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Das sagt Gretchen Dutschke zu 1968, #metoo und Afd | BR24

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Gretchen Dutschke hat die 68er an der Seite von Rudi Dutschke hautnah miterlebt und hat eine Bilanz "1968. Worauf wir stolz sein können" verfasst. Im Interview erzählt sie, wie sie die Zeit erlebt hat.

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Das sagt Gretchen Dutschke zu 1968, #metoo und Afd

Gretchen Dutschke hat die 68er an der Seite von Rudi Dutschke hautnah miterlebt und hat eine Bilanz "1968. Worauf wir stolz sein können" verfasst. Im Interview erzählt sie, wie sie die Zeit erlebt hat.

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Eigentlich wollte sie nur Deutsch lernen für ihr Philosophie-Studium, als sie 1964 aus den USA nach Deutschland kam: Doch dann lernte Gretchen Dutschke in einer Kneipe ihren zukünftigen Ehemann Rudi Dutschke kennen. An seiner Seite durchlebte sie die turbulenten 60er, die Studentenproteste und Diskussionen. Ein Attentat auf Rudi Dutschke im April 1968 verletzte ihn lebensgefährlich, 1979 starb er an einem epileptischen Anfall, einer Spätfolge des Attentats. Ihr drittes Kind, Rudi-Marek kam erst nach Rudi Dutschkes Tod auf die Welt. 1985 zog Gretchen Dutschke zurück in die USA, seit 2010 lebt sie wieder in Deutschland. Heute Abend liest sie im Rahmen des Literaturfests München aus ihrem Buch "1968. Worauf wir stolz sein können", ab 19 Uhr im Gasteig in München. Hardy Funk hat sie vorab getroffen und mit ihr über die Errungenschaften der 68er, den Rechtsruck heute und die #Metoo-Bewegung gesprochen.

Hardy Funk: Jörg Meuthen, der Bundessprecher der AfD, spricht gerne von einem "rot-grün verseuchten 68er-Deutschland, von dem wir die Nase voll haben." Wie sehr trifft Sie das?

Gretchen Dutschke: Ich finde, der Mann ist krank im Kopf. Aber natürlich finde ich es sehr schade, dass so etwas überhaupt entstehen konnte. Die wollen Deutschland zerstören. Und ich würde schon sagen, Deutschland hat zwar sehr viele Probleme, aber trotzdem ist es das beste Deutschland, das es je gegeben hat – und die wollen es kaputtschlagen. Die Proteste und die Bewegung dagegen sind sehr wichtig. Das sollte man unterstützen.

Machen Sie sich Sorgen um das Erbe der 68er?

Ich mache mir keine großen Sorgen. Ich denke, die Menschen in Deutschland verstehen, was los ist. Die Mehrheit weiß, dass dies ein Land ist, das man verteidigen muss. Dass man diese Verfassung, diese Demokratie, diese Denkweise verteidigen muss. Und ich denke, sie sind auch bereit, das zu tun.

Ihr Buch trägt den Titel "1968 – worauf wir stolz sein können". Worauf können wir den stolz sein?

Es war ein Land, das geprägt war von autoritärem Denken – die Überreste der Nazi-Geschichte haben noch sehr stark gewirkt. Und das haben die 68er durchgearbeitet und so stark verändert, dass Deutschland heute wirklich eine Demokratie ist, die man verteidigen muss und auch kann und wofür man auch bereit ist, das zu tun.

Eigentlich hatten sich die 68er aber noch ein bisschen mehr vorgenommen: Eigentlich wollten sie eine komplette Revolution, zu der es aber doch nie kam. Gibt es Punkte, wo die 68er vielleicht auch gescheitert sind, wo sie ihre Ziele nicht erreicht haben?

Ja ich, würde sagen, 68 war eine Kulturrevolution. Das ist gelungen. Man hat aber auch über die wirtschaftlichen Probleme geredet – also über eine globale Wirtschaft, die vom Kapitalismus bestimmt ist. Wo Menschen ausgebeutet werden, nur damit die Menschen in der Ersten Welt überreichlich konsumieren können. Das wollten wir ändern. Wir wollten Freiheit, Gleichheit und Solidarität mit den Menschen, die unter dem Druck gelitten haben. Das haben wir nicht erreicht. Das ist ein Projekt, das noch bevorsteht. Und ich hoffe wirklich, dass die junge Generation heute das begreift und dass sie diesen Kampf führen kann.

Ihr Mann Rudi Dutschke hat die Zeit maßgeblich mitgeprägt. Sie beschreiben ihn in Ihrem Buch an einer Stelle als "offen und ehrlich zu jedermann gleichzeitig aber entschlossen, Deutschland und die Welt zu verändern." Was war denn das Besondere an Rudi Dutschke, was ihn für die Protestbewegung so zentral machte?

Das ist natürlich eine große Frage. Wieso wird ein Mensch besonders beachtet? Er konnte sehr gut reden. Er konnte Menschen irgendwie überzeugen. Und ich vermute, dass man merkte, dass es ihm ernst war. Vielleicht war auch ein Punkt, dass er eine wirklich laute Stimme hatte. Er war nicht arrogant – nicht wie manche, die meinen, dass sie alles wissen. Er wollte hören, was die Probleme der Menschen waren. Das hatte mit seiner christlichen Prägung zu tun, mit der Idee der Liebe zu den Menschen.

