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Das leistet sich nur München: Richtfest für Gasteig-"Interim" | BR24

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Für rund 100 Millionen Euro wird im Süden Münchens ein Ausweichquartier für das größte Kulturzentrum der Stadt gebaut, den sanierungsbedürftigen Gasteig. Zum Richtfest witzelte OB Dieter Reiter über die vergleichsweise aufwändige Interimslösung.

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Das leistet sich nur München: Richtfest für Gasteig-"Interim"

Für rund 100 Millionen Euro wird im Süden Münchens ein Ausweichquartier für das größte Kulturzentrum der Stadt gebaut, den sanierungsbedürftigen Gasteig. Zum Richtfest witzelte OB Dieter Reiter über die vergleichsweise aufwändige Interimslösung.

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Blasmusik vermischt mit Baulärm, schlammige Schuhe, schwere Eisenteile rundherum und mittendrin ein Tisch mit alkoholfreien Getränken und gelben Helmen für die vergleichsweise wenigen Gäste: In der Pandemie sind natürlich auch Richtfeste nicht mehr das, was sie mal waren. Seit Anfang 2019 wird im Süden der Münchner Innenstadt eine Ausweichstätte für das größte Kulturzentrum der Stadt errichtet, den Gasteig, der schwer sanierungsbedürftig ist und umfassend modernisiert werden soll. Ein Urheberrechts-Streit mit den Architekten des Ursprungsbaus wurde im Sommer beigelegt, so dass dem Projekt, das rund 450 Millionen Euro kosten und achtzig Prozent der Bausubstanz erhalten soll, nichts mehr im Weg steht.

"In München ist halt alles anders"

Damit die Philharmonie, die Volkshochschule und die Stadtbibliothek während der jahrelangen Renovierung und Erweiterung des Stammquartiers eine Unterkunft haben, entsteht in Sendling, im Süden der Innenstadt, direkt an der Isar ein Neubau – der so monumental wirkt und übrigens auch so teuer ist, dass OB Dieter Reiter sich hörbar schwer tut, von einem "Interim", also einer Zwischenlösung zu sprechen: "Also, ich weiß nicht, wie es Ihnen geht: So richtig nach 'Interim' schaut das nicht aus. Aber wir sind halt hier in München, da ist alles ein bisschen anders. Ich glaube, es gibt keine andere Stadt, in der bei so einem Richtfest mit diesem Hintergrund jemand davon ausgehen würde, dass das nur eine Zwischenlösung ist. Ich glaube, alle anderen Städte in unserer geschätzten Bundesrepublik würden das eher für die finale Lösung halten. Nein, nicht so in München – bei uns sind Zwischenlösungen eben auch etwas Herausragendes."

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Festgäste im künftigen Philharmonie-Saal

In einem Jahr, im Oktober 2021 soll im Neubau das erste Konzert stattfinden. Noch ist gerade mal die Außenhülle aus Beton hochgezogen, entsteht das Dach aus massiven Eisenstangen. Da wurde vereinzelt gelacht, angesichts des ehrgeizigen Zeitplans und der Erfahrungen mit ähnlichen Großprojekten. Aber angeblich steht der Terminplan: Gasteig-Chef Max Wagner: "Heute ist ein emotionaler, ein freudiger Tag für uns. Trotz der Corona-Pandemie sind wir mit allen baulichen Maßnahmen in der Zeit und in den Kosten. Für mich grenzt es immer noch an ein Wunder, dass alles so reibungslos abgelaufen ist. Ein längerer und zum Teil auch steiniger Weg liegt hinter uns."

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Repräsentatives Quartier: Künftige Philharmonie

Kein Geringerer als der japanische Meister-Akustiker Yasuhisa Toyota soll für den richtigen Sound im neuen Saal sorgen, in dem viel Holz verbaut wird. Ob derart anspruchsvolle Technik sich wirklich in den kommenden zwölf Monaten fertigstellen lässt, sei dahingestellt. OB Dieter Reiter gab jedenfalls ein Bekenntnis zur Kultur gab, das in der Pandemie viele existentiell gebeutelte Kulturschaffende gern hören werden: "Ich glaube, es ist wichtig in seiner solchen Krise, von der wir alle nicht wissen, wie lange sie noch dauert, auch Zeichen zu setzen, dass Kultur der Klebstoff der Gesellschaft ist. Ich glaube, wir in München können das auch hart wirtschaftlich begründen. Für uns ist Kultur, unser reichhaltiges Angebot, ein ganz harter Standortfaktor, also rein wirtschaftlich gesprochen. Aber Kultur ist natürlich für uns noch mehr, nämlich Teil des Charmes unserer Stadt."

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Münchens OB Dieter Reiter hämmert los

Was das repräsentative Ausweichquartier mal kosten wird, ist noch völlig offen. Nur eines steht auch für Reiter fest, bei der mal berechneten Ausgangssumme wird es keinesfalls bleiben: "Mir hat jemand aufgeschrieben, sechzig Millionen Euro, das würde ich sofort kaufen, aber ich glaube, das ist nur ein Teil der Wahrheit, wenn man mal ganz offen sein darf. Wenn wir mit dem Doppelten zurecht kommen, bis alles fertig ist, unterschreibe ich sofort. Aber wir wollen ja heute nicht über Geld reden, es soll ja ein angenehmer Anlass sein." Die Aufgabe des Projekts habe jedenfalls trotz des Sparzwangs durch die wegbrechenden Steuer-Einnahmen nie zur Diskussion gestanden. München strich lieber andere Vorhaben, wie ein geplantes "Forum für Humor und Komische Kunst".

"Langsames Nageln" verlangt

Reiter und die übrigen Verantwortlichen durften übrigens Nägel in einen der massiven Holzblöcke schlagen, die auch beim Bau verwendet werden. Das hatte etwas vom Wiesn-Anstich - allerdings verlangten die Fotografen ausdrücklich "langsames Nageln". Wie das gehen soll, das war selbst den Politikern schleierhaft.

Die Bauarbeiter übrigens feiern zu einem späteren Zeitpunkt Richtfest, dann hoffentlich auch bei angenehmerem Wetter: Zwar war es trocken, doch bis kurz vor Beginn der Veranstaltung nieselte es. Aber zu Trübsinn hat das quirlige München ja ganzjährig überhaupt keine Neigung.

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