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"Das kann uns niemand wieder nehmen!" | BR24

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Zu Gast in der Villa Waldberta: Die weißrussische Lyrikerin Volha Hapeyeva

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"Das kann uns niemand wieder nehmen!"

In Belarus fürchtete sie politische Verfolgung. Glücklicherweise kam die Lyrikerin Volha Hapeyeva kurzfristig in der Villa Waldberta bei München unter. Trotz der Distanz zu den Protesten in Minsk, spürt sie die Solidarität unter den Demonstranten.

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In einem ihrer Gedichte sinniert Volha Hapeyva über die Einsamkeit des Schnees.

"ich fahre dorthin wo schnee geboren wird/ tag für tag/ wo er die unvollkommenheit des seins verbirgt"

Schnee taucht oft auf in den Gedichten der 1982 in Minsk geborenen Lyrikerin. Er zeichnet die Prosa der Verhältnisse weicher, gibt sogar den, wenn auch eisigen, Liebhaber. Einsamkeit ist denn auch ein weiteres großes Thema dieser ernsten, auf inwendige Konzentration zielenden Gedichte, die ganz ohne Pathos auskommen.

Politisierung einer Unpolitischen

Bis vor wenigen Jahren scherten sich die Verse von Volha Hapeyeva nicht um Politik. Sie gingen in Wahrnehmungen auf und in der Sprache. Aber die gewaltsamen Auseinandersetzungen im Osten der Ukraine brachten eine Wendung. "Der Konflikt in der Ostukraine war ein Trigger für mich", erzählt die Dichterin. "Ich arbeite ja als Übersetzerin für die OSZE. Und die offiziellen Dokumente und Briefe von Menschen, die in Gefängnissen sitzen oder von Verwandten, die über Verschwundene klagen, haben mich überwältigt. Das Thema des Krieges und der Frage, wie Menschen mit tragischen Ereignissen umgehen, gehört seither auch zu meiner Poesie."

Überwältigt ist Volha Hapeyeva seit Wochen auch von den Protesten in Belarus. Den unbeugsamen Volksaufstand deutet sie aus psychoanalytischer Sicht als Versuch einer Befreiung aus Herrschaft und Unterdrückung. Eine Tragödie sei das, was in Belarus derzeit passiere. "Was wir jetzt erleben, ist ein Ausbruch. Man kann das mit einem Missbrauchsfall vergleichen, bei dem ein Patriarch den Partner oder Kinder missbraucht. Die Opfer können den Patriarchen nicht verlassen, weil es ihre wirtschaftliche Situation nicht erlaubt und viele verschiedene Gefühle mit hineinspielen. Man hat ihnen außerdem eingetrichtert, dass alles ganz normal sei. Jetzt haben die Menschen haben jedoch begriffen, dass es so nicht mehr weiter geht: Entweder man stirbt oder man steht auf für sich."

Trotz der Distanz, fehlt (noch) die Distanz

Bei den momentanen Demonstrationen geht es vor allem um Würde, und um Glaubwürdigkeit, auch sich selbst gegenüber. Daher halten die Proteste auch uneingeschränkt an; trotz Folter, Verhaftungen, Zwangsausweisungen und Drangsalierungen. Obwohl derzeit fern der Heimat, erlitt Volha Hapeyeva einen Nervenzusammenbruch angesichts der entfesselten Gewalt, mit der Polizei und Sicherheitstruppen auf wehrlose Protestierende losgingen und immer noch -gehen. Über Tage musste sie im Krankenhaus behandelt werden. All der Schmerz, sagt sie, sei auch in ihr. Die Seele – ein Sturm. Deshalb fehlt der Dichterin jetzt noch die klärende Distanz, um Gedichte über den Freiheitskampf zuhause zu schreiben.

Der Ausgang des Aufstands mag noch ungewiss sein, auch Putin hält die Strippen in der Hand. Aber schon jetzt sei klar, dass das Land ein anderes geworden ist. Sie habe erstaunt festgestellt, so Hapeyeva, wie viele Menschen ihre Überzeugungen teilten. "Und ich glaube, das ist für viele ein Schlüsselmoment. Wir waren davor ein bisschen atomisiert, denn die Menschen sprachen nicht viel und verbrachten viel Zeit zu Hause. Wir konnten uns nicht einmal vorstellen, dass diese Massen existieren, die uns unterstützen, die unsere Ideen und Überzeugungen teilen und unsere Nationalsymbole wieder haben wollen. Das ist beeindruckend und das kann uns niemand wieder nehmen."

Solidarität statt Vereinzelung

Es ist eine beseelende Solidarität, die im Taumel der belarussischen Proteste entstanden ist; und die die Kraft hat, die Gesellschaft zu verwandeln. Sicherlich auch die Dichtung.

Wer weiß, vielleicht schreibt Volha Hapeyeva in ihrem nächsten Gedichtband weniger über Einsamkeit.

Volha Hapeyevas aktueller Gedichtband "Mutantengarten" ist in der Edition Thanhäuser erschienen und kostet 24 Euro.

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