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Das Münchner TamS ist seit 50 Jahren immer im Widerstand | BR24

© TamS

Wenn Münchens querulantes Hinterhoftheater TamS Geburtstag feiert, ist Spaß garantiert. Jetzt wird das legendäre Theater am Sozialamt 50 und laut Gerhard Polt wohnt dort schon genauso lange eine Gütergemeinschaft aus Fantasie und Humor.

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Das Münchner TamS ist seit 50 Jahren immer im Widerstand

Wenn Münchens querulantes Hinterhoftheater TamS Geburtstag feiert, ist Spaß garantiert. Jetzt wird das legendäre Theater am Sozialamt 50 und laut Gerhard Polt wohnt dort schon genauso lange eine Gütergemeinschaft aus Fantasie und Humor.

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Besonders schön hat es Gerhard Polt ausgedrückt: Bisweilen, schreibt Polt, habe er sich gefragt, wo eigentlich die Fantasie wohne? Bis er die Antwort gefunden habe: in der Haimhauserstraße 13 in München. Hier lebe die Fantasie schon sehr lange zusammen mit dem Humor in einer Art Gütergemeinschaft. Die Haimhauserstraße 13, in Spuckdistanz zur legendären Münchner Lach- und Schießgesellschaft, ist die Adresse des nicht minder legendären Münchner Theaters am Sozialamt, kurz TamS, das jetzt unglaubliche 50 Jahre alt wird. Polt ist selbst auch dort aufgetreten, dazu über die Jahre so großartige Bühnenkünstler wie Jörg Hube, Otto Grünmandl und Gerd Lohmeyer, Ulrike Arnold, Maria Peschek, Sophie Wendt und viele, viele mehr – vor allem natürlich auch der bereits 1987 verstorbene Gründer Philipp Arp und, bis heute dabei, Gründerin Anette Spola.

Christoph Leibold hat mit Anette Spola und ihrem Co-Theaterleiter Lorenz Seib über 50 Jahre TamS gesprochen.

Christoph Leibold: Die eingangs zitierten Worte von Gerhard Polt sind seinem Grußwort aus dem Buch "TamS Theater 50" entnommen. Daneben schreiben Sie, Frau Spola, in ihrem Vorwort, das Buch erzähle die Geschichte eines querulanten Hinterhoftheaters. Worin liegt Ihr Querulantentum?

Anette Spola: In den Überraschungen, die das Theater immer wieder bereithält. Für die Zuschauer ist es auf keinen Fall so, dass man sich bei uns reinsetzen und konsumieren kann. Das lassen wir nicht zu.

Ist es leichter oder schwerer geworden über die Jahre, Querulant zu sein, sich gegen den Mainstream zu stellen?

AS: Man hat mehr Erfahrung.

Und die Zeit? Die ändert sich ja auch. Jede Zeit fordert andere Widerstände.

AS: Ich sehe mich nur im Widerstand.

Gibt es so etwas wie ein Alleinstellungsmerkmal? Liegt es in dem, was Frau Spola beschrieben hat, Herr Seib, was das TamS-Theater im Konzert der Münchner Bühnen – der öffentlich subventionierten, wie der Off-Bühnen – heraushebt?

Lorenz Seib: Eine Widerständigkeit gehört da bestimmt dazu – und die vor allem immer kombiniert mit Humor, nie verbissen oder nie bissig, sondern eigentlich immer mit einem hintersinnigen Zwinkern.

Es gibt also so etwas wie eine DNA des Hauses, die unveränderlich ist?

AS: Das wurde schon in der Gründung mit reingegeben…

…wahrscheinlich auch durch Philipp Arp als Begründer, mit seinem spinnerten, versponnenen Humor, der oft als einzig legitimer Nachfolger von Karl Valentin bezeichnet wurde.

AS: Er hat eben die Texte für uns beide geschrieben. Und es war auch ein Riesenerfolg, auch über seine Persönlichkeit als Schauspieler. Da hat sich ein ganz eigener Spielstil entwickelt, und der hat sich schon verändert. Aber ich muss sagen: Auch, was jetzt passiert, mit Lorenz, das finde ich sehr, sehr gut. Es ist eine Entwicklung seit damals, weil das ganze Ensemble, fast mehr noch als bei uns damals, mit eingebunden ist. Die Stücke entstehen mit allen, muss man sagen.

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"Wir sind immer im Widerstand!": TamS-Gründerin und -Leiterin Anette Spola

Wenn man im Jubiläumsbuch blättert, gibt's viele, viele Fotos. Da sieht man Sie und Philipp Arp. Man sieht auch Philipp Arp und Jörg Hube als "Stan und Ollie in Deutschland" im unvergessenen Urs-Widmer-Stück. Man sieht Sie und Maria Peschek als Clowns Charlie und Beppi. Man sieht Bühnenbilder des ebenfalls viel zu früh verstorbenen Eberhard Kürn und, und, und… Werden Sie beim Blättern nostalgisch?

