Lichtdurchflutet in schöner Landschaft: Kreiskrankenhaus Agatharied
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Kreiskrankenhaus Agatharied: Lichte gestaffelte Häuserreihe statt ein Block.

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"Das Kranke(n)haus": Beispiele heilsamer Architektur

Manches Krankenhaus ist ein krankes Haus. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass die Architektur von Kliniken Auswirkungen auf den Heilungsprozess hat. Eine Ausstellung im Architekturmuseum der Münchner Pinakothek zeigt heilsame Beispiele.

Über dieses Thema berichtet: Kulturjournal am .

Schon der erste Besuch auf dem Bauplatz in Hausham machte der Architektin klar, dass sie sich für den Ort was ganz besonderes einfallen lassen muss: "Wir haben den späteren Bauplatz besucht bei herrlichstem Wetter, der bayerische blaue Himmel mit den weißen Wölkchen, Kühe auf einer grünen, blühende Wiese (...) und gesagt: 'Da darf eigentlich kein Krankenhaus hin und wenn, dann muss es ein ganz anderes sein.'"

Ein Krankenhaus in angenehmer Atmosphäre

Ein ganz anderes ist es auch geworden.

Die Architektin Christine Nickl-Weller hat das Krankenhaus Agatharied mit ihrem Mann in den 1990er Jahren geplant, vor 25 Jahren wurde es fertigstellt. Eine leichte, lichtdurchflutete Anlage, die sich mit ihren gestaffelten Häusern geschmeidig in die Landschaft einfügt. Die Lärchenholzfassaden erinnern eher an Hotels und Freizeitanlagen im Alpenland als an ein Krankenhaus. Agatharied steht für das Gegenteil einer blockhaft-bedrohlichen Heilungsmaschine.

Hans Nickl erzählt, welche Überlegungen für ihn bei der Planung der Klinik im bayerischen Oberland maßgeblich waren: "Wenn man ein Krankenhaus besucht, hat man immer den Gedanken, kurz hinein und dann wieder raus, ja nicht drinbleiben. Da war immer der Geruch, dunkle Flure, unfreundliche Menschen, zwangsläufig, wenn ich eingepfercht bin, bin ich unfreundlich, der Geruch war unerträglich (...) So nicht, es muss anders gehen."

Integration aus Funktion und Gestaltung

Die menschlichen Sinne in einer angenehmen Weise stimulieren und damit für alle - Patientinnen und Patienten, Besucher und Personal - eine angenehme und gesunde Atmosphäre schaffen. Und das heißt für Hans Nickl vor allem: für natürliches Licht, für frische Luft sorgen, also genügend Fenster einplanen und für einen Bezug nach außen sorgen.

Was heute wie von selbst gefügt, als ein großer Wurf und wie aus einem Guss wirkt, zeigte in der Planung seine Tücken. Mehrere Anläufe waren nötig, mehrere Überarbeitungen des ersten Entwurfs. Der Haupteinwand: zu lange Wegstrecken zwischen den einzelnen Häusern. Diese wurden in einem späteren Entwurf sinnvoll genutzt, weil durch praktische Zwischenstationen, etwa Räume für Umkleiden und Bettenreinigung unterbrochen.

Wohltuende Elemente in der Architektur

Das Kreiskrankenhaus Agatharied - ein Bau, der auf intuitive Weise Elemente einer heilsamen Architektur berücksichtigt: einfache Orientierung durch den ständigen Bezug nach draußen und Proportionen, die sich am menschlichen Maß orientieren und damit ein Gegenmodell liefern zu den bedrohlich wirkenden, allein dem Effizienzgedanken unterworfenen Hochleistungsmaschinen aus den 1960er und 1970er Jahren.

Das Architektenpaar Christine Nickl-Weller und Hans Nickl hat sich mit seinem Team auf internationale Gesundheitsbauten - vor allem auch im großen und sehr großen Maßstab - spezialisiert, darunter auch Gesundheitskonzepte in Asien und Universitätskliniken in China. Wenn man sie nach ihren Anfängen fragt, bekennen beide, dass in den 1990er Jahren in Deutschland nichts von jenen Studien bekannt war, wie sie in den USA bereits in den 1980er Jahren durchgeführt wurden: Einer der wichtigsten Wegbereiter der Healing Architecture war Roger Ulrich, der 1984 eine maßgebliche Studie veröffentlichte.

