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Das Oktoberfest-Attentat und der Doppelmord von Erlangen - ein Gespräch mit Ulrich Chaussy

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"Das hat hinten und vorne nicht gestimmt"

Das Oktoberfest-Attentat vor 40 Jahren – Werk eines Einzeltäters? Ulrich Chaussy hat das von Anfang an bezweifelt. Warum und was das mit dem Erlanger Doppelmord zu tun hat, das zeigt der Investigativ-Journalist in einem neuen Buch und im Gespräch.

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Von
  • Christoph Leibold

Als wäre nichts gewesen. Rund zwölf Stunden nach dem bis heute schwersten Anschlag in der Geschichte der Bundesrepublik waren am Tatort alle sichtbaren Spuren beseitigt. Am Abend des 26. September 1980 – der Tag jährt sich am Samstag zum 40. Mal – detonierte neben dem Haupteingang zum Münchner Oktoberfest eine Bombe. 13 Menschen kamen ums Leben, über 200 wurden verletzt. Doch schon am nächsten Vormittag war der Boden, wo die Explosion einen Krater gerissen hatte, wieder asphaltiert. Und auch die Ermittlungen wurden, zumal für ein Attentat dieses Ausmaßes, zügig eingestellt, nach zwei Jahren schon. Rasch hatte man sich auf den 21 Jahre alten Geologiestudenten Gundolf Köhler als alleinigen Bombenbauer und Täter festgelegt. Zu denjenigen, die früh Zweifel an dieser Einzeltäter-Theorie angemeldet haben, zählt der BR Journalist Ulrich Chaussy – der mittlerweile im Ruhestand aber als investigativer Buchautor weiter aktiv ist. Christoph Leibold hat mit Ulrich Chaussy über das Attentat und die Versäumnisse danach gesprochen.

Christoph Leibold: Was sind die zentralen Argumente, die dich praktisch von Anfang an an dieser Mär – wie du es nennst – vom Einzeltäter Gundolf Köhler zweifeln haben lassen?

Ulrich Chaussy: Die Wochen nach dem Attentat waren alle Medien voll davon, dass Gundolf Köhler ein Rechtsextremist sei, dass er bei der Wehrsportgruppe Hoffmann geübt habe und auch bei der Wiking-Jugend war. Das verschwand dann. Zwei Jahre dauerten diese Ermittlungen, und dann war buchstäblich nichts mehr davon übrig. Er soll ein unglücklicher junger Mann gewesen sein, sexuell frustriert, sozial isoliert. Und die Münchner Bombe hat er gebaut, um nach München zu fahren und sich dort in der Öffentlichkeit in die Luft zu sprengen und Selbstmord zu begehen.

Das klang nicht plausibel für dich, zumal es auch ganz andere Zeugenhinweise gab.

Erstens Zeugenhinweise vom Abend der Tat, dass er in Begleitung war. Ich bin dann nach Donaueschingen gefahren, habe einfach mal recherchiert, worauf eigentlich dieses Psychogramm des selbstmörderischen Einzeltäter beruht, und habe festgestellt: Dieser junge Mann ohne Zukunftsaussichten schließt wenige Wochen vor dem Anschlag einen Bausparvertrag ab. Er gibt eine Anzeige in der Zeitung auf, weil er Schlagzeug spielt und wieder eine Band haben möchte. Er findet sie und übt zweimal in der Woche. Das hat hinten und vorne nicht gestimmt. Und die Aussage desjenigen, den sich die Ermittler damals zum Kronzeugen erkoren haben, die standen völlig alleine. Es gab ganz andere Aussagen über Gundolf Köhler, und das war der erste große Zweifel. Man konnte auf diese Art und Weise die Geschichte beilegen. Bei einem Selbstmörder muss man nicht mehr fragen, warum er sich umbringt und ob er von anderer Seite dazu irgendwelche Anregungen bekommen habe.

Dass der Tatort über Nacht zugeteert worden ist, das will mir fast symptomatisch erscheinen für die ganze Aufarbeitung dieses Verbrechens. Es geht ja nicht nur darum, dass es pietätlos war, dass die Wiesn einfach weitergefeiert wurde, als wäre nichts gewesen, sondern man konnte den Eindruck bekommen, es sollte überhaupt schnell Gras über die Sache wachsen. Deiner Meinung und deinen Recherchen zufolge - Was waren die Motive dahinter?

