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Vom Idyll in den Albtraum: "Das schönste Paar" im Kino | BR24

© BR/One Two Films

Optisch konsequent, mit brillanten Darstellern, aber nicht immer jenseits von Geschlechterklischees zeigt Regisseur Sven Taddicken, wie ein Paar nach einer Vergewaltigung um Normalität ringt.

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Vom Idyll in den Albtraum: "Das schönste Paar" im Kino

Optisch konsequent, mit brillanten Darstellern, aber nicht frei von Geschlechterklischees: Sven Taddicken zeigt, wie ein Paar nach einer Vergewaltigung um Normalität ringt. Inspiriert hat den Regisseur ein großes erotisches Drama der Kinogeschichte.

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Dieser Film beginnt phänomenal mit einer Liebesszene auf einem felsigen Strand von Mallorca. Die Leinwand bleibt dunkel, wir hören nur, dass da zwei Menschen Sex miteinander haben. Ein Bild ist erst zu sehen, wenn Liv und Malte erschöpft nebeneinander auf dem Kies liegen. Die Kamera ist hinter den beiden Schauspielern, nahe dem Boden, auf Höhe der Köpfe von Luise Heyer und Maximilian Brückner. Im Hintergrund, unscharf zwischen zwei Felsen, schwappt und gurgelt das Meer in der Abenddämmerung. Die Szene hat ein wunderbares, wundersames Licht, die nackten Körper bekommen im Halbdunkel etwas intim Skulpturales.

Inspirationsquelle: "Intimacy" von Patrice Chereau

Regisseur Sven Taddicken hat bei "Das schönste Paar" immer wieder an eines der großen erotischen Dramen der Kinogeschichte gedacht, an Patrice Chereaus "Intimacy" von 2001: "Damals, ich war gerade an der Filmhochschule, habe ich selten etwas so Ehrliches und Authentisches gesehen. Diesen Film haben wir uns jetzt tatsächlich mehrmals wieder angeschaut. Und als es dann um die Musik für 'Das schönste Paar' ging, war ich mir unsicher, was ich wollte. Aus meiner Unentschlossenheit heraus habe ich dem Komponisten von 'Intimacy', Éric Neveux, eine Mail geschrieben und ihn gefragt, ob er nicht mal Lust hätte, für einen deutschen Film die Musik zu komponieren. Das hat er dann tatsächlich gemacht. Da hat sich für mich ein Kreis geschlossen."

Kurz nach dem erotischen Moment am Strand kommt es zur Katastrophe: Im Ferienhaus lauern dem Lehrerehepaar drei junge Männer auf. Der eine, ebenfalls ein Deutscher, vergewaltigt Liv im Beisein von Malte. Für Sven Taddicken sind das die zehn Minuten des Films, durch die der Zuschauer durch muss. Seine Idee sei eine Geschichte gewesen, "in der das Ganze mal weitergedacht wird. Wo man ein sympathisches, cooles, reflektiertes Paar beobachtet, das den Entschluss fasst, wir können das verarbeiten. Wir können eine Beziehung haben, wir können eine Sexualität haben, wir können unversehrt weiterleben. Das fand ich bewegend, weil ich das so auch noch nicht so häufig gesehen habe."

Kamerafrau Daniela Knapp ist immer nah dran an den Protagonisten – "Das schönste Paar" wurde durchgängig mit nur einer Optik gedreht. Das gibt dem Film einen sehr privaten Look. Die Handlung setzt nach der Vergewaltigung mit einem Zeitsprung von zwei Jahren neu an – als Drama, das mit Elementen des Thrillers kokettiert. Malte begegnet in Köln in einem Imbiss zufällig dem Vergewaltiger wieder, und folgt ihm unerkannt.

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Malte (Maximilian Brückner) und Liv (Luise Heyer) ringen um Normalität

Archaische Angst des Mannes – Rationalität der Frau

In den Rollenbildern wirkt das arg konventionell: Malte versucht, das Versagen als Beschützer seiner Frau zu korrigieren, jetzt soll sich sein Box-Training auszahlen. Und Liv erlebt man, wie sie zu einer Therapeutin geht. Geschlechterklischees werden hier eher reproduziert als hinterfragt, was Sven Taddicken durchaus bewusst ist: "Das stimmt, es hat mir aber auch ein bisschen gefallen, bei diesem Mann dieser archaischen Angst nachzuspüren. Der sich fragt, warum habe ich mich nicht wehren können? Warum habe ich meine Frau nicht beschützen können? Ich geh‘ jetzt boxen – und das wird mir nie wieder passieren. Das mag ein Klischee sein, aber ich glaube, da steckt auch eine Wahrheit drin. Und klar, bei Liv auf der anderen Seite, da ist dieser Wunsch, das rational wegzupacken – das fand ich beides interessant."

Begeisternde Hauptdarsteller

Interessant ja, aber die Haltung des Regisseurs zu seiner Geschichte wirkt oft unentschieden. Auch der Spagat zwischen Drama und Thriller hätte ihm da und dort noch frecher und mutiger gelingen können. So überzeugt "Das schönste Paar" vor allem durch seinen optisch konsequenten Stil, auch hat der Film nichts Schweres, versprüht eine im deutschen Kino nicht so oft erlebbare Leichtigkeit, trotz des harten Themas, und begeistert vor allem durch seine beiden Hauptdarsteller. Luise Heyer als Liv ist die junge deutsche Schauspielerin der Stunde, zweimal nominiert für den Deutschen Filmpreis kommenden Samstag, einmal für "Das schönste Paar" – und das zweite Mal in der Nebenrolle als Mutter von Hape-Kerkeling in "Der Junge muss an die frische Luft". Heyer kann traurig genauso wie frech, komisch wie ernst. Ihr schaut man sehr gerne zu, sowieso, wenn sie am Ende des Films ganz anders reagiert als erwartet.

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Von
  • Moritz Holfelder
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