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Isala Meppel Krankenhaus in den Niederlanden

Heilsam: Blick in die Natur

Ulrich hatte zwei Patientengruppen untersucht. Eine Gruppe konnte von ihrem Krankenzimmer aus auf einen Park und Natur blicken, die andere auf Betonfassaden der Nachbargebäude. Er konnte nachweisen, dass allein der angenehmere Blick aus einem Zimmer nach draußen das Schmerzempfinden verringerte, die Dosis der Medikamente senken ließ und den gesamten Heilungsprozess verkürzte. Die Folge: Sogar Einsparungen im Budget waren möglich, denn Patienten konnten im Schnitt einen Tag eher entlassen werden. Mittlerweile ist die Forschung weiter, detaillierter und vor allem auch in Deutschland angekommen.

Tanja Vollmer, Architekturpsychologin mit einer Gastprofessur an der TU München, ist Expertin für evidenzbasiertes Design, also für ein Entwerfen, das sich nach in Studien gewonnenen Erkenntnissen richtet. Sie führte zwischen 2010 und 2019 in Rotterdam und an den Kliniken der LMU München Studien zu heilungsfördernden Elementen der Architektur durch. Diese basierten zum einen auf Befragungen von Patientinnen, zum anderen auf der Messung verschiedener körperlicher Reaktionen wie Hautwiderstand und Herzfrequenz.

Sieben Stressfaktoren

Vollmer hat an Brustkrebs erkrankte Frauen und ihre gesunden Partner begleitet, den Stress gemessen in einzelnen Zonen des Krankenhauses: in der Aufnahme, an den Empfangsrezeptionen, in den Warteräumen, in den großen Therapiesälen, in den Chemotherapie-Räumen, wo der Stress sowieso schon am höchsten ist, weil man dort konfrontiert ist mit der lebensbedrohlichen Erkrankung. "Wir haben diesen Stress, den wir gemessen haben, in Relation zu einzelnen Entwurfskriterien gesetzt", so Vollmer.

Dabei sei sie zu dem Ergebnis gekommen, dass insgesamt sieben Faktoren das Stresslevel der Patientinnen maßgeblich beeinflussen: "Diese sieben Faktoren sind: die Orientierung, wie gut funktioniert die Orientierung, die Geruchskulisse, die Geräuschkulisse, Aussicht und Weitsicht, Rückzug und Privatheit, das menschliche Maß und das letzte ist, was wir Powerpoints nennen. Das sind Kraftpunkte, Haltepunkte, die in einem Krankenhaus architektonisch entstehen, damit Patienten auch mal kurz eine Pause machen können - in diesem Riesenprojekt, das sie vor sich haben."

Der "Antiwarteraum" - Antikörper gegen Angst

Auf diesen Elementen beruht auch ihr jüngstes Projekt: Aufenthaltszonen im Kinder- und Jugendklinikum Freiburg, das kommendes Jahr eröffnet werden soll. Tanja Vollmer entwickelte dort für Kinder und ihre Eltern auch einen so genannten Antiwarteraum. Dieser soll, erklärt Vollmer, zweierlei sein: "ein Antikörper sein gegen die Angst. Wenn die Kinder abgelenkt sind, dann haben sie weniger Angst. Wir haben in dem Warteraum zum Beispiel einen Flüsterbaum, der flüstert ständig den Kindern kleine Geschichten zu, so dass sie neugierig werden, sich dahin bewegen und hören und sehen, satt zu warten."

Der Antiwarteraum besteht aus mehreren, ganz unterschiedlichen Häuschen, die entlang einer Spielstraße liegen. Wenn die Kinder auf die Station kommen, fällt der erste Blick auf eine Spielwelt mit vertrauten Elementen und nicht auf kühle, hallende Flure. Der Idee mit dem Antiwarteraum ging ein Gespräch mit den Medizinerinnen und Medizinern voraus. Die Architekturpsychologin erklärt: "Wir starten immer mit der Anhörung des Versorgungskonzepts. Wir wären nie auf einen Antiwarteraum gekommen, wenn wir nicht Medizinerinnen und Medizinern gut zugehört hätten, was beim Warten passiert, und wie die Kinder später leiden, wenn sie unter Anspannung eine Spritze oder Impfung kriegen oder untersucht werden."