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Ein Ort der Verwüstung: Tatort Wiesn am 26.09.1980

Es war ja Bundestagswahlkampf damals, 1980, ein politisch hoch aufgeheizter. Der Bundeskanzler Helmut Schmidt von der SPD FDP-Koalition wurde herausgefordert vom Kanzlerkandidat der Union und bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß. In jener Nacht kam er zum Tatort, und er erlag der bösen Versuchung, diesen Anschlag, diesen ungeklärten Anschlag in den Wahlkampf zu ziehen. Er beschuldigte nämlich den damaligen Bundesinnenminister Gerhart Baum von der FDP, dass er die Sicherheitsdienste und die Polizei mit seinem Bürgerrechtsgerede so verunsichert habe, dass die sich nicht mehr im Bereich extremistischer Gruppierungen trauten, die aufzuklären und zum Beispiel Hinweise auf bevorstehende Gewalttaten zu registrieren. Man dachte aber vor allem an den Linksterrorismus, der ja die davor liegenden 70er-Jahre geprägt hatte. Und dann kommt am nächsten Morgen raus: Der mutmaßliche Bombenleger stammt aus der rechtsextremistischen Wehrsportgruppe Hoffmann beziehungsweise hat dort aktiv mitgemacht. Und das ist die Gruppe, die haben die CSU Staatsregierung und auch Strauß gewähren lassen. Alle Anfragen im Landtag, ob die gefährlich sind, wurden abgewimmelt: Ach Quatsch, das sind nur so eine Art von erweiterter Pfadfinder-Geschichten. Damit drohte das dem Herrn Strauß auf die Füße zu fallen.

Du hast bereits 1985 die Ergebnisse deiner Recherchen in einem Buch zusammengefasst, und dieses Buch hat, wie du schreibst, über die Zeit Jahresringe angelegt, nämlich in Gestalt neuer Ausgaben mit neuen Erkenntnissen. Jetzt, zum 40. Jahrestag, ist eine Neuausgabe erschienen. Mit welchen neuen Einsichten denn? Das, was wir jetzt bisher besprochen haben, ist mehr oder weniger Stand schon von damals.

Es ist ja jetzt dazugekommen, dass 2014 im Dezember der Generalbundesanwalt Harald Range zum ersten Mal in der Geschichte dieser Behörde ein Verfahren nach 32 Jahren Stillstand wieder aufgenommen hat, weil es eben Hinweise gab. Nach dem Film Der blinde Fleck, der meine Geschichte mit dieser Recherche über Jahrzehnte erzählte – also ein Kinofilm, der sozusagen die realen Ereignisse ein Stück weit fiktionalisiert hat, aber natürlich versucht hat, dem wahren Gehalt nahe zu kommen. Dann hat sich die Zahl der Hinweise von Zeugen, die Neues zu berichten hatten, so erhöht, dass der Anwalt der Opfer, Werner Dietrich, einen dritten, endlich erfolgreichen Aufnahmeantrag beim Generalbundesanwalt stellen konnte.

Was waren das für neue Hinweise von den Zeugen, die sozusagen durch diesen Kinofilm hellhörig geworden sind und gesagt haben, jetzt melde ich mich doch bei Herrn Chaussy?

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Der Attentäter Gundolf Köhler nahm mehrfach an Geländeübungen der Wehrsportgruppe Hoffmann teil.

Die Hinweise haben sich gar nicht als stichhaltig erwiesen. Aber die Nachprüfung in Donaueschingen hat zum Beispiel endlich erbracht, dass der damals kreierte Kronzeuge mit der Selbstmordtheorie natürlich überhaupt nicht stimmt. Man hat sich jetzt auf den anderen engeren Freund von Gundolf Köhler gesetzt, der damals schon – das hab ich auch 1985 schon geschrieben – gesagt hat: Der Gundolf dachte darüber nach, wie kann ich die Bundestagswahlen beeinflussen? Wie kann ich dazu beitragen, dass extreme Parteien bessere Prozentzahlen bekommen?

Das Attentat wurde endlich als das eingestuft, was es war: Terror von Rechts. Wir kommen gleich noch auf diese zweite Ermittlungsphase zurück. Zunächst nochmal, das neue Buch heißt "Das Oktoberfest-Attentat und der Doppelmord von Erlangen". Das heißt, es geht nicht nur um den Anschlag vom 26.9.1980, sondern auch um den Mord an dem jüdischen Rabbiner und Verleger Shlomo Lewin und dessen Lebensgefährtin Frida Poeschke. Nur ein Vierteljahr später war das. Wieso hast du diese beiden Fälle in einem Buch zusammen behandelt?

