit verbundene Preisgabe von persönlichen Daten, sondern um grundlegende Veränderungen unserer Welt, etwa die Überwindung unserer strikt auf Erwerbsarbeit ausgerichteten Lebensweise.

Paul Kirchhofs Buch "Beherzte Freiheit" ist eine anregende Lektüre für alle, die sich angesichts von Globalisierung, Digitalisierung und staatlichem Dominanzstreben um die Freiheit einer Gesellschaft sorgen und die spüren, dass echte Freiheit, beherzte Freiheit, mehr ist als die weitere Anhäufung von Informationen und Gütern. Freiheit ist stets in Prozesshaftes eingebunden und muss immer wieder neu gewonnen werden.

Karl-Josef Kuschel: "Dass wir alle Kinder Abrahams sind ..." - Helmut Schmidt begegnet Anwar as-Sadat. Ein Religionsgespräch auf dem Nil

Wir verorten den Dialog der Religionen meist im Bereich der Universitätstheologie, kirchlich-religiöser Arbeitsgruppen oder einzelner Gemeinschaften, die das grenzüberschreitende Religionsgespräch zum obersten ihrer Ziele erklärt haben. Interreligiöse Dialoge unter politisch Verantwortlichen sind dagegen eher die Ausnahme.

Karl-Josef Kuschel, inzwischen emeritierter Professor für Theologie der Kultur und des interreligiösen Dialogs an der katholischen Fakultät der Universität in Tübingen, hat jetzt ein Buch veröffentlicht, das die genannten Vorbehalte gegen Politiker widerlegt. Er schildert eindrücklich die Begegnung das damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt mit dem ägyptischen Staatspräsidenten Anwar as Sadat in den Jahren 1977 und 1978.

Während einer gemeinsamen Reise auf dem Nil öffnet Sadat dem Kanzler aus Deutschland bei einem nächtlichen Gespräch unter einem grandiosen Sternenhimmel offenbar die Augen für die friedenstiftenden Potentiale der Weltreligionen, indem er auf die gemeinsamen Werte von Judentum, Christentum und Islam verweist. Die drei monotheistischen Schriftreligionen haben ihre Offenbarung am Sinai erfahren. „Wir sind alle Kinder Abrahams“, so Sadat zu Schmidt, der von dieser Erkenntnis, die heute zu den theologischen basics gehört, fasziniert ist.

Professor Kuschel hat nun entdeckt, dass diese Geschichte in der umfangreichen biographischen Literatur über Helmut Schmidt gar nicht oder nur am Rande vorkommt, obwohl sich Schmidt öfter auf seine Begegnung mit Sadat bezieht. Immer hat er die Geschichte gezielt religionspolitisch erzählt, niemals nostalgisch oder anekdotisch verklärend.

Und so führt uns der Autor zurück in die letzten drei Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts, vor allem in die 70iger Jahre und erzählt, wie zwei hochrangige Politiker über den Stammvater Abraham das Friedenspotential der Weltreligionen erkennen. "Ich habe ihn geliebt", sagt Schmidt später von Sadat, weil er ihm die Erkenntnis verdankt, dass die vielgestaltige Welt "nicht ohne den prägenden Einfluss der großen Religionen auf die Menschen verstanden werden kann. Eine Weltanalyse, die den Faktor Religion ausklammert, ist defizitär."

Johannes Eckert: Steht auf! Frauen im Markusevangelium als Provokation für heute

Ein erstaunlich offen-herziges Buch hat der Benediktiner-Abt von St. Bonifaz und Andechs in diesem Jahr vorgelegt. „Steht auf! Frauen im Markusevangelium als Provokation für heute“ ist der Titel. Ausgehend von den Frauen, die Jesus im Markusevangelium begegnen und ihm nachfolgen und dabei sehr selbstbewusst – eben provokant - auftreten, aber allesamt namenlos bleiben, stellt Eckert aktuelle Bezüge zu einigen Problemthemen im Hier und Heute her.

Könnte es in der Kirche authentischer zugehen, wenn es geweihte Frauen gäbe? Würde die Wahrhaftigkeit wachsen, wenn der Pflichtzölibat freigestellt wäre? Ginge es glaubwürdiger zu, wenn die Kirchensteuer reformiert würde?

Eindeutige Antworten formuliert der Benediktiner-Abt nicht. Die Fragestellungen und der Kontext zeigen, wo der Autor steht: "Neben vielen Männern fallen mir (auch) viele Frauen ein, die in unseren Gemeinden ganz selbstverständlich diakonale und priesterliche Dienste wahrnehmen. Ich denke an eine Krankenhausseelsorgerin, der ich bei einem Sterbefall begegnen durfte. Eine junge Mutter war verstorben. Die ganze Familie war mit Trauer und Schmerz am Totenbett versammelt. Voller Liebe salbte nun die Krankenhausseelsorgerin mit Öl die Stirn, die Augen, die Ohren, die Nase, den Mund, die Hände und Füße und schließlich an Stelle des Herzens die Brust. Mit einfühlsamen Worten tröstete sie die Angehörigen und half ihnen, sodass sie würdevoll Abschied nehmen konnten. Man spürte, wie intensiv sie die Verstorbene auf ihrem letzten Weg begleitet und sie auf den Tod vorbereitet hatte. Das Krankenhauszimmer wurde in diesem Moment zum Haus in Kafarnaum, zum Ort des Trostes."

Johannes Eckerts Buch ist allen eine Hilfe, denen der Respekt vor der Geschlechtergerechtigkeit in der katholischen Kirche wichtig ist und die sich für eine Verbesserung der Stellung der Frau einsetzen. Unaufgeregt liefert der Benediktiner dafür gute Argumente.