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Aleida Assmann auf der Frankfurter Buchmesse neben ihrem Ehemann Jan Assmann

"Vor allem sind wir verheiratet," sagt Jan Assmann. "Und da liegt es nahe, dass man miteinander redet, gemeinsame Themen auskundschaftet. Das dauerte eigentlich nicht lange, das passierte sofort, dass wir ein Interesse für das Fach des jeweils anderen entwickelten. Aleida hat dann auch Ägyptologie studiert, ich habe englische Romane gelesen." Und Aleida Assmann berichtigt: "Er hat sie mir vorgelesen – und ich bin dabei eingeschlafen." Und weiter: "meine allererste Vorlesung ging tatsächlich über die Geschichte Ägyptens. Ich dachte, wenn wir – und das stand damals, in meinem ersten Semester schon fest – unser Leben gemeinsam verbringen wollten, dass wir auch irgendwas gemeinsames zu reden haben sollten. Also musste ich was verstehen, von dem, was er machte. Er kaufte sich so viele Bücher, dann dachte ich, ich müsste die doch auch lesen können. Also habe ich das brav mitstudiert."

Der stereometrische Blick eines Forscherpaares

Aleida Assmann (71) und Jan Assmann (80) feierten im August goldene Hochzeit – 50 Jahre Ehe, fünf Kinder, Enkel. Es mag unpassend klingen, bei zwei solchen Größen des Geisteslebens zuerst vom Privaten zu reden – die Assmanns aber sind Liebespaar und Forscherpaar, das ist bei ihnen kaum voneinander zu trennen. Wenn sie als Wissenschaftler etwas verstehen wollen, die Bedeutung von Erinnerungen etwa, dann schauen sie auf denselben Gegenstand, allerdings aus zwei Richtungen. Hier der Altertumswissenschaftler, der in Jahrhunderten denkt und eigentlich im alten Ägypten lebt, wie er selbst sagt. Dort die Literaturwissenschaftlerin, deren Zuhause die Gegenwart ist. Den stereometrischen Blick nennt Jan Assmann das – ein Miteinander, so fruchtbringend wie fordernd.

"Akademikerehen sind nichts einfaches," erzählt Aleida Assmann. "Wissenschaft ist überhaupt so platzgreifend, man braucht wahnsinnig viel Zeit, man ist mit dem Kopf woanders und nicht präsent. Aber umso schöner, wenn es dann doch mal gelingt und auch in dieser Form gewürdigt wird."

Extremismus, Populismus und Antisemitismus im Blick

Gewürdigt wird mit dem Deutschen Friedenspreis vor allem die intellektuelle, die akademische Leistung der beiden. Jan Assmann ist Ägyptologe, dank ihm tritt uns eine Gesellschaft von vor dreitausend, viertausend Jahren immer klarer vor Augen, ihre Verwaltung und ihre Wirtschaft, ihr Menschenbild und ihr Götterbild. Weithin bekannt sind seine Arbeiten zu den Ursprüngen der Religionen, besonders zur Religions-Revolution, als ganze Landstriche anfingen, an den alleinigen Gott zu glauben und nicht mehr an viele. Aleida Assmann ist Anglistin – sie forscht vor allem zur Erinnerung und zum kulturellen Gedächtnis. Damit meint sie unser aller inneren Speicher an Texten, Bildern und Ritualen, die uns prägen, unser Verständnis von der Geschichte genau so wie unser Bild von der Welt.

Diese Arbeit der Assmanns, diese Erforschung der Vergangenheit und der Erinnerung war es vor allem, die ihnen den Friedenspreis eintrug, sagt Heinrich Riethmüller vom Börsenverein des deutschen Buchhandels: "Wir glauben, dass wir mit dieser Entscheidung eine sehr politische und aktuelle Entscheidung getroffen haben. Wir leben ja gerade in einer Zeit, die immer mehr geprägt wird von Extremisten, von Populismus, aufkommendem Antisemitismus. Dass sind alles Verwerfungen in unserer Gesellschaft, wo man einfach wieder dazu aufrufen muss, dass wir uns mit unserer Vergangenheit auch auseinandersetzen müssen."

Vorreiter des Wissenschaftsbetriebs

Zusammen ein Buch geschrieben haben die Assmanns übrigens nie. Und doch hat ihre Art der Zusammenarbeit Maßstäbe gesetzt. "Interdisziplinär" waren die beiden schon, als diesen Begriff noch niemand verwendete, sowohl miteinander als auch im Austausch mit anderen Wissenschaftlern, Afrikanisten oder Sinologen. "Unsere Frage war immer: Wie kommen wir über den europäischen Horizont hinaus," so Aleida Assmann, "und wie schaffen wir es, ein Gespräch zu führen, dass diese Fächer an den Unis miteinander verbindet."

Es ist kaum Übertreibung, zu behaupten, dass die Assmanns die heute so populäre Kulturwissenschaft erfunden haben. Dass sie, diese nach alter Art umfassend gebildeten und auf moderne Art arbeitenden Wissenschaftler nun einen Preis bekommen, den schon Nobelpreisträger in Demut entgegennahmen, zeichnet beide für ihr Lebenswerk aus – und erfüllt sie mit großer Freude. "In unseren Augen ist der Friedenspreis eigentlich das bedeutendste kulturelle Ereignis in Deutschland", sagt Jan Assmann. "So haben wir es immer wahrgenommen und wir haben auch keine Gelegenheit versäumt, wenn es sich irgendwie ausging, dass wir das am Fernsehen verfolgen. Oder am Radio, bevor wir einen Fernseher hatten. Nur: Gerade deswegen haben wir uns natürlich nie in der Rolle derer imaginiert, die wir da immer bewundert haben! Entsprechend überwältigend war diese Mitteilung."

Die Verleihung des Friedenspreises in der Frankfurter Paulskirche – ein würdiger Abschluss dieser 70. Frankfurter Buchmesse.

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Autoren

Hendrik Heinze

Sendung

kulturWelt vom 14.10.2018 - 10:05 Uhr