In Skandinavien ist Architekturpsychologie Standard

In den Niederlanden und skandinavischen Ländern gibt es seit Jahrzehnten eigene Lehrstühle für Architekturpsychologie. Noch ist dieses Fach an deutschen Universitäten kein eigenes Forschungsgebiet, was Tanja Vollmer bedauert. Christine Nickl-Weller hatte von 2004 bis 2018 eine Professur an der TU Berlin mit dem Schwerpunkt "Entwurfsstrategien im Krankenhausbau und Gesundheitswesen", in der auch heilungsfördernde Aspekte eine Rolle spielten, doch derzeit ist diese Professur unbesetzt. Dabei sei das Interesse der Studierenden an sozialen Themen und solchen Themen, die eben genau auf die Bedürfnisse von Menschen abzielen, groß, wie Lisa Luksch, Architektin und Kuratorin der Ausstellung "Das Kranke(n)haus" in der Pinakothek der Moderne, sagt.

Derweil behelfen sich Krankenhaus-Architekten wie Christine Nickl-Weller und Hans Nickl mit eigenen Beobachtungen und Erfahrungen und stellen fest, wie wichtig bauliche Elemente sind, die im Blickfeld von Gesunden kaum wahrgenommen werden: Wie wichtig etwa die Zimmerdecken und die Flurbeleuchtung etc. sind. "Ich liege auf dem Bett und werde zu einem Therapieraum gefahren und schaue immer nach oben - und was habe ich da? Luftauslässe, Leuchten, die kreuz und quer sind, es ist keine Ordnung, keine klare Lichtführung. Und dann ist es wichtig, wie das Licht einfällt. Werde ich geblendet, erschrecke ich jedes Mal, wenn ich weitergeschoben werde?", so Hans Nickl.

Besserung durch die Krankenhaus-Reform?

Gesundheitsminister Karl Lauterbach, der die Schirmherrschaft der Ausstellung in der Pinakothek der Moderne übernommen hat, will die Krankenhauslandschaft umfassend reformieren. Die beiden Krankenhaus-Architekten stehen seinen Plänen zwiespältig gegenüber: "Ich glaube, da müssen wir einen Blick über die Grenzen nach Dänemark werfen - als Protobeispiel. Die haben eine politische Reform durchgeführt. Nur durch diese politische Reform, dass Landkreise zusammengelegt werden und so weiter hat sich die Möglichkeit ergeben, neue Krankenhausstrukturen zu entwickeln. Sehr rationelle und was wir immer wieder predigen: Ich brauche exzellente Krankenhäuser, Universitätskliniken, die sind verantwortlich für die Exzellenzmedizin, die haben wir. Dann muss es Schwerpunktkrankenhäuser geben, die dem zugeordnet sind. Dann muss ich Satelliten haben, kleinere leistungsfähige Häuser, die gestreut und ortsnah sind. Wenn ich dieses System einsetze, bin ich für die Krankenhausversorgung optimal vorbereitet. Wir haben das leider nicht."

Tanja Vollmers Anliegen an Gesundheitsminister Lauterbach wäre, dass er den Kreis derer, die ihn jetzt beraten und über die Reform nachdenken, "erweitert um die Architektur, weil die ist nachher die Disziplin, die all die Reformgedanken beherbergen wird und nachhaltig auf die Menschen wirkt".

Luftaufnahme eines kleeblattförmigen Gebäudes
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Wenn Architektur beim Heilen hilft

Die Ausstellung "Das Kranke(n)haus. Wie Architektur heilen hilft" ist bis 21.1.2024 Im Architekturmuseum in der Pinakothek der Moderne zu sehen

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog auf deutscher und englischer Sprache: Das Kranke(n)haus. Wie Architektur heilen hilft, Tanja C. Vollmer, Andres Lepik und Lisa Luksch (Hrsg.)