AS: Ja, schon. Aber ich liebe es auf der anderen Seite auch. Es ist ja berührende Erinnerung. Aber mir ist wichtig, einfach gegenwärtig zu sein und in die Zukunft zu schauen.

Die Fachzeitschrift "Theater heute" hat das TamS mal als "Oase des Zeitgeistlosen" bezeichnet. Wie geht es zusammen, dieses Auf-der-Höhe-der-Gegenwart-Sein und vielleicht doch auch überzeitlich zu sein?

LS: Ich glaube, dass man beides gleichzeitig sein kann. Ich glaube, man kann sehr in der Zeit sein und trotzdem etwas Zeitloses hervorbringen. Ich glaube tatsächlich auch, dass sich das nicht widerspricht. Was wir versuchen, ist ja auch, wenn wir uns mit Texten beschäftigen, dass man eben immer etwas Allgemeingültiges darin findet, was dann zeitlos ist, und trotzdem dafür eine moderne Form zu finden und die auch immer weiterzuentwickeln. Ich glaube, das ist schon auch ein ganz wesentliches Merkmal des TamS, dass sich das TamS immer weiterentwickelt hat, und dass es vielleicht so etwas gibt, wie Sie es vorhin genannt haben: eine DNA des TamS, das trotzdem nie stehen geblieben ist.

Wo das TamS nicht nur auf der Höhe der Zeit war, sondern wahrscheinlich die Nase vorn hatte vor vielen anderen Theatern, das ist beim Thema Inklusion. Vor einigen Jahren schon haben Sie das regelmäßige Festival "Grenzgänger" gestartet für Künstlerinnen und Künstler mit Behinderung. Da hatten andere das Thema noch gar nicht auf dem Schirm. Wieso war Ihnen das so ein besonderes Anliegen?

AS: Ich hatte schon mit Rudolf Vogel eine Gruppe über zehn Jahre gemacht mit Patienten und Ärzten, die zusammen Theater gespielt habe. Das war für mich ein ganz großes Erlebnis – welche Begabungen sich da herauskristallisiert haben von den Leuten. Eine vollkommen unverstellte Schauspielerei. Und daraus ist das dann eben weiter gewachsen, wie es eben so ist bei uns, dass sich eins aus dem anderen ergibt. So kamen dann die "Grenzgänger" dazu.

Ein Wort noch zum Theatergebäude. Das TamS ist in einem ehemaligen Brausebad daheim. Das ist kein genuiner Theaterraum. Haben Sie die Räumlichkeiten manchmal auch verflucht? Und wieso muss man sie trotzdem liebhaben?

AS: Nein, ich habe sie nie verflucht. Das war das Schwabinger Tröpferl-Bad. Manchmal kommen noch Leute, sehr alte, die erzählen: "Mein Vater hat hier noch geduscht." Das finde ich so großartig, wenn die da reinkommen, und es ist ein Theater geworden.

Und Sie sind rundum glücklich mit dem Gebäude?

AS: Ja, da ist so viel drin in dem Gebäude, natürlich auch diese 50 Jahre stecken drin. Und wer da alles da war! Und wer noch da ist und wer noch kommen wird!

Am 27. Januar, auf den Tag genau 50 Jahre nach der ersten TamS-Premiere, feiert die Jubiläums-Produktion Premiere. Titel: "Trotz des großen Erfolges. Eine Revue des Scheiterns". Ich denke da sofort an Beckett: "Wieder scheitern, besser scheitern!" Beckett war ein großer Valentin-Verehrer, wie Philip Arp. Da schließt sich ein Kreis.

LS: Über das Scheitern schließt sich bestimmt ein Kreis. Uns geht es vor allem darum, mit Lust zu scheitern. Sich dem hinzugeben und sich dem auszuliefern.

Was wünschen Sie sich zum 50. TamS-Geburtstag?

AS: Da wünsche ich mir, dass die Stadt München uns auch mal so anerkennt, wie wir meinen, dass das Theater wirkt in der Stadt. Das heißt, dass wir nicht nur etwas mehr Geld bekommen müssten, sondern dass wir auch eine Sicherheit haben, nicht nur für ein, zwei, drei Jahre Subvention zugeteilt zu bekommen, sondern dass die Stadt München einfach sagt: "Dieses Theater gehört zu uns dazu!"

Damit Sie nicht jedes Mal wieder neu um ihre Berechtigung kämpfen müssen.

AS: Genau.

Das Jubiläums-Buch "TamS Theater 50" erscheint am 13.1.2020 im Athena Verlag und kostet € 24.00. Am Samstag, den 11.1.2020, um 11.00 Uhr findet im Münchner Wirtshaus im Fraunhofer eine Buchpräsentation statt.

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