© picture alliance/dpa

Konnte Menschen überzeugen: Rudi Dutschke während einer Diskussion mit FDP-Politiker Ralf Dahrendorf 1968

Die Männer der 68er-Generation haben sich damals gegen ihre Elterngeneration gestellt und trotzdem waren sie in einem Punkt ihren Vätern sehr ähnlich: In dem Punkt, wie sie mit Frauen umgegangen sind. Sie beschreiben das in Ihrem Buch mehrmals, dass die Männer der 68er-Generation die Frauen in Diskussionen kaum zu Wort kommen lassen haben und wenn. dass sie sich darüber lustig gemacht haben, was die Frauen gesagt haben. Frauen sollten sich um den Haushalt kümmern und um die Kinder. Wie haben Sie das erlebt?

Ich war schockiert. Ganz einfach. In den USA, woher ich ja gekommen war, hatte ich das nicht erlebt. Das habe ich auch erzählt. Ich meine, den Männern war gar nicht bewusst, dass sie sich so verhalten haben. Also mussten sie sich überhaupt erst einmal bewusst darüber werden. Und natürlich haben das die Frauen gemerkt. Das war der Anfang der Frauenbewegung in Deutschland, als 68 die Tomaten gegen Hans-Jürgen Krahl und andere Männer-Autoritäten flogen. Das war auch ein harter Kampf. Der ist auch noch nicht zu Ende. Es gibt noch Probleme, aber ich denke, die Frauen haben schon sehr viel erreicht. Und ich denke, die Männer heute verstehen das – nicht alle Männer, aber viele Männer verstehen, dass das ein Problem ist, an dem man arbeiten muss, und viele Männer sind auch bereit dazu.

Dass es noch Probleme gibt, zeigt unter anderem auch die #Metoo-Bewegung, die offenbart hat, dass es immer noch sehr häufig sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz gibt und Machtstrukturen, die Frauen diskriminieren. Wie sehen Sie das?

Ja, das ist ein Problem, das man angehen muss. Aber man muss auch die Männer verteidigen, die nicht daran beteiligt sind. Die verstehen, dass das verkehrt ist. Andererseits muss man die Männer bekämpfen, die das nicht verstehen und denen irgendwie klarmachen, dass das nicht geht.

Sie schreiben auch, dass Sie es waren, die mit der Idee einer Kommune ankam, Sie hatten das in amerikanischen Berichten gelesen – und dass dann aber Dieter Kunzelmann die Initiative an sich gerissen hat und die Kommune 1 gegründet hat. Was hätten Sie anders gemacht, wenn Sie selbst die erste Kommune gegründet hätten?

Wir hatten eigentlich die Idee, ein Haus zu bauen. Wir hatten einen Architekten in unserer Gruppe, der hat ein Kommune-Haus entworfen. Ein Haus, in dem man gemeinsam leben konnte, wo man sich aber auch zurückziehen konnte Wo man gemeinsam leben und die politische Arbeit gemeinsam machen konnte, aber auch alles andere: ob Kinder-Arbeit, Haushaltsarbeit, kochen und so weiter. Aber dafür hatten wir nicht das Geld, dafür hätten wir arbeiten müssen – wir waren viele Leute, wenn alle gearbeitet hätten, hätten wir genug Geld zusammen kriegen und das zustande bringen können. Das war aber „Konsumwahn“. Und einige Leute waren total gegen die Idee, zu arbeiten. Die wollten gleich etwas machen. Und die hatten auch diese Idee der Zerstörung der bürgerlichen Persönlichkeit. Das ging in eine total andere Richtung, als was wir gedacht hatten.

© dpa - Report

Zeit für die Familie nach dem Attentat auf Rudi Dutschke: Gretchen Dutschke 1970 mit ihrem Ehemann beim Spielen mit den Kindern in Cambridge.

Braucht es denn heute wieder eine Protestbewegung?

Ja, ich meine, das braucht man. Und zwar nicht nur um den Rassismus und diesen Hass auf die Gesellschaft, die von der rechten Seite kommen, zu bekämpfen. Sondern auch wegen der Umwelt. Die Umweltprobleme sind sehr gewachsen und sie wachsen immer noch. Es wird zwar vieles gemacht, aber das ist nicht genug. Da muss etwas Massives gemacht werden, das braucht eine weltweite Bewegung. Auch das Wirtschaftssystem muss wirklich grundlegend geändert werden. Andererseits kommt es zur Katastrophe, die schon angefangen hat, nur noch viel schlimmer.

Was könnten jüngere Generationen dabei von den 68ern lernen?

Ich denke, was sie lernen können, ist, dass man eine Bewegung braucht. Heute gibt es sehr viele kleine Gruppen, die auch alle sehr sinnvoll sind. Aber die arbeiten nicht zusammen, jede Gruppe verfolgt eigene Ziele, sie vernetzen sich nicht. Es kommt nicht zusammen – was damals eine große Rolle gespielt hat – so dass man spüren konnte, dass man zu einer Bewegung gehörte, die nicht nur auf Deutschland begrenzt war, sondern weltweit. Dieses Gemeinschaftsgefühl, dass etwas geändert werden muss.

Rudi Dutschke und Sie, sie waren ja beide überzeugt davon, dass einzelne Menschen und Menschen gemeinsam die Geschichte verändern können. Wie denken Sie heute darüber? Ist das heute noch genauso möglich?

Ja ich denke das ist heute auch möglich. Man hat Möglichkeiten, wie man zusammenkommen kann. Heute gibt es natürlich das Internet. Damals gab es auch Möglichkeiten, zusammenzukommen. Das ist auch heute absolut möglich und auch notwendig.

Radio-Feature: Ich muss Revolution machen – Ein Spaziergang mit Gretchen Dutschke

Gretchen und Rudi Dutschke stehen wie kaum ein anderes Paar für 1968: In ihrer Geschichte spiegelt sich die Hoffnung einer Generation – aber auch die Tragik der Studentenbewegung. Für das BR Radio Feature hat Thomas Palzer einen Spaziergang mit Gretchen Dutschke durch ihr Berlin gemacht.

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