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Das Schweigen nach dem Unglück: "Bis dann, mein Sohn" | BR24

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Der Sohn ertrinkt, die Eltern sind verzweifelt: Regisseur Wang Xiaoshuai erzählt von einem schrecklichen Ereignis - und vom Alltag chinesischer Arbeiter. Ein melancholischer Film über den Aufbruch Chinas, der auf der Berlinale ausgezeichnet wurde.

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Das Schweigen nach dem Unglück: "Bis dann, mein Sohn"

Der Sohn ertrinkt, die Eltern sind verzweifelt: Regisseur Wang Xiaoshuai erzählt von einem schrecklichen Ereignis - und vom Alltag chinesischer Arbeiter. Ein melancholischer Film über den Aufbruch Chinas, der auf der Berlinale ausgezeichnet wurde.

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Sie würden doch nur am Ufer spielen – und das Wasser dort sei nicht so tief, sagt der eine Freund zum anderen. Zwei Jungs, die um die zehn Jahre alt sind. Mit dem ängstlichen Xingxing und dem forschen Haohao beginnt dieser Film Anfang der achtziger Jahre und mäandert fortan über drei Jahrzehnte hinweg durch Raum und Zeit.

Die Rufe und das Juchzen der anderen Jungs sind zu hören. Die Kamera bleibt bei dem furchtsamen Haohao und mit ihm blicken wir auf die nahen Berge im Dunst, durch den sanft die Sonne dringt. Unten die weite Flusslandschaft mit sandigen Ufern, mitten drin die Kinder, die plantschen und johlen.

Leblos auf der Sandbank

Es folgt eine kurze Sequenz in einer Küche, oft wird gekocht und gegessen in diesem Film, ganz selbstverständlich und sehr authentisch, dann geht es zurück zu der Flusslandschaft, vielleicht eine Stunde später, die Kamera ist auf dem kleinen Hügel verblieben, auf dem anfangs Xingxing und Haohao miteinander sprachen. Wir sehen, wie Erwachsene aufgeregt am Wasser entlanglaufen. Ein Mann kniet sich schließlich auf einer Sandbank hinunter zu einem leblosen Bündel, das dort liegt und nur schemenhaft zu erkennen ist. Es ist sein Sohn.

© Action Press/Best Image

Auf der Berlinale: Wang Jingchun und Yong Mei

Die Kamera will sich von dem Unfassbaren gar kein direktes Bild machen, aber dem Zuschauer schnürt es auch so das Herz zusammen. Die Katastrophe ist geschehen. Xingxing war doch noch zum Fluss gegangen und ist ertrunken. Ein Körper wird weggetragen. Dann der Schnitt. Da sitzt, frierend im inzwischen kühlen Wind, Haohao auf dem Hügel und schaut sich das alles an, immer noch in der Unterhose und wie paralysiert.

Aufbrausend, aber herzensgut

Zart und subtil erzählt Regisseur Wang Xiaoshuai von großen Dramen, zwanglos zwischen Orten und Zeiten hin- und herspringend – und gibt dabei berührende Einblicke in ein Land, deren Menschen uns in einem Film selten so nahe gekommen sind wie hier. Im Mittelpunkt stehen die beiden Eltern des ertrunkenen Xingxing, ein symbiotisches und auch in der Wortlosigkeit zärtlich zueinander stehendes Paar, zwei Arbeiter, die, als das Unglück geschieht, in einer großen Metallfabrik in der nordchinesischen Provinz schuften. Der Vater ein oft aufbrausender, aber herzensguter Mann mit einem sorgenvollen Gesicht, die Mutter eine pragmatische Frau mit sanften Zügen, hinter denen der tiefe Schmerz des Verlustes sitzt. Die Schauspieler Yong Mei und Wang Jingchun erhielten für ihre Rollen bei der vergangenen Berlinale zu Recht die beiden Darstellerpreise.

© Action Press/Best Image

Melancholischer Grundton

Ein melancholischer Grundton durchzieht diesen Film. Viel Alltag ist zu sehen. In unaufgeregt wachem Rhythmus wechseln eher dokumentarische Szenen mit langen filmischen Plansequenzen. Atmosphärisch dicht sind die Einblicke in das Belegschaftsheim. Kleine Zimmer, lange Flure. Rohe Böden. Und trotzdem entsteht immer wieder ein Gefühl von Fröhlichkeit im Unwirtlichen. Da ist die tiefe Freundschaft zu der Familie von Haohao, das Zusammensein mit den Kollegen. Schuld und Vergebung. Vergangenheit und Gegenwart. Erinnerungen an die Kulturrevolution. Der industrielle Aufbruch Chinas. Die Ein-Kind-Politik. Schließlich der Aufbruch in den Turbokapitalismus sozialistischer Prägung. Dazwischen immer wieder Szenen des herzbewegenden Gemeinschaftsgefühls – auch der Ausgelassenheit, wenn heimlich zu Boney M's Hit "Rivers of Babylon" getanzt wird.

Immer weiter zuschauen

Ganz beiläufig erzählt Wang Xiaoshuai von Schicksalen, die uns ergreifen. Privates und Politisches verschmelzen. Menschen geraten ins Räderwerk ideologischer Neuausrichtungen. Die Kunst des Regisseurs ist es, in solchen massenhaften Bedingtheiten die Individuen sichtbar zu machen. Man möchte diesen Menschen in "Bis dann, mein Sohn" immer weiter zuschauen, wie sie leben wollen, lachen und weinen, essen und schlafen, sich lieben, vielleicht Kinder erziehen, arbeiten und mit den Freunden ein paar Tage verbringen, die man so schnell nicht wieder vergisst.

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