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Der Film "Mellow Mud" kommt fast ohne Dialoge aus, aber es ist nicht schwer zu verstehen, was die beiden Geschwister bewegt. Regisseur Renārs Vimba transportiert viel über Blicke und Gesten. Das macht diese Coming-of-Age-Geschichte so intensiv.

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Sozialdrama "Mellow Mud": Wenn Geschwister im Matsch stecken

Ein Sozialdrama muss nicht zwangsläufig trostlos sein. Im Film "Mellow Mud" erzählt der lettische Regisseur Renārs Vimba eine Coming-of-Age-Story in der Provinz. Ein formal reifes Debüt über ein Geschwisterbündnis, mit viel Sinn für Beiläufiges.

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Von
  • Moritz Holfelder

Die siebzehnjährige Raya und ihr kleiner Bruder Robis laufen über einen matschigen Feldweg. Flaches Land. Hochstehendes, verdorrtes Gras. Weite Wiesen. Eine kaum besiedelte Gegend. "Mellow Mud", der Titel des Coming-of Age-Films des lettische Regisseur Renārs Vimba, lässt sich auf Deutsch mit "weicher Matsch" übersetzen. Raya und Robis klebt er jeden Tag an den Schuhen. Ihr Schulweg führt über die im Herbst und Winter aufgeweichten Wege, und nachmittags zurück zu dem Holzhaus, das ihnen die Mutter überlassen hat. Nach dem Tod ihres Mannes ist sie nach England ausgewandert und hat ihre beiden Kinder nicht mitgenommen. Die Oma ist als deren Vormund eingezogen. Doch die kommt mit Raya nicht zurecht und möchte das kleine Anwesen am liebsten verkaufen. Die beiden Kinder kämen dann ins Heim.

Überraschend reifes und berührendes Debüt

Klingt nach einem trostlosen Sozialdrama, ist es aber nicht. Regisseur Renārs Vimba begegnet Tristesse und Melancholie mit kraftvollen Szenen, die zeigen, wie Raya versucht, ihr eigenes Glück zu finden und zugleich für den Bruder zu sorgen. Vimba erzählt für ein Debüt formal überraschend reif von einer berührenden Schicksalsgemeinschaft, mit feinem Gespür für eine eher beiläufige Dramatik. Als Zuschauer ist man schnell vertraut mit dem Leben von Raya und Robis, schaut ihnen zu, wie sie ihren Alltag gestalten.

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Schicksalsgemeinschaft: Die lettischen Geschwister Raya und Robis schlagen sich zusammen durch und finden ihren Weg

In einer Szene sitzt Raya in einem Baum und sägt verdorrte Äste aus der Krone. Sie möchte die alte Apfelplantage hinter dem Haus rekultivieren – als eine potenzielle Einkommensquelle. Hoffnung auf eine bessere Zukunft keimt auf. Dann stirbt die Großmutter. Raya meldet den Tod nicht beim Sozialamt, um die Pension weiter beziehen zu können. Ihrem Bruder schärft sie ein, nun auf keinen Fall mehr auffallen zu dürfen. Das heißt: Regelmäßig zur Schule gehen! Das Beste aus der eigentlich ausweglosen Lage machen. In ein paar Monaten wird die junge Frau ihren 18. Geburtstag feiern, was mit der Aussicht auf Unabhängigkeit und Selbstbestimmung verbunden ist.

Intensive Geschichte fast ohne Dialoge

Regisseur Renārs Vimba inszeniert diese Geschichte fast ohne Dialoge. Er konzentriert sich auf Blicke, auf Gesten, auf die Mimik von Gesichtern. Findet zu einer Intensität, die diese eigentlich eher konventionelle Coming-of-Age-Geschichte so besonders macht. Dazu gehören auch der minimale Einsatz von Filmmusik und eine Montagetechnik, die viele Szenen nicht zu Ende erzählt, sondern vorzeitig abbricht.

Dieser fragmentarische Stil wird von der famosen Hauptdarstellerin Elīna Vaska getragen, die auf dem Film Festival of India, international auf einer Stufe mit Cannes, Venedig oder Berlin, als beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde. Die weitgehende Sprachlosigkeit ihrer Figur nutzt sie famos, um allgemein menschliche Zustände wie Einsamkeit, Wut, Freude und sexuelles Begehren auszudrücken. Da Renārs Vimba zudem auf banale Psychologisierungen und moralische Einordnungen verzichtet, hallt "Mellow Mud" noch lange im Kopf des Zuschauers nach.

"Mellow Mud" ist als DVD im Original mit Untertiteln diese Woche bei good!movies erschienen.

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