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Finanznot wegen Corona: Das langsame Sterben der Clubs | BR24

© Audio: BR/ Bild: dpa/picture alliance

Die Clubs stehen vor dem Ruin.

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Finanznot wegen Corona: Das langsame Sterben der Clubs

Seit Beginn der Corona-Krise sind die Clubs in ganz Deutschland geschlossen – ohne Aussicht auf Öffnung. Womöglich wird es viele nach der Krise nicht mehr geben. DJs und Club-Besitzer gehen damit sehr unterschiedlich um.

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Pamela Schobeß betreibt den Gretchen Club in Berlin. 15.000 Euro Fixkosten pro Monat türmen sich gestundet auf. Als Vorsitzende der Clubcommssion Berlin sagt sie: Jetzt muss der Staat helfen! "Wir sind geschlossen und können einfach überhaupt nichts einnehmen, können gar nichts verdienen, haben keine Rücklagen und können keine Kredite abzahlen. Infolgedessen brauchen wir tatsächlich Zuschüsse. Also wir brauchen Finanzhilfen, so blöd das klingt, wir brauchen tatsächlich einfach Geld, damit wir unsere Orte erhalten können und das fordern wir."

"Sich auffüllen mit Andersartigkeit"

Das sehen nicht alle so. Der Berliner DJ WestBam ist skeptisch, er zweifelt daran, dass Staatshilfen "die bessere Kultur hervorbringen", Punkrock und Rave und alle diese Sachen, seien immer Flucht vor dem Staat und nicht der Ruf nach dem Staat.

Tobias Rehberger wendet ein, dass "Gegenwelt eigentlich nicht fordern kann, gleichbehandelt werden zu wollen wie Mitwelt. Also das ist ein gewisser Widerspruch." Tobias Rehberger ist Großkünstler. Er mag es, wenn sich Leute treffen. Für seine Cafeteria, die er bei der Kunstbiennale in Venedig installierte, hat er den Goldenen Löwen bekommen. Clubs verlässt er erst bei Sonnenschein. Sie können dein Leben retten, sagt er. Du gehst leer rein und kommst mit Kunst wieder raus. "Sich auffüllen mit Andersartigkeit. Dafür sind diese Clubs zuständig". Das ermöglichen sie – so Rehberger – durch ihre Atmosphäre, einfach nur durch ihr Dasein. Und das tragen natürlich viele Leute eben weiter in andere Bereiche."

© dpa/picture-alliance

WestBam alias Maximilian Lenz live auf der Bühne beim 30. Stadtfest in Teltow.

Seit mehr als 20 Jahren betreibt Ata Macias das "Robert Johnson" in Offenbach. Untergebracht im zweiten Stock eines Rudervereins ist sein Club einer der wichtigsten Orte für elektronische Musik – weltweit. "Hier werden Dinge einfach neu interpretiert, neu aufgefasst, neu gesehen, neu verarbeitet. Und das entspricht in einem geschlossenen Raum wie hier, wo man sich ausleben kann, wo man seinen Fetisch leben kann, wo man Dinge machen kann, die man zuhause nicht machen darf oder nicht auf der Straße, das passiert hier und dadurch entstehen diese Arbeiten, dadurch entstehen neue Menschen, dadurch entstehen neue Kreative, kreative Outputs."

Clubs sind begehbare, soziale Skulpturen

Das Robert Johnson ist ein schlichter Raum. Die Tanzfläche aus Holz, die Soundanlage exquisit. Sonst kein Schnickschnack. Der Blick über den Main, der Geruch des Hafens und der berühmte Balkon, auf dem man morgens die Sonne aufgehen sehen kann. Die Erhabenheit des Moments. Und die Schönheit des Zusammenseins – Clubs sind begehbare, soziale Skulpturen, Orte mit Patina. Wenn solche Clubs aufgeben müssen, kommen sie nicht mehr wieder. Verloren – an kommerzielle Immobilien-Interessen.

Pamela Schobeß, Betreiberin des Gretchen Clubs in Berlin hat große Bedenken. "Und wenn jetzt die Räume, die man so mühevoll hat erhalten können, jetzt auch noch alle wegbrechen. Wenn wir zum Beispiel hier raus müssten, würde ja jetzt im Augenblick auch kein neuer Club reingehen, das heißt, es würde irgendwas anderes reingehen. Irgendein anderes Gewerbe."

WestBam, der international gebuchte DJ, redet sich leicht. Er trägt keine Verantwortung für Personal und Ort. Er sagt: "Wenn Leute tanzen wollen, wird es Leute geben, die irgendwo zwei Boxen hinstellen und die ein Brett hinlegen und dann geht es los. Und das ist nicht verkehrt, wenn das mal wieder zu diesem Punkt kommt. Also, da glaube ich, da ist mir nicht bang um die Kultur."

Doch Clubs sind Kulturinstitutionen mit kuratiertem Programm. Die Betreiberinnen machen meist nur ein Prozent des Umsatzes an Gewinn. Und doch: "Das arrivierte Nachtleben stellt natürlich immer auch einen Machtfaktor dar, der jetzt auch wieder andere unterdrückt, weil die sagen dann: Wenn du im Berghain spielen willst, dann spielst du nicht bei dem und dem, ja. Wenn es dieses Berghain dann nicht mehr gibt, dann dürfen die wieder überall spielen. Das hat nicht immer nur Nachteile."

Clubs sind Fenster in die Freiheit

Ata Macias, Betreiber des Robert Johnson in Offenbach ist erschöpft: "Also ich würde nicht noch einmal von vorne anfangen. Ich bin schon weit drüber hinweg. 25, 30 Jahre habe ich diese Clubkultur mitgeprägt. Und ich glaube, danach würde ich es nicht mehr schaffen. Ich würde einfach die Kraft, die ich sozusagen in dem jugendlichen Leichtsinn hatte, nicht noch einmal in die Waagschale werfen." Auf absehbare Zeit wird keine Clubkultur stattfinden. Es gibt erste Versuche: Tanzen im Wald. Aber das hat kaum etwas mit Gegenwelt zu tun. Clubs sind nicht einfach nur Diskotheken. Clubs sind Fenster in die Freiheit. Was riskieren wir, wenn uns solche Orte verloren gehen? Und diese Momente? Können wir uns das leisten?

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