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Wie Künstler*innen in Nürnberg den NSU-Komplex aufrollen | BR24

© Bayern 2

Der NSU-Prozess ist abgeschlossen. Doch viele Fragen sind offen und Zweifel an unserem Rechtsstaat geblieben. Im Nürnberger Kunsthaus setzen sich Künstler*innen mit dem verworrenen Komplex auseinander.

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Wie Künstler*innen in Nürnberg den NSU-Komplex aufrollen

Der NSU-Prozess ist abgeschlossen. Doch viele Fragen sind offen und Zweifel an unserem Rechtsstaat geblieben. Im Nürnberger Kunsthaus setzen sich Künstler*innen mit dem verworrenen Komplex auseinander.

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In Nürnberg explodierte 1999 in einer Gaststätte eine Rohrbombe, mit Glück überlebte der türkisch-stämmige Besitzer leicht verletzt. Es folgten tödliche Anschläge in Köln, Kassel, München, Kassel, Dortmund, Rostock, Heilbronn und Hamburg – und noch dreimal in Nürnberg, die Opfer hatten allesamt einen Migrationshintergrund. Lange wurde der rechtsextreme Hintergrund der Taten nicht wahrgenommen und auch nach dem Ende des Prozesses gegen die Hauptverdächtigen des NSU bleiben viele Zweifel und Fragen. Warum wurde der rechte Terrorismus in Deutschland so lange nicht ernst genommen? Warum reagiert die deutsche Öffentlichkeit derart verhalten auf die Taten – und das Ergebnis des Prozesses? Welche Rolle spiel(t)en Verfassungsschützer bei den Verbrechen und ihrer immer noch unbefriedigenden Aufklärung? Die Nürnberger Ausstellung "Das Labyrinth" zeigt jetzt, wie Künstler*innen diese Fragen und Zweifel angehen und in ihren Werken wachhalten.

Nürnberg ist nicht zufällig die Stadt, in der eine Ausstellung den ganzen NSU-Komplex noch einmal von verschiedenen Seiten beleuchtet: Hier gab es die meisten NSU-Opfer (Enver Şimşek, ermordet am 11. September 2000, Abdurrahim Özüdoğru am 13. Juni 2001 und İsmail Yaşar am 9. Juni 2005) und hier wird deutlicher als sonst in der Republik, dass die Verbrechen des NSU bei rechtsterroristischen Morden und Aktivitäten nur die erschütternde Spitze des Eisbergs ausmachen. Mit dieser erschreckenden Einsicht startet die Ausstellung: mit einer Tafel, die von 1990 bis in die Gegenwart reicht, auf der die Todesopfer durch rechten Terror verzeichnet sind. "Und das sind immerhin über 180 Menschen, die ihr Leben verloren haben. Die NSU-Morde sind natürlich nur ein kleiner Teil, aber ein sehr wesentlicher und exemplarischer Teil", sagt Matthias Dachwald, der Kurator der Nürnberger Ausstellung "Das Labyrinth".

© Regina Schmeken

Regina Schmeken: Enver Simsek (38), 09.09.2000, Nürnberg Liegnitzer Straße

Die Topografie der rechten Gewalt

Die Fotografin Regina Schmeken gehört zu den Künstler*innen, die sich den NSU-Verbrechen auf ästhetischem Weg nähern – ohne auch nur im geringsten die Gewalt zu verharmlosen. Ihre Arbeit "Blutiger Boden" zeigt in einem durchlaufenden Fries die Tatorte der NSU-Morde auf großformatigen Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Auf den Fotos ist nichts von den Morden mehr zu entdecken, nur die Bildtitel verraten, dass es sich um die Tatorte handelt. Reflexion und Anteilnahme ist gefragt: Die Betrachter*innen müssen sich selbst zu den Orten aufmachen, um dem Verbrechen auf die Spur zu kommen.

Einen ganz anderen Weg schlägt die Malerin Katharina Kohl ein: Sie hat Zeugen, Ermittler und Betroffene aus dem NSU-Prozess aquarelliert. Sie ist "eine Künstlerin, die sehr betroffen war von den Geschehnissen ab 2011, als die deutsche Gesellschaft mit diesem NSU konfrontiert worden ist. Und sie hat angefangen, den Untersuchungsausschuss aufzuarbeiten. Sie hat sich den Menschen, die eine tragende Rolle bei der Aufklärung der Machenschaften um den NSU spielen sollten, zu nähern versucht. Und sie hat das getan, indem sie diese Menschen porträtiert hat, sie hat versucht, sozusagen über das Malen von so jemanden in dem Gesicht zu dessen Charakter zu kommen", sagt Matthias Dachwald.

Forensic Architecture analysiert digital die Tatorte

Eine Gruppe von Wissenschaftler*innen von der Londoner Goldsmith Universität machen mit ihren forensischen Analysen von Tatorten der ermittelnden Staatsanwaltschaft Konkurrenz. Das Londoner Institut "Forensic Architecture" hat mit seiner Methode, die Tatorte nachzubauen um den Tathergang zu verstehen, wesentlich dazu beigetragen, den Mord an Halit Yozgat zu analysieren, der in seinem Internetcafé in Kassel unter Anwesenheit eines Verfassungsschützers ermordet wurde.

© Forensic_Architecture

Detailansicht aus dem Video von Forensic Architecture und Dr. Salvador Navarro-Martinez

"Da wird mit forensischen Methoden der modernsten Technologie digital der Tatort in Kassel nachgestellt und mit allen Daten gefüttert, die es zu diesem Mordanschlag gab", erklärt Kurator Dachwald. "Und dann wird das rekonstruiert. Sie machen das sehr geschickt, das ist eine Videoinstallation von etwa 20 Minuten, wo wirklich präzise aufgearbeitet wird, was Minute für Minute in diesem Internetcafé möglicherweise geschehen ist. Jetzt ist Forensic Architecture nicht jemand, der sagt 'und so genau war es', sondern 'die Fakten führen da hin'. Forensic Architecture ist von konservativen Politikern sehr stark angegriffen worden. Das sei nicht wissenschaftlich, das sei künstlerisch. Aber wenn man sich die Arbeit macht, das anzusehen, dann muss man einfach sagen: Wenn sich die Aufklärungsorgane bei uns diese Mühe gemacht hätten, mit der gleichen Akribie ranzugehen, dann glaube ich, würden wir heute um einiges schlauer dastehen, was den Gesamtkomplex anbelangt."

"Das Labyrinth" des NSU-Komplex wird immer verworrener

"Das Labyrinth" sollte anfangs nur der Arbeitstitel der Nürnberger Schau sein, die lediglich ein Teil eines großen NSU-Aufarbeitungsprojekts ist – einer Kooperation mit dem Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände Nürnberg, dem Nuremberg International Human Rights Film Festival und dem Menschenrechtsbüro der Stadt Nürnberg. Da alle Kooperationspartner verschiedene Facetten des NSU-Komplexes beleuchten "dachten wir am Anfang eigentlich, aus dem Labyrinth würde mit der Zeit der Beschäftigung mehr Klarheit werden", sagt Kurator Dachwald. "Aber tatsächlich ist es so: Umso mehr man sich damit beschäftigt, umso verworrener wird dieses Labyrinth".

Die Ausstellung: "Das Labyrinth" wird heute Abend eröffnet und läuft bis 17. November im Kunsthaus im KunstKulturQuartier Nürnberg.

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