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Das große Glück des kleinen Kampa-Verlags | BR24

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Audio: kulturWelt auf Bayern2, ein Beitrag von Marie Schoeß

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Das große Glück des kleinen Kampa-Verlags

Olga Tokarczuk hat den Literatur-Nobelpreis für 2018 gewonnen. Ein Glücksfall für Tokarczuks deutschen Verlag, denn Daniel Kampa hat seinen Verlag erst letztes Jahr gegründet. Doch Preisträger zu verlegen, birgt auch ein Risiko.

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Als Daniel Kampa im vergangenen Jahr einen eigenen Verlag gründete, wurde ihm eine gewisse Verrücktheit nachgesagt, gepaart mit einer eigentümlichen Mischung aus Glück und Geschick. Aus diesen Zutaten konnte sich der Literaturbetrieb, der ja von Haus aus an guten Geschichten interessiert ist, seine eigene stricken.

Maigret-Erfinder Simenon unter den Fittichen des Verlags

Denn Kampa, der sich in Zeiten wie diesen zur Gründung eines belletristischen Verlags hinreißen ließ, machte einen seinerseits verrückten Literaten zu dessen Hausheiligen: George Simenon, der Kommissar Maigret und dessen Pfeife erfand, überhaupt: hunderte Romane, hunderte Kurzgeschichten; und der Frauen, deren Zuneigung dieser Erfindungslust in die Quere kam, flugs wieder verlassen haben soll. Dass Kampa diesen manisch Schreibenden dem früheren Simenon-Zuhause und auch Daniel Kampas früherem Zuhause, dem Diogenes-Verlag nämlich, abluchsen konnte, bewies, dass er – immerhin – nicht nur übermütig war, sondern dass es sich lohnen könnte, auf weitere Coups zu achten.

Wagnis erweist sich als Glücksfall

Nun lässt sich die Geschichte von verlegerischer Verrücktheit und verlegerischem Glück weiterspinnen – mit Olga Tokarczuk. Deren neuer Roman, "Die Jakobsbücher", wurde Kampa angeboten – und der? Hat ein bisschen gezögert: "Das ist ein Roman von 1.200 Seiten und das bringt einen kleinen Verlag an seine Grenzen – auch finanziell," erzählt Daniel Kampa. "Die Übersetzung ist sehr teuer, die Satzkosten, der Druck eines solchen Buches ist sehr teuer. Als wir das Buch im September gedruckt haben, hat allein das Papier für die erste Auflage 12.000 Euro gekostet. Das war schon ein verrücktes Unterfangen zu sagen: Ich mache das Buch. Und ich mache nicht nur das eine Buch, sondern ich schließe Verträge für das Gesamtwerk ab."

Nun dürfte Tokarczuk Daniel Kampa andere verrückte Unterfangen ermöglichen – denn aus einer schwer verkäuflichen Autorin macht ein Literaturnobelpreis bekanntlich eine Autorin, die sich verkauft. In Zahlen: "Vor dem Nobelpreis hatten wir 1.200 Exemplare des Romans verkauft," so Kampa, "und hätten schlussendlich sicher auch nicht mehr als 2.000 verkauft. Und natürlich sind wir jetzt bei über 20.000 Exemplaren, auch von 'Unrast' haben wir sehr viel verkauft."

Die Gefahr beim Geschäft mit Preisträgern

Natürlich gibt es ein Aber. Denn Buchhandlungen bestellen Bücher von Preisträgern, können die nach einer gewissen Zeit aber auch an die Verlage zurückschicken, wenn sie sich nicht verkaufen. "Als kleiner Verlag muss man da aufpassen," erklärt Kampa. "Wir können jetzt nicht unglaubliche Auflagen drucken und im Frühjahr kommen dann Tausende Bücher zurück. Das ist ein bisschen die Gefahr – es gab schon Literaturpreise, die kleine Verlage an den Rand des Ruins gebracht haben."

© Porträt: Łukasz Giza, Cover: Kampa Verlag, Montage: Bayerischer Rundfunk

Olga Tokarczuk und ihre Bücher "Die verlorene Seele" und "Taghaus Nachthaus"

Das Gesamtkunstwerk aufs Podest heben

Vom Finanziellen einmal abgesehen zeigt Daniel Kampa aber gerade mit Olga Tokarczuk, was er schon mit Simenon bewies: Er versteht sich als Verleger eines Autors, einer Autorin, verantwortlich dafür, das Gesamtwerk aufs Podest zu heben, es langfristig zu präsentieren, statt auf einzelne Titel und kurzfristiges Medieninteresse zu setzen. Und so bittet er Autoren, Regisseure, Intellektuelle um Vorworte neuer Ausgaben, will so wieder Lust machen auf Klassiker, und er kümmert sich um neue Übersetzungen alter Werke.

Ein Beispiel: Gerade erschienen ist der Roman "Der Gesang der Fledermäuse" von Olga Tokarczuk. "Das ist ein Krimi," so Daniel Kampa, "ein sehr spezieller, sehr literarischer Krimi, der aber unglaublich witzig ist und diesen Witz mit einer harschen Zivilisationskritik verbindet. Man kann das wunderbar lesen als herrlich schrulligen Krimi mit einer Art polnischer Miss Marple, aber man erfährt auch viel über Umwelt, Tierschutz – ganz wichtige Themen."

Nach den "Jakobsbüchern" und "Unrast" bringt Daniel Kampa bis Ende des Jahre vier weitere Bücher von Olga Tokarczuk heraus. Sehr gut war er vorbereitet auf diesen Preis, denkt man im Stillen und fragt sich, ob er etwas gewusst, geahnt habe. Nein, nein – so etwas könne man nicht wissen, auch nicht erhoffen, dann passiere es nicht, entgegnet Kampa. Und überlässt es uns anderen, weiter zu spekulieren – über das Glück dieses kleinen Verlages.

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