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Eine Inschrift auf dem Gelände des Mutter-Kind-Heims im westirischen Tuam. Es heißt: "In Erinnerung an alle, die hier begraben liegen."
© picture-alliance/dpa Aidan Crawley

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Thomas Kruchem
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Eine Inschrift auf dem Gelände des Mutter-Kind-Heims im westirischen Tuam. Es heißt: "In Erinnerung an alle, die hier begraben liegen."

Zusammengepferchte Babys, einige völlig abgemagert, mehrere mit epileptischen Anfällen, Lähmungen und Abszessen - so beschreibt ein Inspektionsbericht der lokalen Gesundheitsbehörde vom 17. April 1947 das Heim in Tuam. Eine Hölle auf Erden, die viele Kinder mit dem Tod bezahlten: Die Kindersterblichkeit lag um 1950 bei 25 Prozent in kirchlichen Mutter-Kind-Heimen Irlands - fünfmal so hoch wie in Irland insgesamt.

Eine Grube voller Kinderskelette

Das Heim für ledige Mütter und deren Kinder im westirischen Tuam wurde von 1925 bis 1961 von katholischen Bon Secours-Nonnen betrieben und befand sich in Sichtweite der erzbischöflichen Residenz.

Die heute 64-jährige Lokalhistorikerin Catherine Corless stammt aus der Nachbarschaft des Heims. 2014 begann sie, dessen Geschichte zu erforschen und hörte Verstörendes von heutigen Bewohnern des Geländes: Schulkinder hätten 1975, bei Bauarbeiten, eine Grube entdeckt - voller Kinderskelette, gehüllt in Tücher.

Die Kreisverwaltung sagte, sie wisse nichts darüber. Eine Mitarbeiterin des Standesamtes aber kopierte für Corless 796 Todesurkunden von Kindern des Heims in Tuam.

Hinweise auf grobe Vernachlässigung

Bei ihren Recherchen fand Corless Hinweise auf grobe Vernachlässigung der Kinder: Wenn sie krank waren, kümmerte sich kaum jemand um die Kinder; selten wurden Medikamente eingesetzt, durch die völlig überfüllten Räume konnten sich Infekte rasend schnell ausbreiten.

"Kurz, alles deutet darauf hin, dass sich die Nonnen keinerlei Mühe machten, sterbende Kinder zu retten. Sie ließen sie einfach sterben." Catherine Corless, Lokalhistorikerin

Ein Land fest in katholischer Hand

Als Irland 1922 unabhängig wurde, war die katholische Kirche die stärkste Macht im Land. Schulen, Krankenhäuser, Kinder- und Frauenheime - alle in kirchlicher Hand.

Der Priester war die Autorität jedes Dorfes. Er repräsentierte Gott auf Erden; wer ihm widersprach, landete in der Hölle. Wurde ein unverheiratetes Mädchen schwanger, kam der Pfarrer ins Haus und sagte der Familie: "Ihr könnt eure Tochter nicht hierbehalten. Sie übt einen schlechten Einfluss aus auf andere Menschen und das ganze Dorf."

Die junge Frau wurde dann in ein Mutter-Kind-Heim geschickt, während man den Nachbarn sagte, sie sei arbeiten in England. Ein Jahr verbrachte die Mutter mit ihrem Kind im Heim und arbeitete dort. Dann wurde sie fortgeschickt, und das Kind blieb.

Export von Adoptivkindern in die USA

Es gibt geheime Protokolle des irischen Gesundheitsministeriums von 2012, die belegen, dass die Nonnen von Tuam doppelt Buch geführt hätten. Sie hätten von Angehörigen und Behörden Unterhalt gefordert für Kinder, die gar nicht mehr im Heim lebten, weil sie tot waren, entlassen oder gegen viel Geld als Adoptivkinder in die USA exportiert wurden.

Auch hohe kirchliche Autoritäten sollen davon gewusst und sogar darauf gedrängt haben, Kinder für den amerikanischen Adoptionsmarkt zu identifizieren.

Was sagt die katholische Kirche?

Catherine Corless wurde ein einziges Mal vom Erzbischof von Tuam Michael Neary empfangen. Der Erzbischof zeigte sich betroffen, aber lehnte jede Verantwortung der Kirche ab. Das sei furchtbar, aber man habe keine Unterlagen und man habe nichts mit dem Betrieb des Heims zu tun gehabt, sagte er.

Tatsächlich gab es jedoch stets dem Erzbischof unterstellte Geistliche, die das Heim in Tuam seelsorgerisch betreuten, Gottesdienste abhielten, Kinder tauften und Kranke besuchten. Sie hatten die Totenmesse für Verstorbene zu lesen und deren Beerdigung auf geweihtem Grund, einem Friedhof also, zu leiten. All dies mussten die Geistlichen protokollieren. Doch diese Protokolle werden bis heute nicht öffentlich gemacht.

Auch staatliche Stellen wussten Bescheid

Tatsächlich bestätigen zahlreiche Dokumente, dass auch staatliche Stellen stets Bescheid wussten über das Grauen in den Heimen, aber nichts dagegen taten. Erst nach massivem öffentlichen Druck setzte die Regierung 2015 eine Kommission zur Untersuchung der Mutter-Kind-Heime ein.

Leider sei wenig zu erwarten von der Kommission, warnt die Menschenrechtsanwältin Maeve O’Rourke: Alle Sitzungen seien geheim, Informationen – auch von Opfern – dürfen nicht veröffentlicht werden und Journalisten bekommen keine Einsicht in Dokumente. Die Kommission darf sogar Betroffenen Informationen über ihre eigene Identität verweigern.

Ergebnisse erst für 2019 angekündigt

Im März 2017, nach zwei Jahren Arbeit, bestätigte die Kommission in einem kurzen Zwischenbericht, dass auf dem Heimgelände in Tuam tatsächlich Kinderknochen liegen. Zu den Todesumständen der Kinder sagt die Kommissaion bis heute nichts.

Die Vorlage ihres Abschlussberichts verschob sie von Anfang 2018 auf 2019. Menschenrechtsanwältin Maeve O’Rourke wundert sich nicht. Kommissionen wie diese, meint sie, dienten vor allem einem Zweck: die Täter zu schützen.

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Thomas Kruchem