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Warum Notre-Dame das Herz der Franzosen ist | BR24

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Notre-Dame ist das Herz der Franzosen, Ort ihres kulturellen Gedächtnisses und ein Zeichen des Friedens und des Kultes der Weiblichkeit. Ein Gespräch mit der Romanistin Barbara Vinken.

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Warum Notre-Dame das Herz der Franzosen ist

Notre-Dame ist mehr als ein 'Wahrzeichen". Die Kathedrale ist das Herz der Franzosen, Sitz ihres kulturellen Gedächtnisses und ein Zeichen des Friedens und des Kultes der Weiblichkeit. Ein Gespräch mit der Romanistin Barbara Vinken.

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Die Kathedrale Notre-Dame hat die Wirren der Französischen Revolution und zwei Weltkriege weitgehend unbeschadet überstanden. Doch gestern Abend brach im Dachstuhl der gotischen Kathedrale in Paris ein verheerender Brand aus, bei dem zunächst nicht absehbar war, ob er den Kirchenbau nicht womöglich komplett vernichten würde. Das immerhin konnten rund 400 Feuerwehrkräfte verhindern. Das Ausmaß der Zerstörung ist aber auch so katastrophal und lässt sich momentan noch nicht wirklich abschätzen. Christoph Leibold hat mit der Literaturwissenschaftlerin, Romanistin und Frankreich-Kennerin Barbara Vinken über die symbolische Bedeutung der Pariser Kathedrale gesprochen.

Christoph Leibold: In den Zeitungs- und Agenturmeldungen zu diesem Feuer ist immer die Rede von Notre-Dame als Wahrzeichen von Paris. Ein Wahrzeichen, das klingt für mich aber nach etwas, wo man sich als Tourist unbedingt vorstellen muss, um sich mit dem Selfie-Stick zu fotografieren. Das scheint mir etliche Nummern zu klein. Haben Sie da einen treffenderen Begriff?

Barbara Vinken: Die Leute haben gesagt „Wahrzeichen“, das finde ich auch wirklich schwach, oder größte Touristenattraktion, die größte Touristenattraktion der Welt. Andere haben aber auch gesagt, das sei das Herz oder das sei ein Teil von uns, wie Macron gesagt hat. Das finde ich schon eine sehr viel bessere Formulierung.

Würden Sie so weit gehen zu sagen, die Notre-Dame, die ja über achteinhalb Jahrhunderte alt ist, ist Sitz des kulturellen Gedächtnisses von Frankreich?

Ja, Sitz des kulturellen Gedächtnisses auf jeden Fall. Das ist ja immer ein sehr umkämpftes Symbol gewesen und eigentlich eins, in dem dann aber trotzdem der Frieden in gewisser Weise und die Schönheit Stein geworden ist, und das eigentlich auch von den meisten Leuten so gesehen wird.

Was ist dann aber da gespeichert in diesem kulturellen Gedächtnis? Können Sie das mal ein bisschen aufmachen?

Erstmal natürlich die Kathedralen Nordfrankreichs, diese gotischen Kathedralen, die Teil einer großen europäischen Bewegung gewesen sind. Das waren die Zisterzienser, die daran ganz maßgeblich mit beteiligt waren. Das ist eines der schönsten Baustile der Welt, es gehört zu den schönsten Bauwerken der Welt überhaupt, denke ich. Und es ist im Prinzip ein Zeichen des Friedens und des Kultus der Weiblichkeit, weil es ja alles Kirchen sind, die nach der Gottesmutter heißen. Und insofern ist es schon eines der wichtigsten Errungenschaften Europas.

Es ist ein Bau nicht nur von Symbolkraft an sich, sondern der immer für Symbol-Handlungen in gewisser Weise eingesetzt worden ist: zum Beispiel 1944, die Befreiung von der Nazi-Herrschaft, da läuteten dann die Glocken von Notre-Dame.

Es gibt natürlich symbolträchtige Kirchen, Saint-Denis etwa ist die Grabkirche der französischen Könige, Reims ist die Krönungskirche der französischen Könige. Insofern ist Notre-Dame in Paris die große Stadt- Kathedrale, in der eben auch solche symbolischen Ereignisse gefeiert werden.

Die Zahl praktizierender Christen in Frankreich ist, wenn ich recht informiert bin, eigentlich noch ein Stück niedriger als in Deutschland. Präsident Macron erklärt aber, ein Teil von uns – also der Franzosen - sei da in Flammen aufgegangen. Die identifikatorische Kraft dieses Bauwerks ist ungebrochen, trotz Säkularisierung?

Frankreich ist bis heute von einem sehr harten Konflikt zwischen der Republik und der Kirche bestimmt, das ist wesentlich härter abgelaufen als zum Beispiel in Deutschland. Es gibt immer noch sehr viel Anti-Klerikalismus, der gerade in letzter Zeit wieder stark alimentiert worden ist, und trotzdem gehört das christlich-katholische Erbe zum Herzstück der europäischen aber auch besonders der französischen Identität.

Im Zuge der Französischen Revolution wurde die Kathedrale dann einfach umgewidmet - sozusagen zum Tempel der Vernunft.

Das ist dieser Kampf oder dieser Konflikt, der getobt hat seit der Revolution zwischen Kirche und Republik. Die Republik hat die Kirche immer auf der Seite der Monarchie gesehen und war damit der ideologische Hauptfeind, und diese ganzen Umwidmungen von der Kirche auf die Republik waren eben sehr drastisch in Frankreich. Dieser Kampf besteht bis heute: Jeder französische Präsident, auch Macron, muss ja immer ein Bekenntnis zur Laizität abgeben. De Gaulle hat das am schönsten gesagt: „La république est laïque mais la france est chrétienne“, die Republik ist laizistisch und Frankreich ist katholisch.

Was Notre-Dame angeht, so reden wir auch von Kunstschätzen von ideellem und materiellem Wert, die hier womöglich ein Raub der Flammen geworden sind. Worum muss man da besonders fürchten?

Ich denke, die Rosetten sind kaputt und, wenn ich das richtig gesehen habe, dass die meisten Fenster kaputt sind. Nun ist es so, dass die meisten aus dem 19. Jahrhundert waren und nur noch drei aus dem zwölften Jahrhundert - die Lage ist also etwas anders als in Chartres, wo das noch viel schlimmer gewesen wäre. Aber das ist ganz fürchterlich, weil auch die 19. Jahrhundert-Fenster ganz schön waren. Die Lage mit den Bildern und Altären kann ich nicht genau einschätzen.

Es gab noch gestern Abend viele Solidaritätsadressen aus dem Ausland, von Angela Merkel zum Beispiel, aber auch von EU-Ratspräsident Donald Tusk. Sie haben schon gesagt, das hat auch eine europäische Dimension. Ist Notre-Dame auch ein europäisches Symbol?

Ich würde sagen auf jeden Fall und ganz ohne Frage, weil diese Gotik ja auch tatsächlich eine europäische Bewegung war. Sie haben eigentlich überall in Europa gotische Kathedralen. Und es ist ja auch interessant, dass das Mittelalter und die Mönche und der Klerus damals sehr viel europäischer waren oder genauso europäisch waren wie die Aristokratie und keinesfalls national gebunden. Und in den Kathedralen klingt dieses europäische Erbe der Zeit noch ganz stark nach.

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Autor
  • Christoph Leibold
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