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© BR/Arnold Dreyblatt
Bildrechte: BR/Sandra Demmelhuber

Am 10. Mai 1933 wurden von den Nationalsozialisten in ganz Deutschland von Bücher verbrannt – auch in München. Ein Denkmal am Königsplatz erinnert ab heute daran. Eine Scheibe der Störung und Mahnung.

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Scheibe der Störung: Denkmal zur Bücherverbrennung in München

Am 10. Mai 1933 wurden von den Nationalsozialisten in ganz Deutschland Bücher verbrannt – auch in München. Ein Denkmal am Königsplatz erinnert ab heute daran. Eine Scheibe der Störung und Mahnung.

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Von
  • Niels Beintker

Normalerweise sind Bibliothekare Anwälte der Erinnerung. Im Fall von Wolfgang Herrmann ist das ganz anders. Er erstellte in den ersten Monaten des Jahres 1933 eine "schwarze Liste" der Autorinnen und Autoren, deren Bücher, im Zuge des Ausbaus der nationalsozialistischen Diktatur, aus Bibliotheken und Buchhandel aussortiert und vernichtet werden sollten. Die Aufstellung – penibel und akkurat – diente der Deutschen Studentenschaft als Grundlage für die Bücherverbrennung. Der amerikanische Künstler Arnold Dreyblatt zitiert sie wiederum in seinem Entwurf für das Münchner Mahnmal zur Erinnerung an den barbarischen Akt. Es trägt den Titel "Die schwarze Liste": "Hier merkt man, wie pervers das ist, dass ein Bibliothekar eine solche Liste zusammenstellt. Wir wissen nicht, welche Bücher wirklich an diesem Platz verbrannt worden sind. Aber es ist die einzige Liste, die noch bleibt. Und da habe ich mich entschieden, die letzten Bücher vor und inklusive 33 auszuwählen."

Textspirale und Metaphorik des Feuers

Arnold Dreyblatt, geboren in New York, seit den 80er-Jahren in Berlin lebend, hat Bücher von insgesamt 310 Autorinnen und Autoren ausgewählt. Die Worte, die auf den Umschlägen und Einbänden standen, sind in eine große runde Scheibe aus hellem Beton eingelassen und in einer Spirale angeordnet, zusammen fast 10.000 Zeichen, ohne Punkt und Komma. Die Idee zu dieser durchgehenden Reihung entstand beim Experimentieren am Computer, erzählt Dreyblatt. Die Idee der Spirale wiederum folgt den wenigen historischen Aufnahmen von der Bücherverbrennung und soll den Rauch über den Flammen symbolisieren. Die Metaphorik des Feuers lässt sich fortsetzen: Die Betonscheibe vor der Antikensammlung am Münchner Königsplatz – zu ebener Erde liegend, Durchmesser: acht Meter – erinnert in Form und Helligkeit an eine erloschene Feuerstelle, an die Asche, die geblieben ist. Aber, sagt Arnold Dreyblatt, die Bücher sind noch da: "Sie stehen in den Bibliotheken und werden wieder gelesen. Hier gibt es die Möglichkeit, diese Aussagen in der Luft, in der Helligkeit, an einem sehr prominenten Platz lebendig zu machen, ein Publikum für sie zu finden."

© Arnold Dreyblatt
Bildrechte: Arnold Dreyblatt

Mahnmal zur Erinnerung an die Bücherverbrennung am Königsplatz

In seinem Werk hat sich Arnold Dreyblatt – Medienkünstler und Komponist – immer wieder mit dem Spannungsfeld von Text und Erinnerung beschäftigt. Er entwarf Text-Installationen für die Gedenkstätte im einstigen Konzentrationslager Ravensbrück, eine Arbeit in der Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen kontrastiert – auf großen Tafeln – Aussagen von Häftlingen der Staatssicherheit mit denen ihrer Bewacher. Arnold Dreyblatt sagt, es sei ihm wichtig, aus bestehenden Texten (aus dem Material der Archive) neue Zusammenhänge entstehen zu lassen. Diejenigen, die seiner Kunst folgen, sind Teil dieser Suche. Für das Mahnmal in München heißt das: wir sollen nicht am Rand der Scheibe stehen bleiben. Wir sollen über sie gehen, lesen, entdecken, entschlüsseln. Dreyblatt ist die Interaktion mit dem Denkmal wichtig: "Sonst kann man nur die Buchstaben und Originaltitel am Außenrand und in der Nähe lesen. Vielleicht wird es Hemmungen geben, darüber zu gehen. Aber es ist, glaube ich, sehr wichtig, dass man darauf steht. Man ist hier an dem Punkt, wo es passiert ist. Und man fängt an, wieder neu zu lesen."

Scheibe der Störung

Das Mahnmal zur Erinnerung an die Bücherverbrennung in München fügt sich in Form und Farbe geschickt in das Ensemble am Königsplatz ein. Zugleich, und das ist das Spannende, bewirkt die markante Scheibe eine Störung. Genau das ist beabsichtigt an dem Ort, von dem angenommen wird, dass genau hier vor nun 88 Jahren die erste Bücherverbrennung in München stattfand. Wer sich darüber aufregt und die Nähe zur klassizistischen Architektur beklagt, sollte in Richtung Osten schauen, zu den NS-Bauten. Die Störung an diesem Ort ist längst da. Das sensible, vielschichtige Mahnmal, das Arnold Dreyblatt entworfen hat, macht das einmal mehr deutlich.

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