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Das Jahrhundertleben der Irena Veisaitė | BR24

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Ihre Mutter warnte sie vor Rachegefühlen, doch das scheint in ihrem Fall schwer, überlebte die litauische Autorin doch den Holocaust. Das Weinen hat sie dabei verlernt. Jetzt kämpft sie für die "Idee Europa" und legte eine Autobiografie vor.

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Das Jahrhundertleben der Irena Veisaitė

Sie war im Ghetto inhaftiert und überlebte den Holocaust: Irena Veisaitė blickt in dem Gesprächsband „Ein Jahrhundertleben in Litauen“ zurück. Als Jüdin, die dennoch eine Liebe zur deutschen Kultur entwickelte – und fest an die Idee Europa glaubt.

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"Im Ghetto war ich in einer Untergrundschule", sagt Irena Veisaitė, "und ich erinnere mich sehr gut an die Balladen von Schiller, die wir dort auswendig lernten. In der Zeit, wo alles so grausam war, da haben wir die Balladen für Treue, Freundschaft, Aufopferung gelesen, und das hat uns den Glauben an den Menschen gegeben, dass nicht alle so grausam sind."

91 Jahre alt ist die Germanistin heute, aber an die Zeit als jüdisches Mädchen allein im Ghetto von Kaunas erinnert sie sich genau: Wie sie als Dreizehnjährige hungerte und in der Flugzeugfabrik arbeitete. Wie viele Litauer 1941, nach polnischen, russischen Herrschern und sowjetischen Besatzern die Deutschen als Befreier begrüßten. Wie sie mit anderen die Leichenberge erschossener Russen begraben musste. Da war ihr Vater schon nach Brüssel emigriert und die Mutter ermordet, wie fast alle Verwandte beim Wüten der Deutschen in Litauen, bei den Deportationen und Massakern im Ghetto seit 1941.

"Nie Rache nehmen"

Irena Veisaitė floh aus der Arbeitsbrigade, überlebte mit falschen Papieren als Jüdin in einer katholischen Familie. Die Balladen Schillers und die Güte von Litauern, bei denen sie Zuflucht fand, halfen, ihr Weltvertrauen nicht ganz zu verlieren. Und die Worte der Mutter: "Von meiner Mutter ist mir doch schwer zu sprechen. Sie war ein ganz besonderer Mensch, voll Liebe und Güte. Als ich sie zum letzten Mal gesehen haben, da hat sie mir gesagt, dass ich leben soll, dass ich die Sachen verkaufen soll, die wir haben, dass ich selbständig bin, natürlich hat sie nicht geglaubt, dass sie nicht zurückkommt. Dann hat sie mir gesagt, ich soll immer mit der Wahrheit leben, Lügen haben kurze Beine, und das Wichtigste war, und ich bin ihr so dankbar dafür, sie hat mir gesagt, ich soll nie Rache nehmen, ja."

© Martin Schutt/dpa

Ausgezeichnet: Schiller-Gedichte in Untergrundschule

Mit ihrem Überlebenswillen, mit den Worten der Mutter gelang der Neuanfang nach dem Krieg. Aber mit einem Vater, der inzwischen in den USA lebte, stand Irena Veisaitė unter Verdacht. Sie wich nach Moskau aus, wo Stalin wie ein Gott verehrt wurde, widerstand allen Anwerbungsversuchen des sowjetischen Geheimdienstes, kam zurück nach Vilnius und wirkte als Pädagogin. Ein Leben mit den Traumata des 20. Jahrhunderts: "Und ich erinnere mich, als ich mit meinen jungen Studentinnen, den Film von Andrzej Wajda angesehen haben, über den Aufstand im Warschauer Ghetto, da haben die geweint und ich nicht. Das Schicksal der Helden im Film hat viel Ähnlichkeit mit meinem Schicksal. Da habe ich verstanden, dass ich einen Panzer habe."

Hier schrieb er im Tintinnabuli-Stil

"Ein Jahrhundertleben in Litauen", diese Autobiographie in dreizehn Gesprächen, zeigt Irena Veisaitė als Litauerin, als Jüdin, mit russischen Einflüssen und der Liebe zur deutschen Kultur. Als Moskauer Studentin verkehrte sie unter russischen Dissidenten. Mit ihrem zweiten Mann, dem Regisseur Grigori Kromanow, traf sie in Tallinn Arvo Pärt, der für ihren Mann einen Psalm schrieb und mit einer Komposition für Tochter Alina den Tintinnabuli-Stil fand. Die Bilder die er während des Komponierens zeichnete, hängen heute in Irena Veisaitės Wohnung in Vilnius. Sehr klein, mit schwarzem Haar und riesiger Brille steht sie da: "Das ist der Arbeitstisch von Arvo und das ist der Stuhl von Arvo, in dem er Tintinnabuli geschrieben hat." Gemeint ist damit der einfache, von mystischen Erfahrungen geprägte und an Kirchengesängen orientierte Stil des Komponisten.

Niemand im sowjetischen Litauen wollte etwas wissen vom Leid der Juden im Krieg. Erst jetzt erscheinen Bücher, wird in Vilnius diskutiert, wie der einstigen Synagoge gedacht werden kann. Als Irena Veisaitė 1995, in ihrem Ferienort Nidda, als Vertreterin der Soros-Stiftung, mit Frido Mann und anderen aus dem Ferienhaus von Thomas Mann ein Kulturzentrum machte, fürchteten die Bewohner noch die "Rückkehr der reichen Deutschen". Heute ist das braune Holzhaus mit den leuchtend blauen Fensterläden, hoch oben auf einer gelben Düne der Kurischen Nehrung, ein Museum und immer im Juli Festivalort.

Wird die "Idee Europa" überleben?

Und Irena Veisaitė, aufgewachsen in einem liberalen, bibliophilen, europäischen Elternhaus, ist noch immer überzeugte Europäerin: "Ich bin sehr traurig und habe auch Angst, dass die Geschichte wieder sehr gefährlich werden kann. Ich bin sehr traurig, und ich habe nie gedacht, dass ich noch solch eine Zeit erlebe. Und ich weiß nicht, ob die Idee Europa überleben wird. Man ist zu egoistisch. Natürlich bin ich sehr unglücklich über den Brexit. Für mich war das ein Verrat. Ich verstehe die Kritik, aber man muss von innen kämpfen."

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