Das ging damit los, dass da schon mal klar war, dass der mutmaßliche Mordschütze tatsächlich ganz nahe bei der Wehrsportgruppe Hoffmann angesiedelt war. Es war Uwe Behrendt, eine Art Adjutant von Karl-Heinz Hoffmann, der auch bei ihm wohnte und hinterher verschwunden war – übrigens deswegen, weil ihn Karl-Heinz Hoffmann in den Libanon entfliehen ließ, wo er eine Nachfolgegruppe für seine Wehrsportgruppe aufbaute. Dieser Uwe Behrendt soll in der Nacht nach dem Mordanschlag seinem Chef gegenüber, der der einzige Gewährsmann in diesem Prozess war, für den Ablauf dieser Tat, gesagt haben: Das war Rache für München. Was heißt Rache für München? Das war die Verschwörungserzählungen, die Karl-Heinz Hoffmann im Libanon zu Papier brachte. Und zwar geht die so: Der israelische Geheimdienst Mossad habe dieses Oktoberfest-Attentat in München inszeniert und durchgeführt mit diesem angeheuerten Gundolf Köhler, so dass der Verdacht auf ihn falle, so dass er, der unschuldige Patriot, auf alle Zeit desavouiert werde als ein schlimmer Terrorist. Naja, und der Herr Behrendt, der einer von seinen Wehrsport-Leuten und engsten Vertrauten im Libanon war, der soll sich das so zu Herzen genommen haben, dass er seinen Chef dann an einem Juden in Erlangen gerächt hat. Diese Geschichte ist so vor Gericht gekauft worden. Behrendt konnte nicht verurteilt werden, denn der war im Libanon und war dann auch neun Monate später, im September 1981, tot. Auch ein toter Einzeltäter und Herrn Hoffmann hat man nicht nachweisen können, dass er damit irgendetwas zu tun hat.

Was beide Fälle gemein haben, ist diese sprichwörtliche Blindheit auf dem rechten Auge. Versäumnisse also auch hier, wie beim Oktoberfest-Attentat und den Ermittlungen dazu. Wenn wir darauf nochmal zu sprechen kommen: 2014 wurden die Ermittlungen nochmal neu aufgenommen. Fünfeinhalb Jahre lang. Jetzt, im Sommer, vor ein paar Monaten, wurden sie wieder eingestellt: Immerhin wird es jetzt anerkannt als rechtsextremistischer Anschlag. Wieso ist das trotzdem unbefriedigend, dieses Ergebnis?

Na ja, da ist eine Parade verpasster Chancen da, die die neuen Ermittler gar nicht mehr gutmachen konnten. Sie hatten eigentlich keine Chance, denn die damals gegebenen Spuren genau zu verfolgen, 40 Jahre später, das ist unmöglich.

Aber sie hätten vielleicht die Chance gehabt, die Schlampereien oder vielleicht auch absichtlichen Vertuschungen von damals nochmal aufzudecken.

Sie hätten vor allem sagen können: Sorry, wir konnten nicht mehr leisten, weil unsere Kollegen uns dieses Debakel hinterlassen haben.

Dritte Ermittlungen wird es wahrscheinlich nicht geben. Welche Chancen gibt’s dann vielleicht noch?

Nein, ich glaube da nicht dran. Ich glaube auch nicht an diese Leute, die dann auf dem Totenbett auspacken und so. Man muss, was mich angeht, auch mit solchen Niederlagen leben können. Es ist jetzt wenigstens eine Einordnung da. Und was ich natürlich hoffe, das ist, wenn man klar auf diese Versäumnisse blickt, zum Beispiel auch auf diese komische Neigung, immer diese Einzeltäter finden zu wollen und nicht die Netzwerke aufzudecken, dass man das bitte, bitte, bitte bei zukünftigen rechtsextremistischen Taten anders macht und daraus lernt.

"Das Oktoberfest-Attentat und der Doppelmord von Erlangen", heißt das neue Buch von Ulrich Chaussy. Erschienen ist es im Christoph Links Verlag.

Das Oktoberfest Attentat, das sich am Samstag zum 40. Mal jährt, ist heute Abend auch Themenschwerpunkt im BR Fernsehen, der abschließt mit dem schon erwähnten Spielfilm "Der blinde Fleck" von Daniel Harrich.

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Cover: "Das Oktoberfest-Attentat und der Doppelmord von Erlangen" von Ulrich Chaussy

Anmerkung der Redaktion: In der ersten publizierten Fassung des Textes haben wir irrtümlich aus dem Geologiestudenten Gundolf Köhler einen Theologiestudenten gemacht. Das wurde jetzt korrigiert.

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